Archiv | 25 Minuten RSS feed for this section

Ein Laubbläser Rant (wtf?)

28 Okt

20151101_154025-1.jpg

Wenn ein Text beginnt mit „eigentlich lese und schreibe ich keinen Rant…“, dann weiß jeder gewiefte Leser und Internet-Checker, dass jetzt ein großes ABER folgt. Richtig.

Heute Morgen, als ich vom Joggen nach Hause kam, schickte ich noch mit verschwitzten Händen meiner Frau eine WhatsApp: „sag mal kurz wie heißen diese lauten stinkenden unkrautschneidermotorenhäcksler?“

Nach ein paar Sekunden kommt schon die Antwort: „Fadenschneider“

Meine Frau ist sozusagen die personifizierte, analoge Wikipedia. Sie weiß irgendwie immer alles, sodass ich gerne (weil es auch mehr Spaß macht), statt der Google-Suchmaschine meinen privaten WhatsApp-Dienst nutze.     

Aber Fadenschneider? Kann das sein? Fadenschneider hört sich so filigran an. So sensibel. So freundlich. Ich google also lieber doch nochmal und finde noch eine andere Bezeichnung. „Motorsense“. Das passt hier definitiv besser.

Aber zurück zum Rant. Ein Rant ist ein völlig übertriebener, polemischer, süffisanter, ironischer, wütender oder aufbrausender Text,  in dem der Verfasser sich mal ordentlich Luft verschaffen möchte, notfalls (bzw. meistens) auf Kosten eines anderen menschlichen Wesens. Da ich normalerweiser recht harmonisch veranlagt bin, mag ich genau das nicht (der eine macht sich Luft und der andere bekommt sie abgedreht) – was der Grund ist, weshalb ich einen Rant selten lese, noch bis jetzt geschrieben habe.

Freundlicherweise wird ein schöner Rant ja auch als solcher schon in der Headline angekündigt, sodass man sich ganz gut davor schützen kann.  

Weshalb ich jetzt doch einen schreibe? Weil ich mir Luft machen muss über ganz schreckliche Gegenstände, die besonders im Herbst ihrerseits die Luft extrem verpesten und die Umwelt belasten. Gemeint ist der ziemlich belästigende Laubbläser und die noch belästigendere Motorsense.

Heute war ich also Joggen im Park oder besser gesagt, so halb neben dem Park, da ich mich im Park gerne verlaufe, wenn ich so meinen Gedanken nachhänge. Hier im Volkspark ist glücklicherweise eine schöne 800 Meter Laufrunde, eine Mischung aus Sportplatz und Park. Das ist genau mein Ding, ich kann mich nicht verlaufen und weiß jederzeit wie viele Kilometer ich auf der Uhr habe, selbst ohne Uhr. Über mir wehen die Bäume und unter meinen Füßen raschelt das Laub. Und genau dieses schöne, bunte Laub ist im Herbst das Problem. Es muss weg. Schnell und kostengünstig. Also war meine morgendliche Laufstrecke bevölkert von zahlreichen Menschen, bewaffnet mit Laubbläsern und Motorsensen, die ohrenbetäubenden Lärm verbreiten und was noch viel schlimmer ist, die die schöne Morgenluft mit einem flächendeckenden Benzingestank überziehen. Wenn man es schafft, irgendwie ohne zu atmen an den Laubbläsern vorbeizukommen, dann sind die Motorsensen-Häcksler die nächste Herausforderung. Man muss das Atmen einstellen, wegen des Benzingestanks, und man muss sich aber auch gleichzeitig die Augen zuhalten, wegen der umherfliegenden Erdklumpen, Stöckchen und Steinchen.

Ich hatte mich schon darauf eingestellt das Ganze irgendwie eine Stunde durchzuziehen – ohne meinen Gedanken nachhängen zu können und den Tag zu planen halt – ich musste ja volle Konzentration auf Mund-, Nasen- und Augen-Performance legen, als ich fast über einen Benzinkanister stolperte. Klar, diese lärmenden Monster benötigen zwischendrin Sprit. Der Chef-Häcksler füllte mitten auf dem Weg Benzin vom Kanister in den Laubbläser. So frisches, unverbranntes Benzin beim Laufen einzuschnappatmen ätzt einem fast die Lunge weg, aber gut. Viel schlimmer allerdings ist, dass ich eine ziemlich Allergie bekomme (in Form von extrem schlechter Laune), wenn hier mal eben auf offener Strecke mit Benzin rumhantiert wird. Als mein Neffe dies vor ein paar Jahren beim Rasenmäher versuchte, ist er mit der Garage in die Luft geflogen und wurde nicht weit von mir in die Uni-Klinik geflogen. Als ich ihn am nächsten Morgen besuchte, konnte ich ihn unter den ganzen Wickeln zumindest an den Augen erkennen. Heute sieht er glücklicherweise wieder ganz hübsch aus.

Dieses Auftanken am offenen Herzen hat mich dann letztendlich doch dazu bewogen meine wunderhübsche Joggingstrecke zu verlassen und in den Park zu laufen. Blöd ist ja, dass es dort nicht so schön geradlinig ist und es geht auf und ab. Bergauf ist es anstrengend und bergab muss man aufpassen, dass man auf dem ganzen Laub nicht ausrutscht und sich auf den Hintern setzt – das wäre dann allerdings schon wieder Ironie des Schicksals.  

Leute, Leute, das kann doch echt nicht wahr sein. Mich macht das so wütend. Natürlich bin ich nicht wütend auf die Menschen, die diesen Job machen, schlimm genug, dass sie diesen Gestank und Lärm den ganzen Tag ertragen müssen.  

Wir überlegen einerseits, wie wir in Zukunft leben und arbeiten wollen, mit Drohnen, Robotern und Automatisierung. Und in der Gegenwart verpesten Laubbläser und Motorsensen mit Benzingestank Natur und Menschen. Das mag nicht so wirklich zusammenpassen. Ja, Politik und Kommunen müssen sparen, die elektrischen Varianten dieser Gartenmonster kosten das Dreifache und die Reichweite ist geringer. Aber darf das eine Frage der Kosten sein? Nur weil es günstiger ist 1-Euro-Jobber mit Dreckschleudern durch die Gegend zu jagen? Aber die Autoindustrie soll schön innovativ Elektroautos bauen und wir Verbraucher sollen diese schön brav kaufen? Roboter bringen mir demnächst meine Pakete, aber Arbeiten, die nun wirklich mal als Allererstes von Robotern übernommen werden könnten und sollten, da laufen vermutlich noch in zwanzig Jahren arme Menschen mit rückständiger Technik durch die Gegend.

Ich erwarte von einer Stadt im 21. Jahrhundert mit Symbolkraft für die Zukunft, dass sie wenigstens das Minimum an Modernisierung bietet. Und das absolute und eigentlich „alternativlose“ Minimum  sind Gartengeräte mit Elektroantrieb im öffentlichen Dienst. Die Akkus reichen nicht für einen Arbeitstag? Dann baut Ladestationen, viele, sehr viele – am besten für Autos und Laubbläser in einem. Basta!

 

Advertisements

Allein unter Menschen

5 Apr

„Noch nie zuvor habe ich Deutsche erlebt, die mich so laut angeschrien haben“ schreibt Tuvia Tenenbom in seiner Kolumne „Meine Deutschen brauchen die Flüchtlinge mehr als die Flüchtlinge sie“. Puh.

Vielleicht sollte Tenenbom mal darüber nachdenken, dass es vielleicht nicht nur am Flüchtlingsthema und nicht an den „Flüchtlingsliebenden“ Deutschen liegt, sondern an ihm selbst. Es gibt viele Möglichkeiten sich diesem Thema zu nähern und noch mehr Meinungen. Das finde ich auch nicht schlimm, sondern bereichernd. Wenn ich solche Texte lese, geht allerdings auch mir die Hutschnur hoch.  

Ich glaube, es ist momentan einfach für manche Menschen schwierig, sich in eine Denke oder Grundhaltung hineinzuversetzen, in der jeder Mensch ein Recht auf ein Leben in Frieden hat. Stattdessen diskreditiert man diejenigen schnell als Gutmenschen und Blödiane. Ist das denn tatsächlich so schwer nachvollziehbar, dass man anderen Menschen das gleiche Leben in Demokratie und Freiheit wünscht, das einem selbst durch glückliche Umstände zuteil wurde?

„Woher kommt die Zuneigung für Flüchtlinge?“

Ich möchte darauf antworten, die kommt nicht, sondern ist einfach da, wenn man generell ein Freund von Menschen ist.

Ist es so unglaubwürdig oder weltfremd, dass man sich eher vorstellen kann, mit ein paar Millionen Kriegsflüchtlingen zusammenzuleben, als mit anzusehen, wie sie in Lagern rund um Europa gefangen gehalten werden?  Oder unschuldige Kinder im Meer ertrinken?

Ist es so abwegig zu sagen, dass man in einer globalisierten Welt, wo alles mit allem zusammen hängt, nicht leben möchte, wenn andere Menschen dafür sterben müssen, nur damit wir wieder in Ruhe auf unserem Sofa sitzen können?   

Die Welt und die fürchterlichen Bilder lassen sich aber nicht ausschalten – damit werden wir leben müssen.

Unsere Verantwortung für die Welt in der wir leben endet nicht mal eben dort, wo die Türkei anfängt die Drecksarbeit für uns zu übernehmen. Sind wir so luxusverwöhnt und energielos, dass wir nicht einmal versuchen, Migration, Integration und Gesellschaft neu zu denken?

Und das ist das wirklich bittere an der ganzen Geschichte, zu erkennen, dass es am Ende des Tages nicht um Zusammenleben, sondern um Ausgrenzung geht. Und unser Leben ist erst dann besonders wertvoll, wenn andere sterben. Aber Hauptsache die Bilder verschwinden bald wieder aus unserem Blick.

Bürokratie erklärt in nur einem Bild

16 Feb

Screenshot 2016-02-16 12.02.16.png

 

Ich schreibe gerade über Max Webers Bürokratiemodell mit Blick auf die theoretische Perspektive von Niklas Luhmann – besonderer Augenmerk gilt seinem geschlossenen System und der Umwelt/System Sichtweise. Das Zusammenspiel von formalen und informalen Strukturen in Organisationen fordert gerade meine größte Aufmerksamkeit.(Das ist auch der Grund, weshalb ich momentan nicht einmal Zeit finde für #25Minuten- Texte. Leider)   

Dieser Tweet heute hat mir allerdings ganz neue Motivation beschert und lachend geht ja bekanntlich gleich alles viel leichter von der Hand. Habe schon überlegt, ob ich sämtliche Recherche sofort beiseite lege, den Bücherstapel wegpacke, alle bereits geschriebenen Seiten ignoriere und einfach das Bild aus der rheinischen Kantine als Erklärung für sich sprechen lasse 😉  

Wäre ein Versuch wert!

Übrigens hatte Max Weber ja eigentlich nur den Idealtypus von Bürokratie beschrieben. Wenn er wüsste…

 

Jetzt geht nochmal jeder aufs Klo – und dann reiten wir los #25Minuten

1 Feb

„Jetzt geht nochmal jeder aufs Klo – und dann reiten wir los“ – diesen Spruch aus „Der Schuh des Manitu“ habe ich in den letzten Wochen und besonders in den letzten Tagen als Ohrwurm im Kopf. Zeigt er doch die ganze Idiotie unserer momentanen, kaum fassbaren und kaum zu ertagenden Wirklichkeit. Und irgendwie denke ich: Hey, jetzt regen wir uns nochmal alle kurz auf, und dann ist aber auch wieder alles gut, ja? Dann sind wieder alle menschlich, Politiker machen Politik, die Malocher kurbeln die Wirtschaft an und die Kreativen, naja, sind halt kreativ.

Wir respektieren uns wieder, auch wenn wir nicht alles gut finden, was die anderen machen, aber tief in unserem Herzen wissen wir, dass die Anderen ja auch Menschen sind. Und dass sie wie wir Ihr Leben hier auf dieser Welt leben möchten. Gut, der Nachbar von oben drüber will es unbedingt um 3 Uhr nachts mit lauter Musik und die Trulla von nebenan knattert ausgerechnet dann lebhaft mit dem hochpolierten Moped vom Hof, wenn man EINMAL ausschlafen kann. Aber wenigstens will uns niemand erschießen – das ist in unsere aktuellen Wirklichkeit schon viel wert. 

Aber es wird nicht alles wieder gut. Menschen – Männer, Frauen und Kinder ertrinken weiterhin im Meer. Grauenvoll. Kinder verschwinden spurlos in Europa, es ist ein Alptraum. Politiker reden so theoretisch über die Flüchtlingskrise, als würden sie die Geheimnisse der Primzahlen erklären. Rechtsextremes Gedankengut breitet sich in solch einem Maße aus, das ich niemals, wirklich niemals für möglich gehalten hätte. Unsere freiheitlichen und demokratischen Werte gilt es plötzlich an den Grenzen zu verteidigen, statt auf gesellschaftlichen Terrain. Eine ausländerfeindliche, verlogene und menschenverachtende Partei wie die AfD könnte über 10 Prozent der Wählerstimmen bekommen. Eine Partei, die Flüchtlinge an der Grenze erschießen möchte.

Und ich mache mir da nichts vor, wenn erst einmal die Flüchtlinge verjagt sind, dann werden andere Gruppen diskriminiert. Glaubt jemand, dass Menschen wie Petry und von Storch Homosexuelle unversehrt lassen würden, wenn sie die Macht hätten? Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich mein Leben krass verändern würde, hätten Parteien wie die AfD die Macht in unserem Land. Da käme einem eine Debatte über das Adoptionsrecht für Schwule und Lesben vermutlich wie ein rosa Wattebausch aus längst vergangenen Zeiten vor. Mir macht das jedenfalls sehr große Sorgen.

Ich weiß nicht, wie wir zukünftig in einer Gesellschaft leben wollen, in der 10,15 oder mehr Prozent der Bevölkerung eine rechte Partei mit solch unmenschlichen Parolen wählen. Heute beim Bäcker wurde schon ziemlich offen – und nicht mehr hinter vorgehaltener Hand – darüber geredet, dass die AfD das richtig macht, und notfalls müsste man halt…  den Rest erspare ich uns. Und das war im Prenzlauer Berg, wo man bisher nur Schwaben gegenüber ein bisschen intolerant war….

Heribert Prantl schreibt heute in der SZ: „Könnte das Grundgesetz die Farbe wechseln, es würde rot werden vor Scham und grün vor Ekel.“

In diesem Sinne, jetzt geht nochmal jeder aufs Klo kotzen…  

#25 Minuten: Die Bahn kommt – oder auch nicht

22 Jan

Gerade sitze ich im ICE 644 von Berlin nach Düsseldorf, der um 6.52h abfahren sollte, aber mit einer Verspätung von vierzig Minuten losfuhr. Vierzig Minuten bei Minus 7 Grad frierend auf dem Bahnsteig. Natürlich hätte ich einfach noch gemütlich bei einem Kaffee in der Lounge sitzen bleiben können, wenn die Verspätung angekündigt gewesen wäre. Wie das aber bei der Bahn so ist, beginnt die Ansage am Bahnsteig mit „Verspätung 5 Minuten“, bei der noch alle müde lächeln, und endet nach Gleiswechsel und diverser Ansage-Kuriositäten und gefühlt mindestens abgefrorenen Zehen beim achtfachen. 5, 15, 25 – wer bietet mehr.

Aufgrund einer „technischen Störung am Zug“ habe ich meinen Anschluss in Düsseldorf also schon verpasst, da bin ich noch nicht einmal in Berlin losgefahren.
Und auch das Bordbistro muss leider erst einmal geschlossen bleiben: „Grund hierfür ist die verspätete Vorleistung des Personals“ ??? Bahnfahren und Loriot gehören anscheinend unabdingbar zusammen.

Das Problem am Reisen mit der Bahn sind aber nicht die ständigen Verspätungen, das nicht funktionierende WLAN, die Kommunikation from hell, fehlende Wagons, kaputte Reservierungen oder unverhoffte Diäten, sondern vielmehr, dass man sich auf diese Unzuverlässigkeiten einfach nicht verlassen kann!

Zwischendrin wird man immer mal wieder an der Nase herumgeführt. Kürzlich fuhr ich mit einer freundlichen und pünktlichen Bahn Richtung Rheinland. Dieses gehypte und beworbene WLAN funktionierte wie zu hause: ich konnte arbeiten und sogar einen Online-Vortrag ansehen. Am Ende hatte ich die Fahrt tatsächlich richtig produktiv nutzen können und konnte mich obendrein noch erholen.

Das verführt aber dazu, dass ich „hey die Bahn hat jetzt geiles WLAN“ gesteuert für diese Fahrt reichlich Arbeit einpackte. Leider ist das geile WLAN diesmal aber nicht mit an Bord. Als Ersatzleistung lese ich nun in meiner Printausgabe – und das ist jetzt kein Scherz – „Das Zeitalter der Beschleunigung“ von Hartmut Rosa. Und ja, meine Herangehensweise ist eher gerade etwas behäbig…

Glücklicherweise muss ich aber wenigstens heute nicht nach Bonn, denn die Zugteilung in Hamm entfällt dann heute auch. Wer also nach Bonn will: Alaaf!

Die Bahn redet sich ein, dass die eingefahrenen Umsatzverluste an der Konkurrenz – besonders an den Fernbussen – hängen. Die Analyse sollte aber eher im eigenen System stattfinden, dann würde man sehen, dass es daran sicherlich nicht in erster Linie liegt. Ein Fernbuss benötigt die doppelte Zeit – hat allerdings WLAN. Die City Flieger haben auch ständig Verspätung und man vergammelt vorm Boarding. Außerdem ist der Komfort an Bord mäßig und das Arbeiten schwierig. Auto? Forget it!

Das größte Problem der Bahn ist auch 2016 noch die Bahn selbst. Was nützten tolle Marketing- Coups, wenn ich mich als Kunde einfach nicht darauf verlassen kann? Ich fahre zu einem Termin und will die Vorbereitung in der Bahn erledigen? Gute Idee, aber vielleicht kommt mein Zug gar nicht, oder mein Abteil ist nicht da, es gibt kei WLAN und ich sitze vorm Klo. Der Termin wird bestimmt ein besonderer Erfolg!

Dazu kommt die immer noch rückständige und undurchschaubare Preispolitik, die nicht an die Lebensbedingungen des 21. Jahrhunderts angepasst sind.

Und was sagt es überhaupt über ein Zukunftsunternehmen aus, das tatsächlich Fernbusse, die stundenlang über vollgestopfte Autobahnen rödeln, als Grund für Umsatzrückgänge ansieht? Das ist schon bitter!

Warum als Bahn nicht mal mit den wirklichen Stärken werben?
„Mit der Bahn offline durch die Republik. Der Weg ist das Ziel. Einfach mal unerreichbar sein und sich dabei prächtig erholen. Abnehmen? Mit uns kein Problem! Sie wollen mal Ihre Ruhe? Bei uns spricht garantiert niemand mit Ihnen. Wir stärken Ihre Abwehrkräfte durch unser unregulierbares Klimasystem. Fernbus? WLAN kann ja jeder.“ Oder ganz modern: „Disruption with Deutsche Bahn“

Ich schreibe jetzt mal eine SMS und trinke keinen Kaffee. Großartig! 😉

PS: Dieser Post wird mit Sicherheit mit reichlich Verspätung hochgeladen und wird präsentiert von „Blogging with Deutsche Bahn“

#25 Minuten: „Ich möchte nicht deine Erbin sein“

20 Jan

Gestern Abend habe ich nun endlich  das Spiegel-Streitgespräch „Ich möchte nicht deine Erbin sein“ (Blendle €) zwischen der Feministin Alice Schwarzer und der Feministin Anne Wizorek gelesen. Aber leider ist es nicht einmal das, denn es ist gerade einmal ein Streit ohne Gespräch.

Anlass für dieses „Gespräch“ waren die sexuellen Gewaltangriffe gegen Frauen in der Silvesternacht in Köln. (Ich habe dazu auch was auf HuffPost geschrieben: („Die Gewalt gegen Frauen in Köln wirft viele Fragen auf“). Mittlerweile liegen 766 Anzeigen bei der Polizei vor, darunter 381 Anzeigen zu Sexualdelikten und 385 Anzeigen, die Eigentums- oder Körperverletzungsdelikte betreffen. Bei den überwiegend ausländischen Tätern, oder korrekter, bei den Tatverdächtigen, handelt es sich unter anderem um Marokkaner, Algerier, Iraner und Syrer – überwiegend Asylbewerber.

Seitdem ist viel geredet, geschrieben und gefordert worden. Eine Kehrtwende in der Flüchtlingspolitik soll es geben, mehr Polizei, ja vielleicht sogar Bundeswehr im Inneren, schnellere Abschiebungen, mehr Überwachung, bessere Integration, neue Ausweise für Asylbewerber und eine Verschärfung des Sexualstrafrechts. Bei manchen Punkten wird mir ein wenig bange und beim Sexualstrafrecht frage ich mich natürlich, warum es solange in irgendwelchen Schubladen herumliegen musste. Klar ist aber auch, verhindert hätte vermutlich nichts von alledem die Übergriffe in diesem Ausmaß.

Was mich persönlich sehr geärgert hat (neben allen Vertuschungsversuchen und Ungereimtheiten) war zum einen die Instrumentalisierung der Ereignisse von allen Seiten und die Unehrlichkeit in den Debatten, bis hin zur Verweigerung der Betrachtung der Tatsachen. So legten Feministinnen besonderen Wert darauf, bloß nicht zu erwähnen, dass es sich um ausländische Täter handelt, und dass, obwohl ja gerade die Frauen – also die Opfer – berichtet haben, dass es sich um überwiegend ausländische Angreifer gehandelt habe. Damit wurde so getan, als wäre es schon rassistisch, diese Tatsache überhaupt zu erwähnen, was ich in keinster Weise nachvollziehen kann. Vielmehr ist dieses Verhalten unfair gegenüber den Opfern und auch sehr unfair gegenüber dem größten Teil der ausländischen Asylbewerber und Migranten, die hier im Einklang mit unserem Rechtsstaat und unseren Werten leben. Auch in deren Interesse wäre es doch, Gewalttaten anderer Ausländer aufzuklären, die unsere Gesetze und Werte nicht anerkennen wollen. Und dass damit verschleiert wird, dass Frauen in Deutschland durchaus auch von deutschen Männern Gewalt erfahren, und durch männliche Machtstrukturen erniedrigt werden, finde ich – mit Verlaub – ein wenig konstruiert. Die genauen Zahlen zur alltäglichen Gewalt gegen Frauen lassen sich in dieser EU-Erhebung nachlesen. Hier kann rein gar nichts beschönt werden und man sieht, hier geht es um weit mehr als um Gleichberechtigung und Gleichstellung. 

Um nun auf das Spiegel-Interview zurückzukommen. Es hat mich geärgert. Denn es hat genau das gezeigt, was sich in unserer heutigen Gesellschaft abspielt. Wir wollen nur unsere Standpunkte durchsetzen, es gibt keine Debatte, sondern nur noch binäre Vorstellungen von wahr/falsch, gut/schlecht, mein/dein, rassistisch/nicht rassistisch – kein dazwischen, keine Annäherung, oder auch Kompromisse für ein gemeinsames Ziel. 

„Es ist rassistisch, so zu tun, als seien nur Männer mit Migrationshintergrund Täter. (…) und es darf nicht zum Standard der Geschlechterdebatte werden, dass nur männliche Migranten als Verursacher gelten.“ sagt Anne Wizorek im Interview. Man darf aber auch keine  Tatsachen vehement verschweigen, damit verhindert man das Lösen von Problemen und spielt den wirklichen Rassisten erst recht in die Karten. Und unterstellt obendrein Menschen, die sich für eine freie und demokratische Gesellschaft einsetzen, dass sie Rassisten sind. Damit ist die Gesprächsgrundlage entzogen – es entsteht Streit ohne Gespräch. So kann weder eine Integrationsdebatte geführt werden noch eine offene Debatte über Gewalt gegen Frauen. 

Das Interview ist aus einem Grunde dann doch lesenswert, denn es zeigt, dass es scheinbar nicht einmal den einen kleinsten gemeinsamen Nenner unter Frauen gibt, nämlich gemeinsam für die Rechte von Frauen einzustehen. Von dem Versuch eines Verständnisses für andere Positionen mal ganz abgesehen. Schade. 

„Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“ (Simone de Beauvoir)

 

#25 Minuten – oder das Einfangen der Flüchtigkeit

16 Jan

20160117_121008.jpg

Mein Vorsatz für das Neue Jahr ist es, mein Blog wieder regelmäßig, vielleicht sogar nahezu täglich zu bespielen. Kurze Beiträge, die ich in maximal 25 Minuten schreibe und ohne große Textbearbeitung oder der Suche nach einer passenden Überschrift hier einstelle. Vermutlich werden die meisten Beiträge gar keine Überschrift haben.

Als ich meine Filter Bubble vor einigen Jahren ins Leben rief, wollte ich meine Gedanken zu verschiedenen Themen, Geschichten und einfach alles was mich bewegt hier posten. Vielleicht um die Flüchtigkeit der Welt einzufangen und ihr ein Schnippchen zu schlagen, indem ich sie in Worte fasse und so manifestiere.

100 Beiträge sind es bis jetzt geworden, für mehr fehlte die Zeit. Wie das so ist, wenn man sich kein Zeitfenster für wichtige Dinge einrichtet, dann gehen sie im Durchrauschen des Tages, der Woche, Monate und Jahre einfach unter. Jahrelang habe ich keinen Sport mehr gemacht, es kommt ja immer gerne etwas dazwischen. Seit einiger Zeit gehe  ich wieder jeden Morgen laufen – 25 Minuten. Nicht mehr. Und nicht weniger. Dafür regelmäßig. Und wow, was für ein geiles Gefühl!

Vor ein paar Tagen sah ich im Park zig Kinder, wie sie mit ihren Schlitten und in ihren bunten Skianzügen einen Hügel herunterrutschten. Es wimmelte vor Kindern, es war ein ganz tolles, farbenfrohes und fröhliches Bild in dieser Berliner Schneelandschaft. Ich musste spontan an die Wimmelbücher von Ali Mitgutsch denken, die ich schon immer sehr mochte. Genau so sieht es in meinem Kopf aus, dachte ich. Es wimmelt vor Gedanken, Eindrücken und Informationen, die mariniert und herausgelassen werden möchten.

Die Welt verändert sich. Die Gesellschaft verändert sich gerade. Es gibt so viele Informationen, die man verarbeiten muss, so viel über das es sich nachzudenken lohnt. Ich möchte Themen wieder länger einfangen können, als für einen hysterischen 140 Zeichen Tweet. Diese Hashtagisierung ist vielleicht eine ersehnte Vereinfachung, aber sie wird dieser Welt nicht gerecht. Zumindest wenn es um mehr geht als um #tatort oder #ibes.

25 Minuten Filter Bubble. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

 

%d Bloggern gefällt das: