Türkische Weihachten fallen aus. Oder nicht?

19 Dez

Weihachten wurde an der deutsch-türkischen Elite-Schule „Istanbul Lisesi“ verboten. So lauteten die ersten Meldungen gestern, die ich über die Radio-Nachrichten (WDR2)  hörte. Auf Weihnachtslieder sei zu verzichten, Adventskalender sollen verbannt werden, Geschichten über Weihnachtsbräuche unterlassen werden. Dies habe die Schulleitung den Lehrern der deutschen Abteilung dort per Mail mitgeteilt, so hieß es weiter laut dpa Informationen. Im Laufe des Tages schaukelte sich die Empörung hoch und je höher sie schaukelte, desto größer wurde auch die Verwirrung. Am Istanbul Lisesi unterrichten 35 deutsche Lehrer, die von Deutschland bezahlt werden. Das fördert natürlich die Empörung noch, besonders bei CSU-Politikern. Bei Weihnachten hört schließlich der Spaß auf.

„Wie lange schauen wir noch tatenlos zu? Es gibt einen Punkt, an dem Langmut in Schwäche und Hilflosigkeit umschlägt!“ ist von Hans-Peter Friedrich auf Twitter zu lesen.

(Ist Weihnachten bei allen schrecklichen Entwicklungen in der Türkei nun tatsächlich die „rote Line?“)

Für Verwirrung sorgte dann das kurz darauf verbreitete Dementi der Schule, es gäbe kein Weihnachtsverbot, „allerdings hätten die deutschen Lehrer im Unterricht vor allem in den letzten Wochen Texte über Weihnachten und das Christentum auf eine Weise behandelt, die nicht im Lehrplan vorgesehen ist“. (Dieses Dementi verwundert natürlich auch nicht)

Seit dem Putschversuch im Juli scheint die Türkei auf dem besten Weg in eine Diktatur. Wir hörten von zigtausend entlassenen und/oder verhafteten Lehrern. Hunderte Schriftsteller, Journalisten, Künstler, Gelehrte, die mit ihrer Meinung nicht regierungstreu agieren, sitzen in Haft. So wie vermutlich jeder, der Erdogans Islamisierung öffentlich kritisiert. Meinungsfreiheit ist mehr oder weniger abgeschafft. Die deutsch-türkischen Beziehungen sind  tiefgefroren.

Dass es in diesen Zeiten überhaupt noch eine Schule in der Türkei mit deutschen Lehrern gibt, das hat mich in der Tat sehr erstaunt. Diese Nachricht war für mich eigentlich diejenige mit dem größten Informationsgehalt der Meldungen gestern. „Weihnachtsverbot zeigt: In der Türkei regiert die Intoleranz“ titelte beispielsweise eine News-Seite. Jetzt mal ehrlich, bedurfte es wirklich noch dieses (dementierten) Verbots, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen? Das finde ich ja schon fast eine ziemliche Chuzpe den zahlreichen unterdrückten Menschen in der Türkei gegenüber.

Was hat diese schnell verbreitete Meldung also nun gebracht außer Empörung und Verwirrung?

Auslandsschulen werden übrigens von der  Zen­tral­stel­le für das Aus­lands­schul­we­sen (ZfA) des Bundesverwaltungsamts betreut. Es wäre doch interessant zu hören, was sie dazu sagen. Ich gehe doch mal davon aus, dass nach den Entwicklungen der letzten Monate diese im engen Kontakt stehen zur dortigen Schule mit deutschen Lehrern. Unabhängig von Weihnachtsbräuchen sollte doch dort schon mal jemand nachgefragt haben, ob die Lehrer überhaupt noch frei unterrichten können.

Vielleicht hätte man mit der schnellen Verbreitung der dpa Meldung einfach warten sollen, bis man das mal alles nachrecherchiert hat. Sicherlich wäre eine Stellungnahme des Abteilungsleiters der deutschen Lehrer an der Schule für eine Einschätzung der Situation wichtig. Mich würde beispielsweise interessieren, wie das Thema Weihachten in den letzten Jahren dort besprochen werden konnte und welche Unterschiede es nun in diesem Jahr gibt. Gibt es weitere Einschränkungen des Lehrplans, die von allgemeinen Interesse sind. Gab es eine Absprache, unter welchen Bedingungen man an der Schule trotzdem noch weitermachen werde, um den kulturellen Austausch zumindest aufrecht erhalten zu können?

Generell ist eine deutsche Schule in Istanbul, der zudem noch  das bildungspolitische Gütesiegel einer „exzellenten Deutschen Auslandsschule“ verliehen worden ist, in diesen aktuellen Eiszeiten doch absolut zu begrüßen. Eine Meldung wie die gestrige allerdings erscheint mir nur darauf ausgerichtet, dass sich alle empören. Der Informationsgehalt ist deprimierend gering, wenn es nicht in eine entsprechende Recherche eingebettet ist.

Und „Bullshit-Bingo“ und „News vs. Fake News Battle“ in Social Media ist eröffnet. Wir bleiben ratlos zurück.

 

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