Adieu Buchhandel – ein paar Jahre her

15 Dez

Heute Morgen sind mir beim Suchen einer Unterlage meine Worte zum Abschied aus dem Buchhandel (nach 19 Jahren) an die Kolleginnen und Kollegen in die Hände gefallen. Wow, schon drei Jahre her. Und nicht nur die Arbeit gewechselt, sondern auch das Bundesland, den Fluss, den Dom, das Bier.

Und mittlerweile schreibe ich gerade meine Bachelor-Arbeit. Wie die Zeit vergeht. Was einem solche „alten“ Worte aus einer irgendwie schon fremden und fernen Welt wieder verdeutlichen: Das war schon eine geile Zeit. Und Buchhandlungen sind ganz wunderbare Orte.  

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

am 15. November habe ich nun meinen letzten Arbeitstag bei der M. Daher möchte ich mich auf diesem Wege gerne von Euch/Ihnen allen mit mindestens zwei weinenden Augen verabschieden.

In den letzten 19 Jahren habe ich mit vielen von Ihnen zusammenarbeiten dürfen, wir haben gemeinsam einiges erlebt und viel erreicht. Wir haben leidenschaftlich Bücher inszeniert und verkauft, genauso leidenschaftlich neue Sortimente ins Herz geschlossen, Kunden beraten, auf Kinder aufgepasst, um Umsätze gekämpft, Budgets errechnet, Veranstaltungen zelebriert – die klassische Lesung genauso wie die atemberaubende Stunksitzung in Köln.

Mein persönliches Highlight in diesem Zusammenhang ist sicherlich die bis dato geheime Begebenheit, dass ich Alice Schwarzer bei meiner ersten Abendveranstaltung unwissentlich ein Phallus-Symbol auf die Bühne stellte (in Form eines Mikrofonständers) und das schnell herbeigeschaffte Ansteck-Funkmikrofon den ganzen Abend fürchterlich knisterte, pfiff und rückkoppelte. Dieses Ereignis war für Alice ein so schrecklicher Moment, dass sie alle weiteren Treffen bei Lesungen mit ihr (und das waren sehr viele), mit den Worten begann: „Ach, hier hatte ich doch neulich ein so unsägliches Erlebnis bei einer Lesung mit der Technik“ und ich jedesmal mutig erwiderte „Ja, das war ich und können wir nicht endlich Gras über die Sache wachsen lassen?“ Daraufhin hat sie meist gelacht und beteuert, dass es gar nicht so schlimm war, um die Geschichte dann aber später auf der Bühne vor meistens ausverkauftem Haus dann doch brühwarm zu erzählen. Einmal habe ich ihr sogar aus lauter Verzweiflung überteuerte „No Porno“-Aufkleber abgekauft, in der Hoffnung mich damit freizukaufen – aber vergeblich.

Mein ganzes bisheriges Arbeitsleben habe ich in diesem Buchhandelsunternehmen verbracht, aber gelangweilt habe ich mich nie – ganz im Gegenteil. In dieser Zeit habe ich immer wieder Neues kennen gelernt, jeder Trend war immer zuerst bei uns spürbar. Vor Google Zeiten bedeutete dies, dass Freunde und Familie bei vagen Trendneuheiten immer erst mich als Buchhändlerin fragten, ob ich von diesem oder jenem schon gehört habe und wüsste was das ist. Und meistens wusste ich… Wenn man so will, waren wir im Buchhandel die erste analoge Suchmaschine, nahezu systemrelevant, wie man heute zu sagen pflegt.      

Selbst in den letzten Jahren bei M Business habe ich noch einmal eine absolut neue Seite des Buchhandels kennen lernen dürfen. Portokosten, Botenkosten, Versandkosten, Infobrief, Infopost, Mailings, E-Modul, E-Only, Procurement, elektronische Rechnung, Ausschreibung, Angebot, Nachfrage, Konsolidierung, Verteiler, direkt, nicht direkt und besonders: schnell, schneller, am schnellsten.

Und meine kaufmännische Abteilung mag mir mein anfängliches Unverständnis gegenüber mehr als zwei Zahlen hinter dem Komma verzeihen. JA – mittlerweile weiß ich, auch diese Zahlen haben nicht nur ihre Berechtigung, sondern sind absolut bedeutend. Mein unbedarftes Aufrunden hat durchaus an der ein oder anderen Stelle für Verwirrung gesorgt. Dabei kann eine Abweichung von 0,001 so manches Kundensystem sprengen.

Ich erinnere mich noch genau, als ich 1996 meine Ausbildung in unserem Rheydter Geschäft in der Stresemannstraße beendete und dort als Jungbuchhändlerin weiterarbeitete, lehnte ich nach einem Schließdienst abends alleine an einem unserer Regale und träumte, wenn ich mal alt bin (und damit meinte ich damals sicher kurz vor der Rente), dann möchte ich genau diese Buchhandlung leiten. Nun, in den folgenden Jahren kam alles ganz anders. Aber vielleicht ist es dennoch ein Hauch von Schicksal, dass ich genau in dem Monat die M verlasse, in dem auch meine Ausbildungsfiliale den Standort wechselt und genau wie ich umzieht. (wenn auch nicht ganz so weit weg) Wir sind halt beide in die Jahre gekommen…       

Viele von Ihnen haben mir in den letzten Wochen sehr liebe Abschiedsgrüße übermittelt. In einem hieß es, dass sich der Aushang der Personalabteilung im Intranet so liest, als würde ich ansatzlos in den Deutschen Bundestag einziehen, was zwar schade für das Unternehmen ist, aber gut für unser Land! (Uuuuuhhhhhh Baracuda….). Das kann ich zwar nicht versprechen, denn  zunächst muss ich mich mal etwas intensiver mit meinem Studium beschäftigen, aber diese Zeilen haben mir nochmal eines bewusst gemacht: Die Zeit in der M hat mir unglaublichen Spaß gemacht, was unbedingt auch an dem so großartigen Humor meiner Kolleginnen und Kollegen gelegen hat.

Ich wünsche Ihnen bei allen Herausforderungen der kommenden Jahre mindestens genauso viel Spaß, um mit Leidenschaft und Neugierde die Zukunft zu gestalten.

Herzlichen Dank und alles Gute!

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