Wer sind denn „die Abgehängten“ eigentlich?

15 Nov

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Auch wenn die bulgarische Hellseherin Baba Wanga vorausgesagt hat, dass Barack Obama der letzte Präsident der USA sein würde und es keinen 45. Präsidenten der USA mehr geben werde, wird Donald Trump wohl im Januar des nächsten Jahres ins Oval Office einziehen. Ob wir wollen oder nicht.

Relativ schnell scheinen sich auch die meisten (zumindest außerhalb der USA) mit diesem Gedanken arrangiert zu haben. Wird alles doch nicht so schlimm, ein bisschen mehr konservativ ist ja auch nicht schlecht, vielleicht werden die Mauern gar nicht so hoch und die Welt nicht allzu einfältig und sogar die Börsen haben nur kurz gezuckt. Rassismus, Misogynie, Abschottung des Landes und der Märkte? Alles vergessen?

Und auch die Ursachen dafür, warum solch ein grobschlächtiger Rattenfänger die Wahl gewinnen konnte, scheinen schnell gefunden. „Die Abgehängten“ haben die Schnauze voll von der Welt der Eliten, eine Welt, die ihnen fremd ist, die sie selbst nicht betreten können. Und selbst wenn sie sie betreten würden im schönsten Sonntagszwirn, dennoch sogleich als nicht dazugehörig identifiziert werden würden.

„Jahrelang haben die liberalen Eliten die da unten und ihre Sorgen heimlich verachtet. Jetzt wählen die Abgehängten die Rassisten, und der Schreck ist groß.“ Das schreibt beispielsweise Elisabeth Räther auf Zeit Online, aber auch ganz viele andere Texte gehen in die gleiche Richtung. Die elitesten Eliten schleudern plötzlich Phrasen in die Welt, dass man sich nur noch wundern kann.

Was mich an diesen ganzen Texten und Erklärungen allerdings sehr irritiert, ist die Tatsache, dass sie alle verfasst werden, ohne auch nur mit einem sogenannten „Abgehängten“ zu reden, geschweige denn zu definieren, wer denn diese abgehängten Menschen nun sind. Man strickt sich in Politik und Medien die Wirklichkeit dieser Menschen, die einem anscheinend so fremd ist, lieber aus der Ferne irgendwie zurecht, um dann aber zu proklamieren, dass man auf diese vielen und dennoch „Unbekannten“ zugehen müsse. Und dass es arrogant sei von den sogenannten Weltbürgern, dies nicht zu tun.

Ich habe übrigens selbst in einem Blogbeitrag am Tag der US-Wahl von „denen da oben“ und „denen da unten“ – die Abgehängten – geschrieben, allerdings diese nicht wie Aliens dargestellt, denn mein Blickwinkel auf deren Welt ist durchaus nicht der von oben. Ich komme selbst aus einer Arbeiterfamilie, was den Blick auf diese Probleme schärft und ich kenne durchaus die Armen, Arbeitslosen, Ungelernten und Unzufriedenen. Nicht nur vom Hörensagen. Mein Vater hatte, wenn er freitagnachmittags nach Hause kam, einen Lohnbeutel in der Latzhosentasche seines Blaumanns stecken. Damit fuhr er dann, nachdem er geduscht hatte und die ganze Wohnung nach Kernseite roch, gemeinsam mit meiner Mutter Lebensmittel einkaufen. Was nach Abzug des Haushaltsgeldes für die kommende Woche noch übrig war, das wurde für Rechnungen und Miete beiseite gelegt. Meistens reichte es dennoch nicht. Nebenkosten mussten oftmals abgestottert werden und neue Anschaffungen waren eine ziemliche Herausforderung. Aus heutiger Perspektive hätte unsere Familie vermutlich auch zu diesen unbekannten Abgehängten gehört. Rassisten haben meine Eltern dennoch niemals gewählt und würden es auch heute niemals tun. Sie sind, wie aus dem politischen Lehrbuch,  eingefleischte SPD-Wähler, bilden also genau das Klientel ab, für das die SPD mal gestanden hat. Als Kind dachte ich übrigens witzigerweise das sei Gesetz und gab klassengerecht dieser „Arbeiterpartei“ ganz selbstverständlich bei den ersten Wahlen meine Stimme, was sich allerdings recht schnell gewandelt hat. Der sozialen Herkunft, die nach Pierre Bourdieu für die Prägung des Habitus so extrem entscheidend ist, habe ich sozusagen durch diese Verweigerung ein Schnippchen geschlagen.

Und glücklicherweise konnte ich erst Abitur und dann Karriere machen, was sicherlich meiner enormen Naivität geschuldet war. Denn ich bin in diese unterschiedlichen und höheren sozialen Klassen einfach hineinmarschiert, weil es mir gar nicht in den Sinn gekommen wäre, dass dies nicht gewünscht wird. Das war wohl auch mein Glück. Vielleicht mag man mich als Arbeiterkind identifiziert haben, meine Sprache als unpassend erkannt haben und mein Verhalten als merkwürdig oder anmaßend empfunden haben. Mir ist das allerdings alles nie aufgefallen, weil ich so damit beschäftigt war, das zu tun, was ich für richtig hielt. Allerdings entsteht dann irgendwann ein ganz anderes entscheidendes Problem: ein Identitätsproblem.

Deiner eigenen Klasse, gemäß deiner Herkunft, ist diese andere Welt fremd. Und sie möchten am liebsten auch, dass diese ihnen weiterhin fremd bleibt. Und das bedeutet, egal wie sehr du dich abrackerst, du wirst keine Anerkennung erfahren. Meine Eltern beispielsweise scheuen die Auseinandersetzung mit den ihnen unbekannten Lebenswelten komplett. Selbst zu einem Zeitpunkt, als ich beruflich die Verantwortung für mehr als fünfzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatte, war ich in ihren Augen noch die Tochter, die Bücher in die Regale sortiert und mit Schleifchen als Geschenk verpackt. Andere Eltern würden vermutlich überall damit prahlen, dass ihr Kind es zu etwas gebracht hat und sogar einen schicken Firmenwagen hat. Aber Eltern aus der Arbeiterklasse, die selbst in ihren Sozialkontakten Menschen aus sogenannten höheren Klassen stets gemieden haben, weil das absolut unsicheres Terrain bedeutet hätte, können mit dieser Ambivalenz nicht umgehen. Und so wird die Wirklichkeit einfach zurechtgebogen. Und selbst biegt man selbstverständlich mit.

Es geht also gar nicht nur darum, dass die Eliten die Menschen aus diesen unteren Klassen in ihre Lebenswelten endlich hineinlassen. Es geht auch nicht um Arroganz. Es geht darum, dass diese Menschen von da „unten“ in die Lebenswelten dort „oben“ größtenteils gar nicht hineinwollen. Weil dies Unsicherheit bedeutet und mit Unsicherheit kann und möchte man nicht umgehen. Weil man es auch nicht gelernt hat. Und weil man das Wenige, das man hat, dann wenigstens auf bekannten Terrain verteidigen will. Auch wenn dies Stillstand und Rückschritt bedeutet. Deshalb halte ich persönlich auch direkte Demokratie nur eingeschränkt für wirklich demokratisch und fair, auch wenn ich für diese Meinung von denen da oben und denen da unten gleichermaßen angefeindet werde. 

Kürzlich erzählte mir ein Professor für Soziologie, dass er  aus einer Bergarbeiter-Familie kommt. Und obwohl er selbst mittlerweile zur sogenannten Elite gehört und  an Elite-Veranstaltungen teilnimmt, fühlt er sich aufgrund seines Habitus, der einer anderen Lebenswelt entspringt, immer noch wie ein Fremdkörper dort. Und auch er erkenne bei diesen Treffen sofort die anderen Professoren, die auch aus einer nicht akademischen Familie stammen. Das sind natürlich recht wenige. Das heißt, die Unsicherheiten und das fehlende Zugehörigkeitsgefühl lassen sich selbst mit extrem hohen Ehrgeiz und reichlich Bildung kaum abschütteln. Man kann sich leicht vorstellen, wie es denjenigen geht, die dagegen weniger Bildung und weniger Bezugspunkte zur Elite haben.

Das ganze Dilemma der „Abgehängten“ lässt sich übrigens an einem einzigen Beispiel verdeutlichen: Kürzlich sah ich eine Dokumentation über Annäherungsversuche zwischen der Bevölkerung und Flüchtlingen in einem Dorf. Dazu wurde ein Tag der offenen Tür veranstaltet. Ein junges Paar (beide arbeitslos) gingen mit ihren drei Kindern dort durch, und als die Frau die fünf neuen, aber sehr einfachen Öfen in der Gemeinschaftsküche sah, fing sie an wütend zu weinen. „Wir haben einen alten Ofen zu Hause und bekommen keinen neuen vom Amt bezahlt. Die Flüchtlinge bekommen das aber in den Allerwertesten geschoben“ beschrieb sie ihre Situation und Wut. Durch diese Begebenheit habe ich erst verstanden, wo tatsächlich das Problem liegt. Nicht darin, dass Menschen neidisch sind auf ein paar Öfen. Sondern dass sie gar nicht denken, dass sie sich jemals aus eigener Kraft einen schönen neuen Ofen werden leisten können. „Das Amt“ muss ihnen heute welche bezahlen, in zehn und in zwanzig Jahren, weil sie keine Perspektive sehen für ihr eigenes Leben. Sie sagte nicht, wir können uns keinen leisten, sondern wir bekommen keinen bezahlt. Sie sind Bittsteller vom ersten bis zum letzten Atemzug ihres Lebens. Die „Arroganz“ der Eliten wird diese Menschen nur wenig stören. Ihre Rivalen für Machtkämpfe um die klitzekleinsten Lebens-Ressourcen lauern an anderer Stelle.

Zusätzlich zu diesen „Abgehängten“ unserer Gesellschaft, die ehrlich gesagt auch niemals eingehängt waren, gibt es noch die tatsächlich Abgehängten (also die, die früher einmal eingehängt waren) und ein großer Teil der heutigen Mittelschicht, die wissen, dass sie jederzeit Abgehängte sein können. Die Digitalisierung und Globalisierung verängstigt sie zutiefst. Es mag eine volkswirtschaftliche Rechnung sein, dass nicht nur Jobs wegfallen, sondern auch neue Jobs entstehen werden. Aber ehrlich: Das bringt doch denjenigen nichts, die ihren Büro-Job verlieren, aber auf der anderen Seite Programmierer gesucht werden. Die meisten glauben nicht, dass wenn sie mit Mitte fünfzig ihren Job verlieren, sie jemals einen neuen finden, der ihnen ihren Lebensstandard erhält. Vermutlich werden sie gar keine Arbeit mehr finden. Was das bedeutet? Sie werden noch vor der Rente all ihren Besitz und all ihre Ersparnisse verloren haben. Über die Tatsache, dass ihnen bis dahin ein Roboter die Post vom Jobcenter nach Hause bringt, mögen sie sich nur bedingt freuen. Diese Gruppe der heutigen ängstlichen Mittelschicht halte ich persönlich übrigens für die gefährlichste, sowohl für die Demokratie als auch für Innovationen, die Gesellschaft und Wirtschaft dringend benötigen. Denn sie haben etwas zu verteidigen, was ihnen die aktuelle Entwicklung womöglich nehmen könnte. Angst aber lähmt Entwicklung und Fortschritt.

Was also momentan dringend erforderlich ist – statt die nun täglichen Weckruf-Bekenntnisse der Eliten aus der Ferne– ist erstens eine Sozialpolitik, die sich dem schnellen Wandel der Gesellschaft anpasst. Sprüche, dass wir die geringste Arbeitslosenquote haben und Deutschland in der EU wirtschaftlich am besten dasteht, nützen weder den Abgehängten noch denen, die Angst um ihre Zukunft haben.

Deshalb ist zweitens eine Reform des Bildungssystems von Nöten, die einerseits auf die Digitalisierung ausgerichtet ist und zweitens mit aller Kraft dafür sorgt, dass die Kinder der wirklich Abgehängten eine Perspektive haben, diese Lebens-Determination zu durchbrechen.

Und drittens muss es uns möglich sein, im Laufe des Lebens neue Qualifikationen zu erwerben. Lebenslanges Lernen darf keine Leerformel bleiben. Es gibt zukünftig keine linearen Lebensentwürfe mehr. Wir müssen ja nicht nur mit der Transformation ins Digitale umgehen, sondern was von viel größerer Bedeutung ist, uns fortwährend auf die immer schnelleren Veränderungen durch die Digitalisierung einstellen. Die Digitalisierung ist ja kein Endprodukt, sondern eine permanente Entwicklung. Und natürlich müssen auch die Menschen sich in dieser Welt permanent und mit einem Selbstverständnis weiterentwickeln. Genau das würde auch der ängstlichen Mittelschicht eine Perspektive bieten. Unser Bildungs- und Qualifikationssystem bietet aber genau diese Möglichkeiten nicht.

Die Warnsignale, dass es in unserem wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Systemen tiefere Dysfunktionen gibt, waren durch wiederaufkeimenden Rechtsextremismus und Phänomene wie der AfD schon vor der Trump-Wahl deutlich.

Man darf jetzt aber nicht versuchen mit einfachen und populistischen Lösungen komplexe Probleme aufzugreifen. Ohne wirklichen und optimistischen Wandel wird es nicht gehen. Dazu gehört auch, sich mit den Menschen auseinanderzusetzen, um die es geht. Das sind aber nicht unbedingt die energieraubenden Social-Media-Trolle.

Und dazu gehört übrigens auch nicht dieser Populismus in den Medien, denn genau das bedient diese energieraubenden Trolle und es entwickelt sich so ein gefährlicher Teufelskreis.

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2 Antworten to “Wer sind denn „die Abgehängten“ eigentlich?”

  1. Daniela guilleaume Februar 15, 2017 um 2:08 pm #

    Alles richtig beobachtet, hilft nur leider nichts, wenn nichts passiert, das die Situation ändert. Ich möchte nur keine Angst mehr vor dem hungern und der Obdachlosigkeit haben, weil ich nicht mehr 48-stunden Schichten für 10 euro Stundenlohn arbeiten will. Ich will mich nicht mehr selbst zugrunde richten lassen müssen, weil ich durch die Drohung, mein Obdach und meine Nahrung nicht mehr halten zu können, endlos erpressbar bin.es muss gar kein bedingungsloses Grundeinkommen sein, die alte sozialhilfe, wie sie vor der Agenda war, würde schon reichen, um Lohn und Arbeit wieder selbst verhandeln zu können und kein Sklave mehr zu sein.

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    • Anja Februar 21, 2017 um 8:58 pm #

      Ja, diese Existenzangst habe ich in Gesprächen in den letzten Monaten immer wieder gehört, sogar über Lohngrenzen hinweg. Das ist beispielsweise etwas, das selbst in der Mittelschicht zu Ängsten und Politikverdrossenheit führt. Wie es aussieht, haben die Sozialdemokraten mit Martin Schulz nun vor, genau an dieser Schraube zu drehen. Bin gespannt…

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