Hack the Bachelor… oder wie eine Elfe auf rohen Eiern

16 Sep
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Mathematikgebäude TU Berlin – Straße des 17. Juni

Lesezeit: länger

Analoge Disruption

Als ich im August 2013 meine erste Prüfung im Studium Politikwissenschaft, Verwaltungswissenschaft und Soziologie ablegte, da fühlte ich mich schon recht durchgeschüttelt. Mit 41 Jahren stand ich ja schon mitten im Leben, blickte auf eine lange und recht anspruchsvolle Karriere in einem großen Buchhandelsunternehmen zurück und es gab herzlich wenig, was mich bis dato organisatorisch aus der Ruhe hätte bringen können. Im ersten Semester des Bachelor Studiums ging dann allerdings alles sehr schnell – schnell ist ein Adjektiv, das den Bachelor generell bis zum Ende sehr gut beschreiben sollte. Und eh ich mich versah, ich hatte nicht einmal alle Unterlagen gelesen, geschweige denn einmal links und rechts geschaut, da fand ich mich schon in den Tiefen eines wissenschaftlichen Hausarbeits-Textes wieder. In Englisch. Good Morning! 

Den sehr interessanten Aufsatz „Rethinking Conditionality: Turkey`s European Union Accession and the Kurdisch Question“ von Firat Cengiz und Lars Hoffmann bearbeitete und analysierte ich durchaus mit einiger Mühe im gestreckten Spagat, denn im Anschluss musste auch noch ein eigenes Thema ausgewählt und eine Hausarbeit geschrieben werden.

Der Titel meiner kleinen Premieren-Hausarbeit war „Auswirkungen der EU Osterweiterung auf die Roma-Minderheitenpolitik der Europäischen Union“. Ein spannendes Thema. Aber die Zeit ließ keine Spannung zu – höchstens Anspannung. Für jemanden wie mich, der zwar eine Buchhandels-Ausbildung, jede Menge Seminare, Coachings oder Assessment Center absolviert hat, aber keinerlei Erfahrungen mit einem Studium hatte (und die Schulzeit lag nun mal zwanzig Jahre hinter mir),  war diese wissenschaftliche Bearbeitung im Schnelldurchlauf schon eine ordentliche Erschütterung. Eine analoge Disruption sozusagen.

Glücklicherweise hatte ich aber gar keine Zeit zu jammern. Mein altes Leben hatte ich weggekickt, wenn auch mit etwas Wehmut, aber vor allem mit ganz viel Bock auf  Neues. Die „Echokammer Buchhandel“ ist sicherlich die geilste, die ich kenne und bis heute denke ich, es ist wirklich eine Branche, in der mit der größten Leidenschaft und Power gearbeitet wird. Aber wie so oft im Leben, wenn du für etwas mit Haut und Haaren brennst, merkst du erst zu spät, dass das Feuer längst erloschen ist. Und wenn die beschrittenen Wege immer gleich bleiben, lediglich hin und wieder umbenannt werden, dann fühlst du dich nicht nur wie ein Hamster, dann bist du auch irgendwann der Hamster – ein gut verdienender und abgesicherter zwar, aber ein Hamster.

Ada Lovelace mit Taschenrechner

Witzigerweise hatte ich in meinem früheren Job immer Angst vor Verlust. Das zu verlieren, was ich hatte. Und je mehr ich hatte, desto größer wurde dieses belastende Sicherheitsdenken. Aus heutiger Sicht völlig absurd. Nach meiner persönlichen Disruption hat sich das komplett verändert.  Jetzt wo ich selbstständig arbeite und mein Studium ohne Garantien oder doppelten Boden absolviere, mich jederzeit am Abgrund befinden kann, habe ich dieses Gefühl überhaupt nicht mehr. Vielleicht ist es eine Art Selbstschutz, aber dann ist es ein verdammt guter und lebenswerter Mechanismus. Und  die beste Voraussetzung agil zu bleiben und immer wieder nachzujustieren – wie ich mittlerweile gelernt habe – die allerbeste Lebensversicherung, die es gibt.

Die erste Note meines Studiums, mit der ich die allerersten 15 ECTS Punkte einsammeln konnte,  war „Gut“. Ich war also mit einem blauen Auge davon gekommen. Darauf folgten noch zehn weitere Prüfungen, teilweise unter Schmerzen und akutem Schlafmangel. Denn wer schläft, hat im Bachelor verloren. Wer zuckt, der sowieso.

Für die wirklich anspruchsvolle Verwaltungs-Prüfung (und definitiv nicht mein Lieblingsthema) habe ich soviel gelernt, dass ich bei der Klausur im luftleeren Hörsaal vor der letzten Fragen einfach nur noch müde zusammensackte. Nichts ging mehr. Ich hatte alle vorherigen Fragen korrekt beantwortet, wie sich nachher herausstellte, volle Punktzahl. Leider fehlte aus beschriebenen Gründen die letzte Antwort – no points for anybody. Ich bekam ein „Gut“.

Mein größter Erfolg allerdings war unangefochten dieser: die STATISTIK Prüfung. Als das Semester mit dem wohlklingenden Titel „Quantitative Methoden der Sozialwissenschaften“ begann, war ich noch guter Dinge. Kurz darauf allerdings war ich mir sicher, an dieser Stelle wird mein Studium, meine grandiose akademische Laufbahn, definitiv enden. Ich war nicht einmal fähig die Skripte zu lesen, so wenig konnte ich mit den dortigen Zeichen, Bildchen und Formelchen anfangen. Nachdem ich die Reader einige Wochen ignoriert hatte und mein Lebenstraum schon in sich zusammenzusacken drohte, kam meine versteckte Ada Lovelace Seite glücklicherweise doch noch zum Vorschein. Ich kaufte erst einmal einen Taschenrechner, der diese mir selbst noch fremden Zeichen kannte und sogar ganz lange Zahlenkolonnen hinter dem Komma ausspucken konnte. Mission Impossible hatte begonnen und mein privater Coach, mit dem ich bis dahin schon einiges im Leben gemeinsam meistern konnte, brachte mich dank früherer Mathematik-Semester durch dieses statistische Neuland. In den folgenden Monaten wurde in jeder freien Minute gepaukt und gerechnet. Es gab Tränen und Gelächter. Manchmal beides gleichzeitig. Der Kaffeekonsum stieg rapide. Ich saß schon sonntags um sieben am Küchentisch und beschäftigte mich mit Modus, Median & Co. Erstellte Indifferenztabellen und berechnete Chi-Quadrat oder Cramer´s V. Oder den Korrelationskoeffizient nach Bravais-Pearson. Egal wie sie alle hießen, alles wurde nacheinander weggewippt. Nach jeder erfolgreichen Aufgabe schaute meine Frau mich so stolz an, als wäre ich ein Kind, das gerade seine ersten Schritte macht. Und wow! Ich fühlte mich auch so.

Wer einmal einen schönen Selbsterfahrungstrip machen möchte oder einen radikalen Perspektivwechsel im Leben benötigt, der braucht gar keine überteuerten Seminare zu besuchen oder drei Wochen ohne Internet einsam auf einer Alm verbringen. Einfach einen Statistik-Kurs buchen. Bäm!  Ich sammelte meine erforderlichen 15 ECTS Pünktchen ein und bekam die Note „Gut“. Für mich persönlich ist dieser Erfolg eine der wichtigsten Erfahrungen in meinem bisherigen Leben. Geht nicht? Gibt´s nicht mehr.     

Bestnote rocks

Nach diesen teilweise recht zermürbenden Pflicht-Modulen (von der reinen Multiple-Choice-Klausur möchte ich gar nicht erst anfangen) folgte dann im zweiten Teil des Studiums die Kür. Endlich beschäftigte ich mich mit soziologischen Theorien, soziologischen Forschungen, Gesellschaft im Wandel und Politikfeldanalyse. Ich schrieb mich in Hausarbeiten um Kopf und Kragen zu aktuellen Themen wie der Integrationspolitik oder zu zeitdiagnostischen Ansätzen von Zygmunt Bauman und Ulrich Bröckling. Oder analysierte das Zusammenspiel von formalen und informalen Strukturen in Organisationen durch die Brille von Niklas Luhmann und Max Weber in mündlichen Prüfungen. Während der Kür wandelten sich die Noten von „Gut“ in „Sehr gut“. Das letzte Semester schloss ich als Beste mit Bestnoten ab. Wenn ich das hier erwähne, soll das keine Arroganz zum Ausdruck bringen (hallo? Ich bin durch das Statistik Semester noch mit dem Dreirad auf Stützrädern gefahren…), sondern soll zeigen, dass es wirklich absolut nichts gibt, was man nicht schaffen kann. Außerdem ringt es mir selbst oftmals noch Erstaunen ab und dürfte auch einfach denjenigen Mut machen, die vielleicht mit „Ü40“ auch noch einmal etwas Neues wagen wollen oder müssen. Don´t panic!

Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, da gehört eine akademische Ausbildung nicht zur Selbstverständlichkeit. Wir Kinder haben in diesen analogen Zeiten wenig Zugang zu Bildung außerhalb der Schule gehabt. Ein Hoch an dieser Stelle auf Bibliotheken, die genau auch heute noch den Auftrag, Wissen für alle zugängig zu machen, ausfüllen sollten. Auch wenn ich durchaus mit Liebe überhäuft wurde, ein Zeitungs-Abo gab es bei uns zu Hause beispielsweise nicht. Und Fernsehen bedeutete zu meiner Zeit: drei Programme mit Schnee. Das Tor zur Welt oder anderen Einflüssen und Vorbildern war recht verschlossen. So wie es für Kinder aus eher bildungsfernen Familien auch heute oft noch ist, was ja nicht nur der Chancengleichheit ein Armutszeugnis ausstellt, sondern sich so diverse Lebenswelten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft einfach immer noch viel zu selten wiederspiegeln.

Nach dem Abitur wollte ich Sonderpädagogik und Sport studieren, aber das Sicherheitsdenken war schon damals größer. Oder das Zutrauen kleiner – je nach Sichtweise. Außerdem waren die finanziellen Mittel nicht vorhanden und die Möglichkeiten, sich über BAföG  oder andere Unterstützung zu informieren, waren relativ begrenzt. Besonders weil es ja niemanden zum Austausch gab im direkten Umfeld und der eigenen sozialen Schicht. Freundinnen und Freunde vom Gymnasium hatten dieses Problem einfach nicht. Auch hier ist die Zusammensetzung heute glücklicherweise diverser, aber damals fanden Arbeiterkinder auf dem Gymnasium eigentlich nicht statt. Mein Stattfinden habe ich auch nur der Hartnäckigkeit meiner Grundschullehrerin zu verdanken – also Support, den man unbedingt benötigt. Denn für die Eltern bedeutet dieser Schritt ja auch ein Betreten fremder Lebenswelten, die einiges an Unsicherheit mit sich bringen. Nach dem Abi schaffte ich die nächste Hürde dann doch nicht alleine (was mir aus heutiger Sicht trotzdem rätselhaft erscheint), und so war meine  Entscheidung: Ausbildung first. Dabei ist es dann auch geblieben und es war ja auch eine absolut tolle Zeit. Der Wunsch zu studieren kam aber  irgendwann wieder auf (oder war vielleicht nie weg), auch wenn sich die Interessen deutlich verschoben haben. Meine Sportlichkeit übrigens gleich mit.

Wie eine Elfe auf rohen Eiern

Vor ein paar Tagen habe ich nun meine elfte und letzte Prüfung abgelegt. Dieses Bachelor Studium ist wie ein Rausch, eine Mischung aus Sprint und Marathon. Spätestens am Tag nach dem Semesterbeginn hast du schon das Gefühl du hechelst hinterher. Besonders wenn du die Themen nicht nur pauken und irgendwann auskotzen willst, sondern dich echt inhaltlich damit auseinandersetzen möchtest. Das ist aber im Studium weder erwünscht, noch wird es honoriert. Die Spielregeln sind schlicht: „Sammeln Sie 15 ECTS Punkte und gehen Sie weiter zu Modul zwei. Tun Sie das nicht, sind Sie raus. Dann gehen Sie zurück auf Start.“

Was habe ich mir vor Jahren diesen Moment doch in den schillernsten Farben ausgemalt: Meine LETZTE Prüfung.

Als es nun soweit war, da war die Farbgebung aber eher so Pastell. Ich hatte auf einmal die totale Panik, dass bei der letzten Prüfung noch etwas schief gehen könnte. Am Tag der Prüfung war ich morgens noch joggen. Während ich so lief dachte ich plötzlich: Jetzt umknicken und dir die Haxen brechen – Prüfung adé. Wobei der Kunstturner Andreas Toba bei den Olympischen Spielen ja gerade erst zeigte, wozu man selbst mit einem Bänderriss noch fähig sein kann. Ich lief vorsorglich trotzdem wie eine Elfe auf rohen Eiern.

Die Prüfung fand auf dem Campus der TU auf der Straße des 17Juni statt – im Mathematikgebäude – womit sich der Bogen zu Ada Lovelace am Ende wieder schließt. Aber viel schlimmer als Mathematik war, dass ich einmal quer durch die Stadt musste – mit Bus, S und U. In Berlin bedeutet dies: lieber zwei Stunden früher losfahren. Und dann kann es noch knapp werden, wenn ab Hackescher Markt der Zugverkehr auf einmal unterbrochen ist und du bei sommerlichen 30 Grad eine halbe Stunde in der S-Bahn schmorst. Kurz vor knapp kam ich dann dennoch pünktlich an, kein trockenes Stöffchen mehr am Leib. Das Thema meiner letzten Prüfung war „Gender in Politik & Verwaltung und Diversity Management Konzepte“, eines meiner Herzensthemen, wie man so schön sagt – hier also nicht die Bestnote zu erreichen, wäre eine große persönliche Niederlage. Das macht den Druck natürlich nicht gerade kleiner. Außerdem hatte mich während meiner Odyssee durch Berlin irgendein hinterhältiges Insekt ins Ohrläppchen gestochen. Noch bevor die Umschläge mit den Prüfungsfragen verteilt wurden, schwoll mein juckendes und schmerzendes Ohr an wie eine Christbaumkugel. Ich überlegte, dass es doch irgendeinen Film gibt, in dem jemand nach Insektenstichen am ganzen Körper ziemlich übel anschwillt, eine Komödie, glaube ich. Wobei ich über solche Geschichten noch nie lachen konnte. Und jetzt schon gar nicht. Die kleine Elfe kotzte gleich…

Jedenfalls stellten sich die Fragen dann immerhin als recht einfach heraus, das größte Problem allerdings, wie immer bei schriftlichen Prüfungen: zwanzig Seiten mit der Hand zu schreiben. Auch drei Tage später pochte noch eine deutliche Druckstelle am Finger und in der Nacht nach der Prüfung hatte ich tatsächlich einen ziemlichen Krampf im Arm.    

Vierzig Reader – zwölftausend Seiten

Bis zu den Ergebnissen dauert es erfahrungsgemäß ungefähr sechs Wochen. Diese Zeit kann ich nun in Ruhe für meine Bachelorarbeit nutzen. Nach drei Jahren Studium im Sauseschritt und permanenter Drölfzigfachbelastung kommt mir plötzlich wieder das Wort „Ruhe“ in den Sinn. Was aber in diesem Fall nichts mit „Ausruhen“ zu tun hat, sondern damit, sich ruhig und ausgiebig mit einem einzigen Thema beschäftigen zu können. Der sicherlich größte Moment meines Studiums.

Ein Zukunftsthema, das mich schon lange sehr beschäftigt, werde ich auch zum Thema meiner Bachelorarbeit machen. „Bedingungsloses Grundeinkommen. Risiken und Chancen für die Geschlechtergerechtigkeit.“ Das Grundeinkommen wird ja immer wieder andiskutiert, besonders mit Blick auf den Wegfall von Arbeit aufgrund der Digitalisierung, meist beruht die Diskussion aber auf der Frage der Finanzierung. Strukturelle gesellschaftliche Veränderungen bleiben in den meist oberflächlich geführten Debatten eher außen vor. Dem möchte ich gerne ein wenig auf den Grund gehen.

Von der Modul-Challenge verabschiede ich mich an dieser Stelle schon einmal gerne. Gelesen habe ich während der elf Module vierzig Reader mit insgesamt über zwölftausend Seiten. Dazu tausende Seiten weitere Literatur. Wenn ich dann voraussichtlich im März des nächsten Jahres meine Endnote erhalte, dann gibt es ein Ziel: Die Eins vor dem Komma sollte stehen. Und die Erkenntnis, niemals zu alt zu sein, etwas Neues zu beginnen UND es auch zu beenden. Neulich in einem Gespräch habe ich beiläufig erwähnt. „Wenn ich heute nochmal jung wäre, dann würde ich Programmieren lernen.“

Das geht mir nun nicht mehr aus dem Kopf!  😉

PS. Bibliotheken, Bücher & Sport. Das waren die drei wichtigsten Säulen meiner Kindheit und Jugend. Ohne „meine“ Stadtbibliothek wäre mir der Zugang zu Büchern und anderen Welten weitestgehend verborgen geblieben. Wie Bibliotheken die Transformation zu einer modernen Wissens- und Begegnungsstätte in Zeiten digitaler Umwälzungen gelingen kann, das zeigt diese Bibliothek Dokk 1 im dänischen Aarhus sehr gut.

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2 Antworten to “Hack the Bachelor… oder wie eine Elfe auf rohen Eiern”

  1. Solveig September 17, 2016 um 11:30 am #

    Sehr beeindruckend und ich drücke die Daumen für die letzte Hürde, die Bachelorarbeit, die ich im übrigen gerne lesen würde.

    Gefällt 1 Person

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