Überleben als Kriegsenkel – kleiner Teaser

2 Sep

Keine Schwäche zeigen und immer weiter. Dieses Motto beschreibt mein vorheriges Leben sehr gut – und wie ich mittlerweile erfahren habe, das von vielen anderen meiner Nachkriegsgeneration, die sogenannten Kriegsenkel, auch. Als ich 1994 meine Prüfung zur Buchhändlerin absolvierte, war dieses „immer weiter“ sehr prägnant. Am Vortag meiner Prüfung hatte mein Vater eine schwere Operation. Die Chancen, dass er diese überlebt, waren recht gering. Das weiß ich auch nur, weil ein ehemaliger Schulfreund von mir zu dieser Zeit auf der Intensivstation des Krankenhauses ein Praktikum im Zuge seines Medizinstudiums machte. Die Information habe ich aber dann doch für mich behalten. Ich verbrachte mit meiner Mutter lange Zeit im Krankenhaus. Als ich endlich nachts in meiner kleinen Einzimmerwohnung ankam, um noch ein paar Stunden vor der Prüfung zu schlafen, kam mein Bruder spontan vorbei. Er hatte zu dieser Zeit gerade kein gutes Verhältnis zu meinem Vater. Wir tranken Bier. Wir redeten über die blaue Blume bei Novalis und meinen Vater. Zwischendrin schaute ich auf die Uhr, wie viele Stunden ich noch schlafen könnte, wenn ich jetzt schlafen würde. Irgendwann hatte sich das erledigt. Um sechs kochte ich Kaffee, ging duschen und fuhr zur Prüfung. Mit dem Taxi. Zum Autofahren war ich noch zu betrunken.

An die Prüfung kann ich mich dann auch nicht mehr wirklich erinnern. Es waren drei Prüfer, die vorne recht bedrohlich in einer Reihe saßen. Ich weiß nur noch, dass ich ständig an das Kölner Dreigestirn denken musste. Das machte das Nachdenken über mögliche Antworten, zusätzlich zum Schlafmangel und Rest-Pegel, nicht gerade einfacher. Bei mündlichen Prüfungen ist es so, dass einem das Ergebnis nach kurzer Beratung gleich mitgeteilt wird. Während das Dreigestirn beratschlagte, wartete ich im Flur. Schon nach kurzer Zeit weckten sie mich auf, um mir meine Prüfungsnote mitzuteilen. Ich bekam eine glatte zwei. Auf dem Heimweg habe ich gekotzt. Zuhause reichte die Zeit gerade noch für eine zweite Dusche und Zähneputzen, dann fuhr ich mit dem Auto meine Mutter abholen, um mit ihr wieder ins Krankenhaus zu fahren. Meine Mutter hat keinen Führerschein, auch das ist eher typisch für Mütter meiner Generation. Vom Krankenhaus hatte noch niemand angerufen, das war immerhin ein gutes Zeichen.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: