Gesellschaft im Wandel

24 Mai

Ist die Subjektivierungsfigur des unternehmerischen Selbst ein Produkt der flüchtigen  Moderne? – ein Vergleich der zeitdiagnostischen Ansätze Zygmunt Baumans und Ulrich Bröcklings.

In unserer Gesellschaft haben sich in den letzten Jahren große Umbrüche vollzogen, mit spürbaren Auswirkungen auf sämtliche Lebensbereiche. Ob es sich um politische Veränderungen und Krisen, Folgen der Globalisierung oder umfängliche Prozesse in Bezug auf die Digitalisierung handelt, immer hat dies auch Einfluss auf das gesellschaftliche Zusammenleben, unsere Arbeitswelt, soziale Beziehungen und auf die einzelnen Individuen.

In unserer Gegenwartsgesellschaft herrscht immer mehr das Gefühl, dass sich so einiges verändert hat, und dass diese Veränderungen  nicht unbedingt positiv für den Einzelnen sind. Es entstehen Unsicherheit und auch Ängste, denn die Veränderungen erscheinen oftmals so diffus, dass man sie nur schwer greifen oder gar belegen kann.

Daher möchte ich mich in der vorliegenden Arbeit näher mit den Theorien der Gegenwartsgesellschaft von Zygmunt Bauman und Ulrich Bröckling beschäftigen. In Abgrenzung zur Moderne spricht Bauman von der heutigen „flüchtigen Moderne“ und Bröckling vom „unternehmerischen Selbst“ als Leitbild der Gegenwart.

Mein Interesse gilt diesen beiden Theorien, da sie sich mit aktuellen sozialen Phänomenen beschäftigen. Denn für das Individuum ist nicht mehr der eine Weg zur Erreichung eines bestimmten Ziels ersichtlich, die Verantwortung für Erfolg oder Misserfolg, für Gelingen oder Scheitern liegt bei dem Einzelnen selbst. Wie und warum ist es zu dieser Verlagerung gekommen und welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf die Individuen? Dies ist durch die verschiedenen Perspektiven der Theorien zu betrachten.

Die Arbeit beschäftigt sich aus diesem Grund mit folgender Fragestellung: „In welcher Weise lässt sich ein Zusammenhang feststellen, zwischen der Auflösung der festen Ordnung, wie sie Zygmunt Bauman in seiner Theorie der „flüchtigen Moderne“ beschreibt und  der Subjektivierungsfigur, wie sie Ulrich Bröckling mit dem „unternehmerischen Selbst“ darstellt?“

Ziel der Arbeit ist es, zunächst die Perspektiven der beiden Theorien einzeln zu beschreiben und sie im nächsten Schritt, mit Blick auf die Fragestellung, zu vergleichen und zu diskutieren. An dieser Stelle lässt sich vorwegnehmen, dass durch den Vergleich ersichtlich werden wird, dass wesentliche Merkmale der „flüchtigen Moderne“ die Eigenschaften des „unternehmerischen Selbst“ durchaus verstärken. Dieses allerdings als Produkt der „flüchtigen Moderne“ anzusehen, würde dem Aspekt des Regierens und Sich-selbst-Regierens zu wenig Bedeutung beimessen.

Zygmunt Bauman[1] setzt mit seiner Theorie der „flüchtigen Moderne“ bei der Auflösung der festen Ordnung an. Die Gegenwartsgesellschaft ist durch Deregulierung und löchrige Sicherheitsnetze gekennzeichnet, wo Menschen, die der Gesellschaft keinen Nutzen mehr bringen, wie beispielsweise Kranke und Arbeitslose, aus der gesellschaftlichen Ordnung herausfallen und soziale Beziehungen nur noch oberflächlichen Charakter haben. In einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ aus dem Jahre 2005 beschreibt Bauman unsere heutige Gesellschaft folgendermaßen:

„Wir leben heute in der flüchtigen oder flüssigen Moderne, wie ich sie nenne, in Konsumgesellschaften, in denen menschliche Beziehungen auf flüchtigen Genuss beschränkt sind. Menschen sind nur so lange wertvoll, wie sie Befriedigung verschaffen. (…) Die Überflüssigen fallen aus dem Klassensystem, aus jeder gesellschaftlichen Kommunikation heraus und finden nicht wieder hinein“ (Interview: Wenn Menschen zu Abfall werden 2005, S.2-3).

Der Einzelne wird immer mehr dem freien Markt ausgeliefert, der Staat zieht sich  als ordnende Instanz zurück und Organisationen sowie Institutionen verlieren an Bedeutung. Die Bewältigung von Ambivalenzen wird privatisiert und den Individuen überlassen, die gezwungen sind Entscheidungen zu treffen, obwohl Ihnen die Grundlage für ihre Entscheidungswahl fehlt (vgl. Bonacker 2014, S.174-175).

Ulrich Bröckling[2] spricht in Bezug auf das Leitbild des „unternehmerischen Selbst“ vom „Regime der Subjektivierung“. Der Einzelne ist angehalten, sich permanent weiterzuentwickeln und zu optimieren, um in der Gesellschaft bestehen zu können. Dies ist nötig, da soziale Sicherheitsnetze wegfallen, ein Ende des Optimums ist nicht in Sicht und auch nicht vorgesehen.

So beschreibt er beispielsweise:

 „dass die gegenwärtige Ökonomisierung des Sozialen den Einzelnen keine Wahl lässt, als fortwährend zu wählen, zwischen Alternativen freilich, die sie sich nicht ausgesucht haben: Sie sind dazu gezwungen, frei zu sein“ (Bröckling 2007, S. 12).

Bröckling erweitert im Anschluss an  Michel Foucault „den Begriff des Regierens über die Sphäre staatlicher Interventionen hinaus und bezieht ihn auch auf andere Formen planvollen Einwirkens auf menschliches Handeln“ (Bröckling 2007, S.9). 

[1] Zygmunt Bauman (geb.1925), der 1939 vor den Nazis in die Sowjetunion flüchtete, hatte als polnisch-britischer Soziologe von 1971-1990 den Lehrstuhl für Soziologie an der University of Leeds inne. Er wurde mit dem Amalfi-Preis und dem Theodor-W.-Adorno-Preis ausgezeichnet und erhielt 2014 den Preis für sein Lebenswerk von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.

[2] Ulrich Bröckling (geb.1959) ist als Professor für Kultursoziologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg tätig.

Wer sich für meine Analyse interessiert, der kann hier meine komplette Hausarbeit als PDF-Dokument kostenlos herunterladen:

Ist die Subjektivierungsfigur des unternehmerischen Selbst ein Produkt der flüchtigen Moderne? – ein Vergleich der zeitdiagnostischen Ansätze Zygmunt Baumans und Ulrich Bröcklings.

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