Böhmermann stellt die Vertrauensfrage

14 Apr

Screenshot 2016-04-14 13.40.03

Jan Böhmermann stellt Angela Merkel die Vertrauensfrage. Die Antwort allerdings lässt auf sich warten.

Als Jan Böhmermann am 31. März in seiner Sendung Neo Magazin Royale mit diesen Worten

„Extra 3 hat in dieser Woche fast den dritten Weltkrieg ausgelöst –

dafür erst mal einen großen Applaus! Ja! Mit ’ner Supernummer.“

eine Demonstration zum Thema Meinungsfreiheit einleitete, war noch nicht abzusehen, was er selbst damit auslösen würde.

Vielleicht mag man es mit der heterolytischen Spaltung vergleichen können, wie man sie aus der Chemie kennt. Bei einer heterolytischen Spaltung verbleiben die Bindungselektronen an einem Bindungspartner, es entstehen somit je ein Kation (positiv geladenes Ion) und ein Anion (ein negativ geladenes Ion). Dabei nimmt das elektronegativere Element die negative Ladung auf. (Quelle: Wikipedia)

Welcher Bindungspartner hier die volle negative Ladung aufgenommen hat, muss nicht weiter ausgeführt werden. Die Spaltung hat funktioniert, das Experiment ist gelungen.

Das Böhmermannsche Meinungsfreiheit-Experiment lässt sich auf der Homepage vom Deutschlandfunk im Kontext anschauen: Causa Böhmermann: Die Schmähkritik im Ganzen.

Wer dies nachliest, der kann sich alle anderen drölfzigtausend Artikel, Lieder und Meinungen dazu sparen. Also eigentlich auch diesen Text hier. Naja.

Ich hatte selbst besagte Neo-Magazin Folge nicht gesehen und als ich kurz darauf auf sämtlichen Social Media Kanälen einzelne Bröckchen des zusammengelöteten Ziegen-Gedichtes las, dachte ich schon „lieber intelligenter Herr Böhmermann, musste das jetzt sein?“ Nachdem ich es im Kontext gesehen hatte, war mir allerdings sofort klar, „Ja, das musste sein. Und zwar genau jetzt!“

Ausgangspunkt ist und bleibt die Reaktion der Türkei (Botschafter, Löschung und so) auf den Erdowie-Erdowo-Erdogan-Song von Extra 3. Bei einem vergleichsweise harmlosen Inhalt wollte Erdogan seine Macht beweisen und auf unsere hiesige Meinungsfreiheit Einfluss nehmen. „Aber nicht mit uns“ grölten Politik und Gesellschaft gleichermaßen auf allen Kanälen, leicht Nena-bedudelt. Doch es war ein schrillendes Alarmsignal.

Denn wie sieht es im „Ernstfall“ aus mit unserer Unabhängigkeit der Türkei gegenüber? Böhmermann hat es uns mit seinem exzellenten Handwerkzeug der Satire vor Augen geführt, und damit nicht nur die Politik entlarvt, sondern unsere Gesellschaft gleich mit.  

Zum einen stellt er damit Angela Merkel die Vertrauensfrage. Kann sie nach dem Flüchtlingspakt noch so objektiv und sachlich mit der Türkei umgehen, wie es richtig und wichtig wäre? Die Böhmermann Satire hat relativ schnell deutlich gemacht: sie kann es nicht.

Zu hoffen wäre allerdings, dass ihr Telefonat mit Erdogan, in dem sie vorschnell urteilt, das Gedicht  sei „bewusst  verletzend“ (und Erdogan zu Recht angepisst) beruht einfach auf schlechter Vorarbeit ihrer Mitarbeiter. Vermutlich hat man ihr, mit leiser Stimme und leicht gerötet, lediglich ein paar Stellen aus dem Gedicht vorgelesen, ohne ihr den Gesamtzusammenhang zu präsentieren. Dass es nun wiederum zwei Wochen dauert, um die Frage zu beantworten, ob man dem Strafersuch Ankaras stattgeben möchte, ist allerdings genauso fahrlässig. Denn durch ihr zunächst zu schnelles Empörungs-Eingeständnis und ihre jetzt hinausgezögerte Antwort hat Merkel ihren Handlungs- und Entscheidungsspielraum nahezu auf Null geschraubt.

All das, was in dieser unendlich anmutenden Zeit in die Welt geraten ist, lässt sich nun nicht mehr einfangen – egal wie ihre Entscheidung auch ausfällt. Böhmermann hat diesen Teil seiner wohlkalkulierten Demonstration gewonnen. Eine demokratische Regierung, die einen Deal mit einem Despoten eingeht, um sich lästige Probleme vom Hals zu schaffen, ist danach nicht mehr frei in ihren Handlungswahlen. Aus einem Pakt mit dem Teufel kommst du nicht heraus, ohne deine Ideale und Überzeugungen zu verkaufen.  

Aber auch uns als Zivilgesellschaft führt Böhmermann unsere mittlerweile liebgewonnene bequeme Haltung vor Augen. Was haben wir doch alle so lustig den Erdogan-Extra 3-Song beklatscht. Und ließen uns nicht einmal davon abschrecken, dass es ein Nena-Liedchen war.

„In Deutschland ist so was erlaubt, und ich finde es ganz toll, wie in dieser Woche die Zivilgesellschaft aufgestanden ist…“

freut sich Böhmermann satirisch. Weiß er doch genau, dass von uns niemand überhaupt aufstehen musste, um unsere hart erkämpfte Meinungsfreiheit per Tweet zu verteidigen. Das machen wir doch locker aus dem Bett. Noch vor dem ersten Kaffee, wenn es sein muss.  „Je suis Extra 3“ sprengt nicht mal das twittersche Zeichenlimit. Genial. Ein klares Statement, dass der Deal mit der Türkei und der Menschenhandel mit Flüchtlingen für uns gar nicht geht, würde das Zeichenlimit wohl sprengen. Da kann man nix machen.

Für dieses Genie-Stück, für das Jan Böhmermann mittlerweile leider unter Polizeischutz steht, muss man ihm tatsächlich sehr danken. Besser hätte sich die politisch-gesellschaftliche Komfortkammer kaum darstellen lassen.

Satire muss mindestens so weit gehen, wie sie benötigt, um sich von der Wirklichkeit überhaupt noch unterscheidbar zu machen. Es ist also gar keine Frage der Grenzen für Satire, die sich stellt. Es ist die Wirklichkeit, die der Satire die Begrenzung vorgibt. Das Satire-Stück sagt also einiges darüber aus, wie es um unsere Wirklichkeit beschaffen ist. Das sollte uns vielleicht mehr Sorgen bereiten, als der diplomatische Ziegensalat.

Wie die Geschichte ausgeht? Ich weiß es nicht. Das steht sicher in den übrigen drölfzigtausend Texten. Aber eines ist deutlich geworden, die Vertrauensfrage haben wir alle schon längst verloren. Jetzt geht es nur noch darum, eine Antwort abzuwarten. Und warten können wir.

 

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Eine Antwort to “Böhmermann stellt die Vertrauensfrage”

  1. sachsenbrennt April 14, 2016 um 4:43 pm #

    Hat dies auf sachsenbrennt rebloggt und kommentierte:
    Es erstaunt immer wieder, wieviel Staatsrechtler u.a. Rechtsprofessoren keine richtige Textinterpretation hinkriegen. Der Vorwurf der Beleidigung ist an Absurdität nicht zu überbieten.

    Noch katastrophaler ist aber das Verhalten des ZDF. Durch die Entfernung der Sendung aus der Mediathek ist eine Situation entstanden, in der weltweit (!) fast immer nur das Gedicht, nicht aber das Gesamtwerk verbreitet wurde.

    Medien und – vor allem – die Justiz haben Deutschland – einmal mehr – von „Dichtern und Denkern“ zu „Schlächtern und Henkern“ transformiert.

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