Herr Stern, was können wir aus der Geschichte lernen?

3 Feb
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Fritz Stern im Interview

Stehen wir vor einem neuen Zeitalter der Angst?

Zu seinem 90. Geburtstag hat der Historiker Fritz Stern ein beeindruckendes Interview gegeben. Es ging um unsere Geschichte und um unsere Zukunft. Und ich bin der Meinung, auch wenn gerne argumentiert wird, dass es jetzt mal langsam gut ist mit dem Rückblick auf deutsche Gräueltaten, wird unsere Vergangenheit immer unser Handeln in der Zukunft bestimmen. Immer. Und das sollte es auch.   

Geht es nur mir so, dass ich Gespräche mit Menschen, die ein lebendiges Geschichtsbuch darstellen, besonders in der aktuellen flüchtigen Zeit als absolute Bereicherung ansehe? Vor ein paar Tagen sprach gerade die jüdische Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger im Deutschen Bundestag zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Ihre Rede über die deutschen Abgründe der Judenverfolgung, Konzentrationslager, Massenmorde und Vertreibung, ist Mahnmal und Ansporn zugleich. Mahnmal, dass Menschen zu solch unfassbaren Verbrechen an der Menschlichkeit fähig sind, und Ansporn, alles menschenmögliche zu tun, dass so etwas in der deutschen Geschichte nie wieder passieren kann. Und mehr noch, ein „Wir schaffen das“ in Bezug auf die Flüchtlingssituation aus dem Munde einer Frau zu hören, die das Konzentrationslager überlebt hat, sollte nicht nur Ansporn sein, sondern höchste Motivation für die Politik in Deutschland und in Europa, ihre Anstrengungen bis ins schier unermessliche zu erhöhen.

Und machen wir uns doch nichts vor. Alleine schon aus purem Egoismus. Oder wollen wir uns daran gewöhnen, dass täglich Menschen vor unserer europäischen Haustüre qualvoll ertrinken? „Heute Nacht sind leider wieder 9 Menschen im Meer ertrunken, darunter 4 Kinder. Und jetzt das Wetter.“

Hat sich schon einmal jemand darüber Gedanken gemacht, wie man auf Dauer mit solch einer Situation umgehen kann? Ich mir schon. Und die unerträglich zynische Antwort lautet, man wird sich wohl irgendwie daran gewöhnen und verdrängen.

Wenn nun Fritz Stern auf die Frage, was wir aus der Geschichte lernen können sagt „Dass man wissen sollte, dass die Freiheit ungeheuer verletzlich ist“ und dass genau diese Freiheit durch den aktuellen rechtsradikalen Populismus bedroht werde, der nämlich Freiheit jederzeit beschränken würde, dann rückt das unsere augenblickliche Wirklichkeit wieder ein Stück weit zurecht. Er sei aufgewachsen mit dem Sterben einer Demokratie und jetzt sieht er sie zumindest wieder in Gefahr. Und nicht durch Menschen, die auf der Flucht sind, sondern durch einen sich wieder ausbreitenden Rechtsextremismus. 

Mit Blick auf die USA sieht er in den Präsidentschaftskandidaten Ted Cruz und Donald Trump eine große Gefahr auf uns zukommen, denn sie seien mitnichten nur konservativ, sondern rechtsradikal, die die Welt jederzeit in ein Unglück stürzen würden. Generell sieht er in der Verdummung der Menschen, in Kombination mit Angst und Unsicherheit, eine Gefahr, die man nicht unterschätzen kann. Aus dieser Kombination entsteht der Schrei nach Autorität und Führung, die dann vom rechten Rand bedient wird.

Seinen Rat, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen und demokratische Errungenschaften nach 1945 nicht als einfach gegeben hinzunehmen, hat rein gar nichts mit Gestrigkeit oder ewiger Schuld zu tun, sondern ist meiner Meinung nach die einzige Möglichkeit, genug Ehrgeiz freizusetzen, um an allen Ecken dafür zu kämpfen. Und wenn auf diese Weise die Vergangenheit unser Handeln in Gegenwart und Zukunft beeinflusst, wäre das sicherlich kein Rückschritt. 

„Wir schaffen das“ ist vielleicht nicht einfach. Aber „wir schaffen das nicht“ kann doch nicht wirklich eine Option sein.

Und ich bin froh, dass Menschen wie Fritz Stern oder Ruth Klüger uns genau das noch eindrücklich vor Augen führen können.

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