#25 Minuten: Die Bahn kommt – oder auch nicht

22 Jan

Gerade sitze ich im ICE 644 von Berlin nach Düsseldorf, der um 6.52h abfahren sollte, aber mit einer Verspätung von vierzig Minuten losfuhr. Vierzig Minuten bei Minus 7 Grad frierend auf dem Bahnsteig. Natürlich hätte ich einfach noch gemütlich bei einem Kaffee in der Lounge sitzen bleiben können, wenn die Verspätung angekündigt gewesen wäre. Wie das aber bei der Bahn so ist, beginnt die Ansage am Bahnsteig mit „Verspätung 5 Minuten“, bei der noch alle müde lächeln, und endet nach Gleiswechsel und diverser Ansage-Kuriositäten und gefühlt mindestens abgefrorenen Zehen beim achtfachen. 5, 15, 25 – wer bietet mehr.

Aufgrund einer „technischen Störung am Zug“ habe ich meinen Anschluss in Düsseldorf also schon verpasst, da bin ich noch nicht einmal in Berlin losgefahren.
Und auch das Bordbistro muss leider erst einmal geschlossen bleiben: „Grund hierfür ist die verspätete Vorleistung des Personals“ ??? Bahnfahren und Loriot gehören anscheinend unabdingbar zusammen.

Das Problem am Reisen mit der Bahn sind aber nicht die ständigen Verspätungen, das nicht funktionierende WLAN, die Kommunikation from hell, fehlende Wagons, kaputte Reservierungen oder unverhoffte Diäten, sondern vielmehr, dass man sich auf diese Unzuverlässigkeiten einfach nicht verlassen kann!

Zwischendrin wird man immer mal wieder an der Nase herumgeführt. Kürzlich fuhr ich mit einer freundlichen und pünktlichen Bahn Richtung Rheinland. Dieses gehypte und beworbene WLAN funktionierte wie zu hause: ich konnte arbeiten und sogar einen Online-Vortrag ansehen. Am Ende hatte ich die Fahrt tatsächlich richtig produktiv nutzen können und konnte mich obendrein noch erholen.

Das verführt aber dazu, dass ich „hey die Bahn hat jetzt geiles WLAN“ gesteuert für diese Fahrt reichlich Arbeit einpackte. Leider ist das geile WLAN diesmal aber nicht mit an Bord. Als Ersatzleistung lese ich nun in meiner Printausgabe – und das ist jetzt kein Scherz – „Das Zeitalter der Beschleunigung“ von Hartmut Rosa. Und ja, meine Herangehensweise ist eher gerade etwas behäbig…

Glücklicherweise muss ich aber wenigstens heute nicht nach Bonn, denn die Zugteilung in Hamm entfällt dann heute auch. Wer also nach Bonn will: Alaaf!

Die Bahn redet sich ein, dass die eingefahrenen Umsatzverluste an der Konkurrenz – besonders an den Fernbussen – hängen. Die Analyse sollte aber eher im eigenen System stattfinden, dann würde man sehen, dass es daran sicherlich nicht in erster Linie liegt. Ein Fernbuss benötigt die doppelte Zeit – hat allerdings WLAN. Die City Flieger haben auch ständig Verspätung und man vergammelt vorm Boarding. Außerdem ist der Komfort an Bord mäßig und das Arbeiten schwierig. Auto? Forget it!

Das größte Problem der Bahn ist auch 2016 noch die Bahn selbst. Was nützten tolle Marketing- Coups, wenn ich mich als Kunde einfach nicht darauf verlassen kann? Ich fahre zu einem Termin und will die Vorbereitung in der Bahn erledigen? Gute Idee, aber vielleicht kommt mein Zug gar nicht, oder mein Abteil ist nicht da, es gibt kei WLAN und ich sitze vorm Klo. Der Termin wird bestimmt ein besonderer Erfolg!

Dazu kommt die immer noch rückständige und undurchschaubare Preispolitik, die nicht an die Lebensbedingungen des 21. Jahrhunderts angepasst sind.

Und was sagt es überhaupt über ein Zukunftsunternehmen aus, das tatsächlich Fernbusse, die stundenlang über vollgestopfte Autobahnen rödeln, als Grund für Umsatzrückgänge ansieht? Das ist schon bitter!

Warum als Bahn nicht mal mit den wirklichen Stärken werben?
„Mit der Bahn offline durch die Republik. Der Weg ist das Ziel. Einfach mal unerreichbar sein und sich dabei prächtig erholen. Abnehmen? Mit uns kein Problem! Sie wollen mal Ihre Ruhe? Bei uns spricht garantiert niemand mit Ihnen. Wir stärken Ihre Abwehrkräfte durch unser unregulierbares Klimasystem. Fernbus? WLAN kann ja jeder.“ Oder ganz modern: „Disruption with Deutsche Bahn“

Ich schreibe jetzt mal eine SMS und trinke keinen Kaffee. Großartig! 😉

PS: Dieser Post wird mit Sicherheit mit reichlich Verspätung hochgeladen und wird präsentiert von „Blogging with Deutsche Bahn“

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