#25 Minuten: „Ich möchte nicht deine Erbin sein“

20 Jan

Gestern Abend habe ich nun endlich  das Spiegel-Streitgespräch „Ich möchte nicht deine Erbin sein“ (Blendle €) zwischen der Feministin Alice Schwarzer und der Feministin Anne Wizorek gelesen. Aber leider ist es nicht einmal das, denn es ist gerade einmal ein Streit ohne Gespräch.

Anlass für dieses „Gespräch“ waren die sexuellen Gewaltangriffe gegen Frauen in der Silvesternacht in Köln. (Ich habe dazu auch was auf HuffPost geschrieben: („Die Gewalt gegen Frauen in Köln wirft viele Fragen auf“). Mittlerweile liegen 766 Anzeigen bei der Polizei vor, darunter 381 Anzeigen zu Sexualdelikten und 385 Anzeigen, die Eigentums- oder Körperverletzungsdelikte betreffen. Bei den überwiegend ausländischen Tätern, oder korrekter, bei den Tatverdächtigen, handelt es sich unter anderem um Marokkaner, Algerier, Iraner und Syrer – überwiegend Asylbewerber.

Seitdem ist viel geredet, geschrieben und gefordert worden. Eine Kehrtwende in der Flüchtlingspolitik soll es geben, mehr Polizei, ja vielleicht sogar Bundeswehr im Inneren, schnellere Abschiebungen, mehr Überwachung, bessere Integration, neue Ausweise für Asylbewerber und eine Verschärfung des Sexualstrafrechts. Bei manchen Punkten wird mir ein wenig bange und beim Sexualstrafrecht frage ich mich natürlich, warum es solange in irgendwelchen Schubladen herumliegen musste. Klar ist aber auch, verhindert hätte vermutlich nichts von alledem die Übergriffe in diesem Ausmaß.

Was mich persönlich sehr geärgert hat (neben allen Vertuschungsversuchen und Ungereimtheiten) war zum einen die Instrumentalisierung der Ereignisse von allen Seiten und die Unehrlichkeit in den Debatten, bis hin zur Verweigerung der Betrachtung der Tatsachen. So legten Feministinnen besonderen Wert darauf, bloß nicht zu erwähnen, dass es sich um ausländische Täter handelt, und dass, obwohl ja gerade die Frauen – also die Opfer – berichtet haben, dass es sich um überwiegend ausländische Angreifer gehandelt habe. Damit wurde so getan, als wäre es schon rassistisch, diese Tatsache überhaupt zu erwähnen, was ich in keinster Weise nachvollziehen kann. Vielmehr ist dieses Verhalten unfair gegenüber den Opfern und auch sehr unfair gegenüber dem größten Teil der ausländischen Asylbewerber und Migranten, die hier im Einklang mit unserem Rechtsstaat und unseren Werten leben. Auch in deren Interesse wäre es doch, Gewalttaten anderer Ausländer aufzuklären, die unsere Gesetze und Werte nicht anerkennen wollen. Und dass damit verschleiert wird, dass Frauen in Deutschland durchaus auch von deutschen Männern Gewalt erfahren, und durch männliche Machtstrukturen erniedrigt werden, finde ich – mit Verlaub – ein wenig konstruiert. Die genauen Zahlen zur alltäglichen Gewalt gegen Frauen lassen sich in dieser EU-Erhebung nachlesen. Hier kann rein gar nichts beschönt werden und man sieht, hier geht es um weit mehr als um Gleichberechtigung und Gleichstellung. 

Um nun auf das Spiegel-Interview zurückzukommen. Es hat mich geärgert. Denn es hat genau das gezeigt, was sich in unserer heutigen Gesellschaft abspielt. Wir wollen nur unsere Standpunkte durchsetzen, es gibt keine Debatte, sondern nur noch binäre Vorstellungen von wahr/falsch, gut/schlecht, mein/dein, rassistisch/nicht rassistisch – kein dazwischen, keine Annäherung, oder auch Kompromisse für ein gemeinsames Ziel. 

„Es ist rassistisch, so zu tun, als seien nur Männer mit Migrationshintergrund Täter. (…) und es darf nicht zum Standard der Geschlechterdebatte werden, dass nur männliche Migranten als Verursacher gelten.“ sagt Anne Wizorek im Interview. Man darf aber auch keine  Tatsachen vehement verschweigen, damit verhindert man das Lösen von Problemen und spielt den wirklichen Rassisten erst recht in die Karten. Und unterstellt obendrein Menschen, die sich für eine freie und demokratische Gesellschaft einsetzen, dass sie Rassisten sind. Damit ist die Gesprächsgrundlage entzogen – es entsteht Streit ohne Gespräch. So kann weder eine Integrationsdebatte geführt werden noch eine offene Debatte über Gewalt gegen Frauen. 

Das Interview ist aus einem Grunde dann doch lesenswert, denn es zeigt, dass es scheinbar nicht einmal den einen kleinsten gemeinsamen Nenner unter Frauen gibt, nämlich gemeinsam für die Rechte von Frauen einzustehen. Von dem Versuch eines Verständnisses für andere Positionen mal ganz abgesehen. Schade. 

„Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“ (Simone de Beauvoir)

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: