Die Gewalt gegen Frauen in Köln wirft viele Fragen auf

5 Jan

Als ich Montag Abend von den Massenattacken gegenüber Frauen in der Silvesternacht vor dem Kölner Hauptbahnhof gehört habe, hat es mir ziemlich die Sprache verschlagen. Auch wenn die Informationen nicht ausreichen, um sich ein klares Bild von dem unvorstellbaren Geschehen zu machen, reichen sie dennoch aus, um zu wissen, welchen Horror dieses Frauen dort erlebt haben müssen. Von Hunderten gewalttätigen Männern umzingelt, sexuell genötigt, erniedrigt und beklaut zu werden, muss bei den meisten Frauen Todesangst ausgelöst haben. Frauen berichten, dass man ihnen Strumpfhose und Unterwäsche vom Leib gerissen hat, es soll mindestens eine Vergewaltigung gegeben haben.

Entsetzlich! Dass diese Szenen mitten in Köln geschehen konnten, in der Stadt, in der ich viele Jahre gelebt habe und deren einzigartiges Lebensgefühl ich manchmal heute noch vermisse, hat mich noch einmal mehr schockiert.

Und wie kann es sein, dass solch ein Ausmaß an sexueller Gewalt gegen Frauen erst Tage später in dieser Dimension öffentlich wird? Ja, es gab Schilderungen von Ausschreitungen in Köln – Meldungen wie man sie nach Silvester durchaus kennt und an die man sich ja leider schon gewöhnt hat. Wie an den Kater am Neujahrsmorgen auch. Und in diesem gehen die alljährlichen Meldungen über Verletzte durch Böller und Massenschlägereien im Alkoholrausch auch meist wattig unter. Hat man darauf vielleicht auch bei diesen Ereignissen spekuliert? Man muss aber doch schnell gemerkt haben, dass hier eine Form von Gewalt stattfand, die es so vorher noch nicht gegeben hat. Was mag das für die Opfer bedeuten, wenn man aufs Schlimmste gedemütigt wird und die Taten dann auch noch kleingehalten werden? Es scheint keine Verhaftungen in diesem Zusammenhang gegeben zu haben, das kann man angesichts der Schilderungen kaum glauben.

Zu diesen Gewalttaten in Köln ist mir bis gestern nichts in den Sozialen Netzwerken begegnet, da, wo sonst der umfallende Sack Reis „periscopiert“ wird oder jeder Dialog aus dem Tatort kommentiert, gefavt und retweetet wird. Das hat mich zutiefst verwirrt.

Aus dieser diffusen Beklommenheit heraus habe ich am Abend dazu getwittert – leider habe ich nicht bedacht, dass dieser Tweet sogleich den Pöbel hervorlocken könnte.

Screenshot 2016-01-05 09.43.26

Ich schätze meine Medienkompetenz recht hoch ein und achte darauf, dass meine Inhalte normalerweise auch keine Angriffsfläche bieten, um instrumentalisiert zu werden. Hierbei ist es mir leider nicht gelungen und ich musste heute Morgen reichlich Kommentare löschen, die Hitler, Drohungen, Lügenpresse und andere Ekelhaftigkeiten zum Inhalt hatten. Da überlege ich auch nicht lange, diese Ergüsse werden schnell und gnadenlos geblockt. Geärgert hat es mich dennoch, dass ich mit meiner unbedachten Wortwahl „…wie das alles solange unter den Teppich gekehrt werden konnte!“ natürlich genau diese Medien- und Flüchtlingshetzer auf den Plan gerufen habe.

Es kotzt mich nämlich an, wenn Menschen die Presse als Lügen- oder Pinocchiopresse bezeichnen, weil es so schön in ihr Weltbild passt. Es nervt, wenn Frauen wie Birgit Kelle verbal auf Frauen einprügelt, weil diese zwar Brüderles Witze nicht lustig finden, aber angeblich extra die Gewaltausschreitungen in Köln verschweigen würden. Auch Jens Spahn fragt sich auf Twitter „Wo ist eigentlich der #aufschrei, wenn es wirklich einen braucht?…“ und beleidigt damit alle Frauen, die sich damals an der #aufschrei Debatte mit ihren Erfahrungen beteiligt haben. Was es jetzt allerdings erst einmal braucht, ist die Aufklärung dieser Gewalttaten, die Bestrafung der Verbrecher und einen Schutz der Opfer.

Und ja, der Polizeieinsatz und der Umgang mit der Situation vor Ort scheint mir nicht besonders gelungen. Es können sich keine Tausend Männer einfach so aus heiterem Himmel zusammenrotten und eine Parallelgesellschaft vorm Bahnhof bilden, die müssen ja irgendwo hergekommen sein. Und es wäre gut, wenn die Polizei das so schnell wie möglich bis ins Detail aufarbeitet.

Dennoch habe ich durchaus Vertrauen in unseren Rechtsstaat und Respekt vor der Polizei. Wenn Fehler gemacht worden sind, müssen die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. So funktioniert das glücklicherweise in einem demokratischen Land. Eine Diskussion auf Twitter halte ich dazu aber nicht für zielführend, denn sie spielt nur den rassistischen Hetzern in die Hände, die sogleich Hitler zur Hilfe rufen möchten, um gleich alle Flüchtlinge zu beseitigen. Und das wird leider ausgetragen auf Kosten der Frauen, die dadurch gleich wieder zu Opfern werden. Unter #koelnhbf lässt sich schnell nachvollziehen, was ich meine.

Alle sollten nun schnell und ohne Populismus ihre Hausaufgaben machen. Ich habe meine Lektion schon gelernt!

P.S. Den Tweet habe ich mittlerweile komplett gelöscht, da die Anfeindungen immer größer wurden.

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