2016 Loading…

30 Dez

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Die Chefredakteurin der WirtschaftsWoche Miriam Meckel schreibt in Ihrer aktuellen Kolumne „Deutschland ist…“, dass wir ein gemeinsames Verständnis über unsere gesellschaftliche Wirklichkeit haben müssen, damit eine demokratische Gesellschaft überhaupt lebensfähig ist. Dieses gemeinsame Verständnis geht aber beispielsweise durch die verschiedenen Echokammern im Internet verloren, deren Bewohner die Wirklichkeit auf ihrer eigenen Seite sehen. Und auf der dunklen Seite stehen demnach die Medien – die „Lügenpresse.“

Sicherlich lässt sich darüber diskutieren, ob dieses gemeinsame Verständnis über unsere Welt tatsächlich verloren gegangen ist, oder ob es dieses erst gar nicht gab. Und ob sich die verschiedenen Auffassungen erst durch die modernen Möglichkeiten der Vernetzung im Digitalen so schnell verbreiten konnten, und auf diese Weise kleine, meist hasserfüllte, Wirklichkeiten erzeugt wurden – die sich aufgrund der vielen Gleichgesinnten sogleich auch noch legitimiert fühlten.    

Unsere Vorstellung von Gesellschaft ist geprägt durch unser Alltagswissen, soziale Beziehungen, Rollenbilder oder Normen. Bei vielen ist heutzutage die Anzahl der sozialen Beziehungen recht gering, bei Menschen mit schlechten Zukunftsaussichten fallen sogar oftmals die Kontakte in der Arbeitswelt weg, denn viele hatten noch nie einen Job. Man mag sich vorstellen, wie diese auch in der analogen Echokammer, umgeben von eindimensionalen Rollenbildern, ihre Wirklichkeit wahrnehmen und welche Vorstellungen von gesellschaftlich geltenden Normen sie haben. Hetze, Morddrohungen und Hasskommentare sind für viele gesellschaftsfähig – zumindest in ihrer „Gesellschaft“. Und wer erst mal andere Vorstellungen von Gesellschaft hat, der hat auch schnell andere Vorstellungen von Demokratie, Freiheit, Gesetz oder Gerechtigkeit.  

Wenn man nun noch die Wirklichkeiten anderer Nationen betrachtet, es reicht ja  schon ein Blick in einige unserer europäischen Nachbarländer, dann kann man sich schon fragen, welche demokratische Basis hier überhaupt noch existiert. Und dass eine gemeinsame Basis dringend nötig wäre, haben uns die diversen Krisen des nicht gerade freundlichen, zurückliegenden Jahres gezeigt. Besonders die Flüchtlingskrise hat grundlegende Unterschiede in der Auffassung über Menschlichkeit, Solidarität und Bürgerrechte zu Tage befördert – dabei vielleicht auch Systemfehler der Europäischen Integration und der gemeinsamen europäischen Wirklichkeit offenbart. Selbst die Charta der Grundrechte der Europäischen Union kann keine europäische Wertegemeinschaft erzeugen, wenn nationale Regierungen massiv dagegen verstoßen, ohne wirkliche Sanktionen fürchten zu müssen. Die Europäische Union schaut hilflos zu, wenn rechtsgerichtete Parteien erstarken und wie in Polen national-konservative Parteien „Reformen“ zur Untergrabung der Demokratie starten.

Wer „Europa ist“ in die Google Suche eingibt, der erhält auch keine schönen Zukunftsvorschläge: 1. „Europa ist tot“, 2. „Europa ist am Ende“, 3. „Europa ist gescheitert“, und 4. „Europa ist gar keine Wertegemeinschaft“. An fünfter Stelle klingt es auf den ersten Blick zwar etwas freundlicher: „Europa ist ein Freiheitsprojekt“. Ein Projekt ist allerdings ein zielgerichtetes Vorhaben mit einem bestimmten Endpunkt. Wobei wir irgendwie schon wieder bei „Ende“ wären. Aber manchmal kommt nach einem Ende auch ein neuer Anfang.

Das Jahr 2015 neigt sich nun dem Ende zu. Und wahrscheinlich bin nicht nur ich erleichtert, wenn dieses unrühmliche Krisenjahr endlich vorbei ist. Hat es uns doch teilweise eine so hässliche Fratze gezeigt, dass alles Positive irgendwie erdrückt wurde. Es gäbe an dieser Stelle soviel zu bejammern, dass ich lieber gar nicht erst damit anfange. „Schaue nach vorne und nicht zurück“ ist vielleicht momentan die bessere Lebensweisheit.

Wenn ich also nach vorne blicke, dann freue ich mich ganz persönlich erst einmal auf das Schaltjahr 2016, in dem ich am 29. Februar endlich wieder Geburtstag feiern kann. Alle vier Jahre, das ist nicht oft. Deshalb ist dieses vor uns liegende Jahr zumindest in meiner Wirklichkeit schon mal etwas ganz besonders – vielleicht färbt es ja ab auf unsere gemeinsame, gesellschaftliche Wirklichkeit: „Spread the Leap-Year!“

 

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