Warten auf die „Heinzelmännchen von Berlin“

4 Dez

Screenshot 2015-12-04 15.23.27

Die „Heinzelmännchen von Köln“ sind der Sage nach kleine (nackte) Hausgeister, die nachts in die Kölner Häuser gekommen sind, um all die liegengebliebenen Arbeiten ihrer Bewohner zu verrichten. Berühmt wurde diese Sage durch die schöne Ballade von August Kopisch:

Screenshot 2015-12-04 15.31.28

Tolle Sache, da hatte man natürlich viel mehr Zeit für Kölsch & Klüngel. Und konnte sich darauf verlassen, dass alles am Ende doch noch in Ordnung kam. Öhnswih. Öhnswih – so muss die kölsche Lebensart entstanden sein.

Aber wenn Not am Mann ist – oder die Kacke am Dampfen –  dann stonn se in Kölle all parat. Auch ohne Heinzelmännchen. Und wenn es ganz schlimm kommt, sogar ohne Kölsch.

Viele Jahre habe ich selbst in Köln gelebt – als „Imi“ selbstverständlich. Vermutlich nur dort lassen sich harte Arbeit, Anstrengungen und die Leichtigkeit des Seins so wunderbar miteinander verbinden. Eine Mischung aus Dorf und Weltstadt. Eine Mischung aus Ordnung und „Fünfe gerade sein lassen“.

Ein Ereignis bleibt mir immer in Erinnerung – besonders seit ich in Berlin lebe – und ganz besonders durch die aktuellen Zustände in dieser Stadt. Als ich auf dem Kölner Bürgeramt einmal eine dringende Angelegenheit zu erledigen hatte, gab es theoretisch zwei Möglichkeiten:

a) es dauert lange und wird teuer

b) es wird teuer und es dauert lange

Die Verwaltungsangestellte hat sich aber für die Möglichkeit c) entschieden: mit einem kleinen Trick und der Biegung einiger Regeln kostete es nur eine kleine Verwaltungsgebühr und es dauerte nicht lange. „Wir sind ja auch nur Menschen“ entgegnete sie auf meinen Dankesschwall. Das Paket Kaffee, das sie nicht annehmen durfte, hab ich dann dort „vergessen“.  

Das große Schweigen

Solche Erlebnisse hatte ich bis jetzt in Berlin nicht einmal ansatzweise. Hier verzichten Verwaltungsmitarbeiter sogar auf schlichte Begrüßungsrituale wie „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“. Das möchte ich gar nicht anprangern, denn sie werden sicherlich ihre Gründe dafür haben. Wenn unten etwas nicht richtig funktioniert, dann darf man davon ausgehen, dass es hier größere Unstimmigkeiten in der Hierarchie gibt.

So war mein erster Eindruck der Berliner Verwaltung vor drei Jahren auch eher eine Katastrophe. Als ich einen Termin zum Ummelden hatte (Chacka!), schwiegen die Verwaltungsdame und ich uns lange in launiger Atmosphäre an, nachdem ich ihr meinen Ausweis und alle Unterlagen überreicht hatte. Irgendwann bekam ich dann meine Unterlagen zurück, samt Personalausweis mit frisch beklebter neuer Anschrift. Ein noch deutlicheres Schweigen signalisierte mir dann, dass ich nun in die neue Berliner Luft entlassen war.

Sicherlich hätte ich diese Geschichte schnell vergessen, wenn ich nicht abends mit Freunden zusammengesessen hätte und stolz meinen Personalausweis als Neu-Berlinerin gezeigt hätte. Schnell trübte sich die Stimmung, denn jemandem fiel auf, dass mein Ausweis in nicht einmal vier Wochen abläuft. Mir war das im Lebens-Umzugs-Stress gar nicht aufgefallen. Warum wurde ich darauf vormittags von der schweigsamen Verwaltungsdame nicht hingewiesen? Ich hätte gleich einen neuen Ausweis beantragen können – ein Passbildautomat war dort vorhanden. Jetzt bekäme ich vor Ablauf des Ausweises wohl nicht einmal mehr einen rechtzeitigen Termin. Ich war nicht nur sauer, sondern auch ein wenig fassungslos. Sicherlich gibt es keine festgeschriebene Regel, die „das Aufmerksam machen auf eine Ablauffrist“ festschreibt. Strenges formalistisches Handeln – Max Weber hätte seine helle Freude daran.

Karneval, Knöllchen & Kaffee

Formalität ist die eine Seite. Informalität allerdings die andere Seite, die das Funktionieren von Organisationen und Verwaltungen ausmacht. Ohne diese „kleinen Dienstwege“ und die Auslegung der ein oder anderen Regel funktionieren Verwaltungen nicht. Reine Formalität macht das System langsam und ineffizient. Und „öhnswih“ ja auch unmenschlich. Niklas Luhmann spricht bei „informalen Regeln“ von „brauchbarer Illegalität“, das beschreibt es eigentlich sehr gut.

Diese „brauchbare Illegalität“ scheint es in Berliner Verwaltungen allerdings nicht zu geben. Das Problem ist, dass man diese auch nicht einfach so vorschreiben kann, denn es sind ja eher persönliche, nicht festgeschriebene „Verwaltungsakte“, ansonsten wären sie ja formal.

Anschauen lässt sich dieses Verwaltungsdesaster leider momentan sehr praxisnah vor dem mittlerweile weltberühmten „Landesamt für Gesundheit und Soziales“ (kurz: Lageso) in Berlin-Moabit. Die Prozesse der Verwaltung waren vermutlich schon vorher sehr verlangsamt. Durch das starke Anwachsen der Flüchtlingszahlen wurde dies noch verschärft. Über Monate sind die Zustände dort untragbar, aber kein Entscheider im Verwaltungsapparat fühlt sich zuständig, diese zu ändern. Hier gibt es niemanden, der mal „Fünfe gerade sein lässt“ und dafür sorgt, dass Flüchtlinge nicht länger bei Wind und Wetter tagelang vor der Türe stehen müssen – ganz bestimmt gibt es keine Regel, die besagt, dass Flüchtlinge draußen nicht erfrieren sollen.

Was mich allerdings noch mehr verwundert ist, dass neben der informalen Seite, nicht einmal mehr die dritte wichtige Seite von Organisationen funktioniert: die Schauseite

Berlin ist die Hauptstadt eines reichen Landes. Eines Landes, das immer für seine Disziplin und Ordnung geschätzt wurde, bis das Sommermärchen diese ordentliche, aber so wenig charmante Charaktereigenschaft endlich ein wenig in den Hintergrund rücken konnte. Plötzlich waren wir nicht nur diszipliniert, sondern sogar ein bisschen sexy.

Berlin versagt, aber niemand ist in der Regierungsstadt gewillt, dieses erniedrigende Bild zu korrigieren. Wenn nicht für die Flüchtlinge, dann doch wenigstens für die Schauseite der Regierung, könnte man hoffen.

Warum ist Berlin so handlungsunfähig? Wartet man tatsächlich auf flinke Berliner Heinzelmännchen, die alle Probleme über Nacht „aufräumen“? Berlin ist ein Desaster, was Großprojekte und Herausforderungen angeht. Formal hat der Aufsichtsrat des Berliner Flughafens bestimmt auch alles richtig gemacht. De facto lässt sich sagen: „Alles Scheiße, Deine Elli!“       

Und auch hier scheint sich niemand so richtig dafür zu schämen. Oder die ProbIeme richtig – echt jetzt – lösen zu wollen. Ist halt so.

Auch Köln haftet sicherlich das Monstrum Wahldebakel und die Unfähigkeit richtige Stimmzettel zu drucken an der Backe. Allerdings funktionieren hier die drei Seiten der Organisation Schauseite, Formale & Informale Seite aka Karneval, Knöllchen & Kaffee sehr gut.

Gäbe es eine ähnliche schlimme Situation in Köln wie vor dem Lageso, man könnte darauf wetten, dass Politik und Bürger gemeinsam in kürzester Zeit auf vielen kleinen Dienstwegen einen Wartesaal samt Kölsch-Theke vor die Erstaufnahmestelle gezimmert hätten. Und die Kölner Band BAP hätte dazu ihren eiligst komponierten Song „Mir losse NIEMANDEN im Regen ston“ zum Besten gegeben. Und dann wären nachts obendrein noch die Heinzelmännchen dazu gekommen.

Hier in Berlin sehen allerdings wohl nicht einmal mehr Wichtel Licht am Ende des Tunnels.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: