Die Wirklichkeit zu Gast im Leben

6 Nov

Screenshot 2015-11-06 18.27.14

„Ich und die Welt“

Es fällt mir sehr schwer, zu begreifen, was gerade in der Welt passiert. Oder besser: Was sich in den letzten Jahren in der Welt abgespielt hat und jetzt in meine soziale Wirklichkeit eingedrungen ist.

Die Flüchtlingskrise, und alles was damit zusammenhängt, erschüttert plötzlich meine eben noch gemütliche und heile Lebenswelt. Die Grundmauern meiner bisherigen Weltauffassung sacken so langsam in sich zusammen.

Ich merke, wie ich auf einmal vieles selektieren muss. Ich kann dieses unfassbare Leid, diese Hilflosigkeit, weinende Kinder, frierende Säuglinge in Kombination mit europäischer Abschottung, Hass und Nazis nicht  mehr ungefiltert an mich heranlassen. Ich schalte Nachrichtensendungen aus und versuche mich gezielt und in ertragbaren Portionen über die Flüchtlingspolitik und aktuelle politische Entscheidungen zu informieren. Manchmal lese ich ausgewählte Texte von Journalisten und Bloggern, zu denen ich in der Vergangenheit schon ein Vertrauen aufgebaut habe. Das hilft mir jetzt, um mich zurechtzufinden in dieser Zeit, in der Nachrichten sich überschlagen und Bilder von toten Kindern und hinter Zäune gesperrte Menschen um die Welt gehen.

Die Augen verschließen können vor der Realität mag ein Luxus sein, der die ganze Perversität unseres Daseins seziert und auf einem friedlichen Tellerchen vor uns anrichtet. Flambiert.

Als noch tausende Kilometer von uns entfernt gestorben wurde, im kalten Mittelmeer anonym ertrunken wurde, Frauen und Mädchen zu Tausenden in der Ferne entführt und vergewaltigt wurden,  zerstörte (ehemals wunderschöne) Städte zerbombt auf unseren Bildschirmen flimmerten und Menschen in heruntergekommenen Massenflüchtlingslagern im Nahen Osten hungerten – ja, da war unsere Welt noch in Ordnung.

Aber in den letzten Tagen frage ich mich, ob die, die im Augenblick zu uns kommen, um ihr Leben zu retten, nicht in Wahrheit unsere Leben gleich mitretten.

Unweigerlich muss ich an eine Situation in meiner Kindheit denken. Wenn ich, wie so oft, mein Essen nicht aufessen wollte, dann pflegte meine Mutter zu sagen: „Denk an die armen Kinder in Afrika, die nichts zu essen haben.“ Bei diesem Satz blieb mir meist der Kloß erst recht im Hals stecken, denn ich konnte das einfach nicht begreifen. Wäre es denn dann nicht erst recht besser mein Essen mit den hungernden Kindern in Afrika zu teilen, statt es mühevoll in mich hineinzustopfen – ohne Hunger oder Appetit?  Wie sollte das den armen Kindern helfen? Und warum überhaupt bringt Ihnen niemand etwas zu essen?

Und im Laufe des Lebens haben wir in unserer westlichen Überfluss-Gesellschaft  gelernt, alles Schlimme auf der Welt auszublenden – uns einzurichten. Sekt zu trinken, während andere Menschen verdursten. Kämpfe auf der Playstation zu simulieren, während woanders echte Menschen von Kugeln und Bomben getötet werden. Kriege in der Welt zu verurteilen und gleichzeitig Milliarden mit Rüstungsexporten zu verdienen. Unser binärer Code von Frieden und Sicherheit auf unserer Seite und Krieg und Unsicherheit weit weit sehr weit weg irgendwo auf der anderen Seite, hat lange funktioniert.

Aber jetzt funktioniert er eben nicht mehr. Denn nun kommt die andere Seite im Scharen zu uns. Und das auch noch zu Fuß. Und reduziert so unsere schön gestaltete Lebenswelt plötzlich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner – auf das „Mensch sein“. Denn mehr als ihr Leben haben diese Geflüchteten nicht mehr.

Und jetzt, wo ich mein Essen oftmals viel zu gerne und ohne fremde Hilfe aufesse, mag es mir nicht mehr recht schmecken. Ein Teilen des Wohlstands und des Essens würde nicht nur meiner Figur gut tun, sondern es würde auch wieder ganz neue Perspektiven eröffnen. Ich möchte meinen Teller nicht leerkratzen, damit am nächsten Tag das Wetter schön wird. Ich möchte lieber teilen, damit es anderen dadurch besser geht. Gerne auch im Regen.

Männer, Frauen und Kinder sind Hunderte Kilometer zu Fuß um ihr Leben gelaufen. Das bedeutet, dass ich bei der nächsten Wanderung nicht mehr rumjammern kann, dass mir die Füße wehtun – nach ein paar Kilometern und der nächsten Almhütte vor Augen. Menschen haben alles verloren, Familienangehörige sind gestorben. Das bedeutet, dass ich mich über viele Dinge sicherlich nicht mehr aufregen kann, was ich doch besonders bei Kleinigkeiten so gerne tue. Menschen sind vor Terror geflohen. Das bedeutet, dass ich sicherlich nicht zulassen werde, dass Ihnen ausgerechnet hier nun Hass und Gewalt entgegenschlagen.

Und das bedeutet erst recht, dass sich meine eigene Wirklichkeit durch die Flüchtlingskrise nicht verändern wird, sondern dass sie sich schon längst verändert hat in den letzten Monaten. Und das lässt sich auch nicht mehr umkehren, einen Reset-Button für Lebenserfahrungen gibt es glücklicherweise nicht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: