„Stoppt die Welt, ich will aussteigen!“

25 Okt

Stoppt die Welt, ich will aussteigen!

Es ist nun fast drei Jahre her, als ich entschieden habe, mein Leben grundlegend zu ändern. Wobei: eine richtige Entscheidung ist es eigentlich erst in der Rückschau. Damals war es eher eine Vollbremsung mit gezogener Handbremse und ein Erwachen aus einem Geschwindigkeitsrausch.

Kurz nach meinem vierzigsten Geburtstag, auch das noch.

Vor lauter „Jagen nach fremden Zielen“ blieben nämlich die eigenen Ziele auf der Strecke – und damit das selbstbestimmte Leben.

Habe ich eben noch komplexe Strategien entwickelt und ein großes Team durch den Tag gemanagt, bin ich abends bei einem freundlich gemeinten „Wie geht`s?“ leicht in einen Weinkrampf verfallen. Einfach so. Die Work-Life-Balance war gründlich im Arsch, was man vor lauter „Work“ und wenig „Life“ aber leider selbst als letztes mitbekommt. Vielleicht ist es auch schon ein großer Vorteil, wenn man es denn überhaupt irgendwann begreift.

Im Zeitraffer bedeutete dies für mich: anhalten, innehalten, loslassen. Job kündigen und neu anfangen. Nach zwanzig Jahren. Mitten im Leben. Bei einem duften Gehalt. Puh.

Arschtritt inklusive

Ich arbeite auch heute viel, weil es mir Spaß macht.  Dazu habe ich ein Studium begonnen, weil es mein Lebenstraum ist. Und das alles in meiner neuen Wahlheimat Berlin. Aber zwischendrin gibt es mittlerweile immer Gelegenheiten dem Alltag zu entfliehen – die Welt um mich herum in ihrer Schönheit wahrzunehmen und auch einfach mal nichts zu tun. Auf die Frage „Wie geht es?“ kann ich heute in einen Redeschwall geraten.

Um nicht wieder in alte hamsterradähnliche Muster zu verfallen, benötige ich allerdings auch von Zeit zu Zeit einen kleinen, aufmunternden, aber deutlichen Tritt in den Allerwertesten. Have a break. Have time.

Als Buchhändlerin finde ich diese Auszeiten oft in klugen, packenden und unterhaltsamen Büchern. Manchmal sogar in einem Reisebuch wie beispielsweise  „Stoppt die Welt, ich will aussteigen!“ von Martin Krengel. Auf den ersten Blick ist es ein Buch über eine spannende Weltreise in entlegene und skurrile Orte wie Tonga oder Galapagos. Oder in pulsierende Metropolen in Rio und Australien.

Auf dem zweiten Blick ist es aber auch ein Buch übers „frei sein“, übers „Leben leben“ und „sich trauen“. Der Autor ist eigentlich Zeitmanagement-Experte und hatte sich die Weltreise als sein persönliches (Traum)-Ziel gesetzt, sobald er seine Doktorarbeit in der Tasche hat. Doch als es soweit war, hat er es selbst kaum geschafft, die Stop-Taste zu drücken. Es lief doch gerade alles so toll: Erfolg, Job & Anerkennung.

Der Weg

Bewege Dich, wenn Dich im Inneren etwas bewegt!

Hätte ich mich dennoch auf den Weg gemacht? Vermutlich nicht. Martin Krengel dagegen hat es durch seinen beruflichen Background dann doch noch zum Backpacker geschafft, indem er einfach in kleinen Schritten – aber zügig – seine heimatliche Komfortzone ungemütlicher gemacht hat. Er hat das Auto verkauft, seine Familie und Freunde informiert und die Wohnung untervermietet. Ein Rückzieher wäre recht ungemütlich geworden und ein Gesichtsverlust unvermeidbar.

Und mit den Fidschi-Inseln hat er für sich ein traumhaftes erstes Reiseziel gewählt. Wer weiß, was passiert wäre, wenn er zuerst nach Tonga gereist wäre, worüber er schreibt: „Tonga. Gestrandet im Nirgendwo. Wenn die Welt ein Ende hat, so ist hier der Anfang.“

So sind die Geschichten der Weltreise ein Wechsel zwischen Paradies, Hölle und Einöde, mit Höhen und Tiefen und einigen Wechselbädern der Gefühle. Und man darf teilhaben an sehr persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen. 

Wie fühlt es sich beispielsweise an …

als Auswanderer in Australien zu leben, als Stand-Up Comedian in New York zu arbeiten, von einem hinterhältigen Frosch attackiert zu werden, bei minus 17 Grad in der mongolischen Jurte zu schlafen, Höhenangst durch einen Sprung aus 4.500 Metern Höhe zu kurieren, 30 Meter unter der Wasseroberfläche 15 Hammerhaie zu füttern, tagelang in einem wütenden Zyklon zu stecken und an entlegenste Orte zu reisen, die nicht bei Google Maps zu finden sind?

Die Kunst des Reisens ist nicht das Planen, sondern das Tun.

Wenn man nun die „Kunst des Reisens“ durch die „Kunst des Lebens“ ersetzt, dann wird relativ schnell deutlich, dass beides sehr eng miteinander verbunden ist. Und so lässt sich das Buch wunderbar aus verschiedenen Perspektiven lesen.

Zum einen natürlich aus der Perspektive des Reisens, aber besonders auch aus der Perspektive des Lebens: Loslassen, eigene Ziele setzen, Sicherheiten auch mal über Bord werfen und den Kompass des eigenen Lebens neu einstellen. Denn auch so lassen sich – eingebettet in einem spannenden Reisebericht – ziemlich beeindruckende Parallelen zum eigenen Lebensweg entdecken.

Man kann entweder immer auf dem gleichen, vermeintlich sicheren Weg bleiben oder auch mal ausscheren und sich Neues trauen. Gewohnheiten, Pflichtgefühle und das Älterwerden machen es aber oftmals schwer die eingestampften und vielleicht auch verhassten Pfade zu verlassen. Manchmal reicht schon „Träumen von einem besseren oder anderen Leben“. Aber manchmal muss man sich auch selbst auf den Weg machen, um das Paradies zu entdecken.

Fazit: Mach doch!

„Stoppt die Welt, ich will aussteigen!“ ist ein Mutmacher-Buch für alle, die selbst die Welt bereisen möchten oder bis jetzt auch nur davon träumen. Geschichten für Menschen, die ihr Leben nach ihren eigenen Zielen gestalten wollen. Und ein Ratgeber für Digitale Nomaden.

Kein Reiseführer, sondern ein Kompass! Eine ziemlich gute Gebrauchsanleitung für´s Loslassen und Machen.

Der Autor beschreibt, dass er in jedem Land eine Lektion gelernt hat. Und als Leser kann man für sich aus jeder der einzigartigen Geschichten etwas für sich herausziehen und an den Krengelschen Lerneffekten teilhaben.

Warnung

Die Warnung auf dem Buchdeckel könnte man wörtlich nehmen:

„Wenn Du Deine Couch liebst,

öffne nicht dieses Buch!“

Wenn Du Dein Leben liebst, dann öffne es, kam mir sogleich in den Sinn.

Dr. Martin Krengel
Stoppt die Welt, ich will aussteigen!
Kuriose Abenteuer einer Weltreise. (Arschtritt inklusive.)
Eazybookz Travel, 360 Seiten mit 460 Bildern, ISBN: 978-3-941193-22-2

Preis €19,99

Der Beitrag ist auch erschienen auf HuffPost.

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