Blendle. Supernett, oder?

16 Sep

Berlin, 16. September 2015

Gerade ist der Online-Kiosk Blendle in Deutschland gestartet. Auf diesem Portal lassen sich ab sofort (und eigentlich ja längst überfällig) einzelne Artikel aus über 100 Zeitungen und Zeitschriften erwerben, die Preise liegen zwischen 0,01 – 0,75 € – kostenlose Artikel werden nicht angeboten. Allerdings ist die Preispolitik auf den ersten Blick etwas undurchsichtig, daher werde ich darauf später noch einmal genauer eingehen. Im bis jetzt rein „klassischem“ Presse-Angebot sind unter anderem Frankfurter Allgemeine Zeitung, Tagesspiegel, Süddeutsche Zeitung, Wirtschaftswoche, Spiegel, Gala, Cicero, Kicker, 11 Freunde, NZZ oder New York Times oder der Economist zu finden.

Als Zeitungsleserin habe ich schon länger auf solch ein Angebot gewartet, denn nur noch eine bestimmte Zeitung im Abo zu haben, das entspricht überhaupt nicht mehr meinem Nutzungsverhalten. Ich möchte die Artikel und Themen quer durch die Presselandschaft lesen, die mich interessieren, ohne danach lange suchen zu müssen oder für einen ausgewählten Artikel soviel zu zahlen, wie für die komplette Zeitschrift oder Zeitung.   

Blendle-Test

Als erstes habe ich mir die Blendle-App für Android auf mein Samsung Galaxy Note heruntergeladen und große Überraschung: dafür schenkt mir Blendle gleich ein Guthaben von 2,50 €. Das finde ich eine „supernette“ Idee von Blendle, denn so kann ich gleich anfangen ein wenig zu testen, bevor ich mich um Zahlungsmethoden & Co kümmern muss. Dass ich dieses Guthaben gar nicht benötige, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. 

Blendle

Los geht´s

Zunächst freunde ich mich ein wenig mit der Blendle-App an und wähle zum Start ein paar Themen. Das Design spricht mich auf den ersten Blick nicht so sehr an. Die Farbgestaltung finde ich mit orange-rot recht gewagt und erinnert mich immer etwas an Ramsch oder Sonderposten. Im Menü im oberen Bildrand befindet sich ein Herz, ein Lesezeichen und ein Karton. Zuerst dachte ich, ich könne über das Herz Artikel liken, aber dahinter verbergen sich „empfohlene Texte“ als Schnellwahl für die „Staff Picks“. Ich erkenne gleich ein paar mir bekannte Staffs wie Wolfgang Blau und Anke Domscheit-Berg, die meisten anderen Namen wie beispielsweise Tobias Widmann oder Manuela Winkler sind mir allerdings unbekannt. Eine „Mitarbeiter / Kuratoren“-Liste samt Vita kann ich auf Anhieb leider nicht entdecken. Auch nicht wer welche Themen kuratiert. Oder handelt es sich um „Super-Kuratoren“, die quer durch die Themen Artikel (nach welchen Kriterien?) empfehlen? 

Meinen ersten Artikel kaufe ich dann quasi „aus Versehen“, während ich herumscrolle und dabei auf den Bildschirm tippe.

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Okay, learning by doing, denn einen Kauf-Button hatte ich tatsächlich noch nicht entdeckt. Am Ende meines erklickten Artikels entdecke ich dann aber folgenden Hinweis:

War der Artikel nicht was du erwartet hast und möchtest du deine 0,45 € zurück? Klicke dann hier.      

Ja, ich will. Um es auszuprobieren klicke ich auf hier. Anders als beim unauffälligen Kaufvorgang erscheint nun ein Zwischentext. Ich tippe (wie vermutlich ein Großteil aller heutigen Erstnutzer) auf „Ich habe den Artikel aus Versehen angeklickt“.

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Ich klicke „Supernett“ (wie noch so ungefähr 15-20 mal im Laufe der Erkundung) und habe meine geschenkte Kohle zurück. Insgeheim frage ich mich allerdings, ob auch irgendwann Schluss ist mit „supernett“, nämlich wenn ich diese „Coole Sache“ zu meinem persönlichen Geschäftsmodell erkläre (nicht supernett).

In der App stoße ich so langsam an meine Grenzen, ich kann zwar ein paar Themen anklicken (und kaufen und umtauschen), aber ansonsten finde ich keine Einstellungen oder Sucheingabe-Masken, wo ich noch irgendetwas supernettes tun kann. Liegt es an meiner Android-Version, an mir oder ist das tatsächlich so minimalistisch vorgesehen?

Von der App zum Desktop

Also wechsel ich zur Desktop-Version auf dem Laptop. Und jetzt macht einiges auf einmal auch Sinn! (Aha-Erlebnis)

Screenshot 2015-09-14 14.24.36

Neben dem ersten Schock, dass sich die Farbumgebung von orange-rot nun in Bild-Zeitungs-rot verändert hat, entdecke ich nun auf Anhieb eine Vielzahl von wichtigen und nützlichen Funktionen:

  • ich habe nun eine Suchfunktion
  • ich kann Alerts eingeben
  • ich kann in Zeitschriften und Zeitungen blättern
  • ich kann Follower zusammenstellen
  • ich kann lesen (also sowieso, aber nun auch von der Schriftgröße her)
  • ich kann meine Einstellungen bearbeiten
  • ich kann Guthaben aufladen (supernett)

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Wenn ich mein Guthaben nun mit 10,00 € auflade, erhalte ich wieder 2,50 € Guthaben geschenkt. Das ist supernett, oder?

Für 10,00 € Startkapital habe ich nun ein Guthaben von 15,00 €. (super…)

Und die Preise? Sind die auch supernett? Jein!

Wie oben schon erwähnt, ist die Preispolitik sehr undurchsichtig und uneinheitlich. Als erstes fällt mir auf, dass Artikel verkauft werden, die ich schon längst kostenlos im Netz gelesen habe. Auch unter dem Aspekt, dass ich diese supernett umtauschen kann, wirkt das an dieser Stelle auf mich nicht unbedingt vertrauenswürdig. Aber genau das ist für mich persönlich in Bezug auf Journalismus (in welcher Form auch immer) das Wichtigste – Vertrauen. 

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Der FAZ-Artikel „Welt aus den Fugen“ ist kostenlos im Netz lesbar und wird hier für 0,45 € angeboten. Ich schätze, es läppert sich schnell ein ordentlicher Betrag zusammen. Und wenn ich allzu oft „umsonst“ zahle – denn ich werde sicherlich nicht jeden Titel gegenrecherchieren – dann ist das „superdoof“.

Aber abgesehen davon, dass ich viele der Artikel kostenlos lesen könnte, finde ich 0,45 € (oder sogar bis zu 0,79 €! für EINEN SZ-Artikel) schon recht happig. Die verschiedenen Zeitungsverlage legen die Preise für ihre Artikel selbst fest, nach welchen Kriterien auch immer.

Warum das superdoof“ ist:  

  • Warum soll ich mich als Leser auf diesen Zeitungs-Kiosk einlassen und Vertrauen entgegen bringen, wenn dies noch nicht einmal die Verlage selbst tun? Um Transparenz und Benutzerfreundlichkeit für den Leser zu schaffen, wäre eine halbwegs einheitliche und nachvollziehbare Preisvergabe sinnvoll. (siehe iTunes)
  • So entsteht in der Präsentation nicht unbedingt ein Zeitungs-Kiosk, sondern eher ein Jahrmarkt der Eitelkeiten.
  • Obendrein werde ich als Leserin in Wertigkeitsdenken hineingezogen, mit dem ich mich gar nicht belasten möchte, denn natürlich suggeriert ein hochpreisiger Artikel höhere Qualität, als ein niedrigpreisiger Text.  

Kauf-Button adé!

Die Artikel-Käufe selbst laufen über ein Guthabenkonto, das ich für meine Transaktionen aufladen muss. Das finde ich zunächst einmal sehr komfortabel und eine gute Idee. Das ist aber dann auch schon alles, denn die Kaufabwicklung ist für mich ein echter Scheiß persönliches No-Go!

Oben hatte ich schon meinen versehentlichen Kauf beim ersten Ausprobieren erwähnt. Das gleiche “Missgeschick” ist mir noch einige Male passiert. Der erste “Fehlkauf” löste noch ein gewisses Aha-Erlebnis aus, was sich allerdings im Laufe der Zeit  zu einem echt schlechten Gefühl auswächst. Verstärkt wurde dieses schlechte Gefühl heute Morgen, als ich einen Blendle-Newsletter erhielt (den ich auch nicht aktiv angefordert habe, den Haken habe ich wohl irgendwo übersehen)

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Als ich – konditioniert wie ich bin – auf den Artikel “Warum gehen so wenige wählen?“ klickte, habe ich diesen gleich mal wieder blitzgekauft. Mag man meine vorherigen Fehlkäufe noch in die Kategorie „Trotteligkeit“ packen, ist jetzt der eigentliche Clou, dass ich vorher nicht einmal den Preis kenne. Mittlerweile habe ich also nicht einmal mehr eine Basis, auf der ich eine Kaufentscheidung treffen könnte, wenn ich den Kauf denn überhaupt merke.

Was ich allerdings merke: ich bekomme schlechte Laune!

Und obwohl es sich immer noch um mein geschenktes Guthaben handelt, buche ich den Kauf zurück – aus Prinzip.

Sicherlich bin ich jetzt schon der erste Name auf der “Faule-Kunden-Liste” von Blendle.

Datum & Autoren

Das Datum eines Artikels sowie die Autoren sind für mich äußerst relevant für die Kauf- und Leseentscheidung. Beides ist nur sehr selten in dem Teaser der Artikel angegeben und somit übrigens die häufigste Ursache für meine Fehlklicks, weil ich aus einem Automatismus heraus nach zusätzlichen Angaben suchte.    

Staffs / Kuratoren 

Für die jeweiligen Themenbereiche werden Artikel von  teilweise bekannten Experten ausgewählt, zusätzlich gibt es Mitarbeiter, die themenübergreifend Artikel empfehlen. Kuratierte Inhalte sind für mich die wichtigste Form, um im digitalen Informations-Dschungel zu überleben. Hier wird es also davon abhängen, wie persönlich und vor allem unabhängig diese Empfehlungen sind, darüber wird sich Vertrauen aufbauen oder auch nicht. Die Schlüsselfrage ist, wie frei sind die Staffs in ihrer Auswahl? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Verlagen gefallen würde, wenn sie nicht in Empfehlungslisten auftauchen. Gibt es vielleicht sogar Empfehlungs-Quoten? Haben Verlage wie „Axel Springer“ oder „New York Times“ Vorteile, weil sie an Blendle beteiligt sind?

Ich kuratiere selbst für die Nachrichten-App Niuws täglich relevante und kostenlos im Netz verfügbare Inhalte zum Thema „Literatur“. (Update: Niuws heißt mittlerweile Scope, mit über 70 Themen-Boxen von Experten kuratiert).

Bei Niuws Scope können Nutzer mittlerweile über fünfzig siebzig verschiedenen Themen-Boxen folgen, in denen die Kuratorinnen und Kuratoren die Inhalte mit Empfehlungstexten bereitstellen. Bevor ich im Sommer selbst eine Box übernommen habe, war ich schon Nutzerin der ersten Minute – also seit Niuws im Januar an den Start gegangen ist. Für mich ist wichtig: jede Kuratorin und jeder Kurator kann seine Box absolut frei bestücken, es gibt keine Vorgaben für die handkuratierten Links und auf der anderen Seite kann der Nutzer entscheiden, ob er der Box folgen möchte oder nicht. Diese Transparenz ist mir persönlich sehr wichtig, ansonsten wird aus persönlichen Empfehlungen schnell massentaugliche Werbung.

Die Frage der Empfehlungen stellt sich mir auch bei den im Blendle-Newsletter beworbenen Artikeln. Können Verlage die Plätze kaufen? Im heutigen Newsletter sieht die Zusammenstellung folgendermaßen aus: 2x Zeit, 2x FAZ, Rheinische Post, Süddeutsche Zeitung, Hannoversche Zeitung und Kicker quer durch die Themenbereiche. Mir ist unklar, warum ich genau auf diese Artikel klicken soll, um sie blitzzukaufen.

Persönliches Fazit

Die Presseverlage sitzen alle im gleichen Boot Kiosk – aus diesem Grund musste ich ein wenig schmunzeln über die mediale Dominanz zur Markteinführung von Blendle in Deutschland. Sicherlich ist dieses Modell, um auch zukünftig im Netz mit journalistischen Inhalten Geld zu verdienen, eine gute Idee. Einzelne Artikel der Zeitungen & Zeitschriften kaufen zu können, statt die komplette Ausgabe erwerben zu müssen, ist ein enormer Vorteil. Die Preispolitik, das Handling, die Kaufabwicklung und die fehlende Transparenz sprechen für mich allerdings erst einmal dagegen den Zeitungs-Kiosk zumindest regelmäßig zu nutzen. Das Motto „Wir lassen alles so wie es ist und errichten einfach eine unsichtbare Paywall, damit der Nutzer gar nicht  merkt, dass er bezahlt“, überzeugt mich nicht. 

Hierzu mag es unterschiedliche Standpunkte geben. Grundsätzlich bin ich schon der Meinung, dass Leser auch in Zukunft für guten, unabhängigen Journalismus bezahlen werden. Aber dann muss er auch gut und unabhängig sein.    

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Supernett! Aber erst einmal nicht! (Ich bleibe aber dran)

P.S. Die Kommunikation funktioniert übrigens sehr gut. Es gibt einen „Helpdesk-Button“ über den man mit den Mitarbeitern in Kontakt treten kann. Darüber habe ich die Information erhalten, dass die Android-App tatsächlich noch rudimentär ist und es nicht an meiner Unfähigkeit liegt: „(…)Ich weiss das (sic!) unsere Android Leute auf jeden Fall den Kiosk und eine Suchfunktion mit einbauen wollen. Die App wird immer besser und bekommt mehr Funktionen 🙂 (…)“

Und die Reaktionszeit von knapp einem Tag finde ich in der Start-Phase auch erstaunlich gut. 

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