Zu gut für diese Welt

2 Mai

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Vermutlich wird unser digitales Ich schon bald durch keine Türe mehr passen – der Heiligenschein drum herum ist einfach zu groß. Vielleicht wird die digitale Identität unser unzulängliches, analoges Ich zukünftig einfach verleugnen. Alles andere wäre doch eine ziemliche Zumutung. Pah, recht hätte es.

Social ohne social. Geht das? Auf Twitter & Co mit Sicherheit. Im Social Web werden wir aus handlungstheoretischer Sicht schnell zum digitalen „Identitätsbehaupter“. Wir möchten uns in der digitalen Welt so präsentieren, wie wir uns selbst sehen. Oder besser, wie wir uns selbst gerne sehen würden. Mal eben 140 Zeichen zwitschern, statt umständlich die Welt zu retten. Und humorvoll natürlich. Humorvoller als Loriot, literarischer als Thomas Bernhard und stets mit einer Prise Jahn Böhmermann.   

Man könnte meinen, wäre die Wirklichkeit so voller lustiger Gutmenschen, wie sie in sozialen Netzwerken versammelt zu sein scheinen, die Welt wäre um einige Katastrophen ärmer. Aber verständlicherweise ist es wesentlich bequemer, einen hübschen Tweet zu faven, in dem es um das Versagen in Sachen Flüchtlingspolitik geht, als seinen Hintern vom Sofa zu erheben, um im nächsten Flüchtlingsheim eine Runde Eis zu spendieren.

Das berühmte Goethe Zitat „hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein“, ließe sich im Digitalen trefflicher in „hier bin ich kein Mensch, hier  darf ich so sein, wie ich gar nicht bin“ umwandeln. Und mit jedem Fav oder Like, das ich erhalte, werde ich ein noch besserer Mensch. Wow!  

Schöne neue Welt. Hier ein Fav für den Weltfrieden, da ein Retweet für die Erdbebenopfer, dort ein Kommentar zu unfähigen Politikern. Zack. Zur Beschreibung des Untergangs des Journalismus reicht sogar ein einziger Hashtag. Zwischendrin  ein Foto vom veganen Essen posten – wer es eine Nummer kleiner mag, der schleckt sein Tzatziki wenigstens vom Neuland Burger.

Das könnte sicherlich alles Balsam für die geschundene Seele sein , wenn davon in der analogen Welt wenigstens auch etwas ankäme. Wenn diese Leidenschaft zur aufklärerischen Selbstdarstellung sich nicht nur auf Bundespressekonferenzen beschränken würde. Wenn man nicht nur die Fehler der  anderen sucht, sondern selbst was verändern will. Das ist oft anstrengend und bringt weniger Aufmerksamkeit. Und das bedeutet: weniger Favs, Retweets und Follower. Puh!

Ich habe heute übrigens nichts Gutes vollbracht, nichts für den Frieden getan, niemandem etwas gespendet, keine alte Dame über die Straße gebracht oder gar eine Katze gerettet. Das werde ich aber sicherlich nicht twittern. Das wäre dann doch eine Zumutung für meinen humanistischen Avatar.

Schließlich bin auch ich zu gut für diese Welt.

 

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