Mindestlohn: Wie der Zeitungsbote die Pressevielfalt rettet

1 Apr

Screenshot 2015-04-01 14.39.45 Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger argumentiert tatsächlich mit der Pressevielfalt gegen die Würde des Menschen. Dietmar Wolff, Hauptgeschäftsführer des Verbandes, sieht nämlich den Mindestlohn als einen Angriff auf die  Pressevielfalt, wie er in seinem Beitrag „Pressevielfalt bleibt auf der Strecke“ kritisiert. In manchen ländlichen Gebieten erhalten Abonnenten wohl bald keine Tageszeitung mehr, da sich die Zustellung betriebswirtschaftlich dort nicht lohnt. Zur Erinnerung: Wir befinden uns in Deutschland – im Jahre 2015. Diese Gedankengänge sind schon recht skurril und ich muss zugeben, dass es mir schwer fällt, diese objektiv zu entwirren. Denn natürlich kommen auf Unternehmen, deren Geschäftsmodelle darauf beruhten und vertrauten, dass Mitarbeitern ein menschenunwürdiger Lohn gezahlt werden durfte, nun unangenehme Zeiten zu. Und ja, einige werden das vielleicht nicht überleben. Der Mindestlohn ist damit aber nur der Indikator für unwirtschaftliche Geschäftsmodelle und mangelnde Innovationsbereitschaft. In vielen Firmen konnten Fehlplanungen und Missmanagement lange Zeit unter Personaleinsparungen oder geringen Löhnen vergraben werden. Der Mindestlohn hat als nette Begleiterscheinung nun einige davon, nach gerade einmal 100 Tagen, ausgegraben.

Ist Pressevielfalt nicht einmal 8,50 Euro wert?  

Aber noch einmal kurz auf Anfang. Seit dem 01. Januar 2015 gilt der bundesweite Mindestlohn von 8,50 Euro pro geleisteter Arbeitsstunde. Dieser gilt für alle Arbeitnehmer, sogar für viele Praktikanten. Also auch für Zeitungszusteller sollte man meinen. Das ist aber nicht der Fall, denn ein Zeitungsbote ist so wichtig oder auch systemrelevant, dass er den Mindestlohn nicht wert ist. Mit seiner Arbeitskraft soll er die im Artikel 5 des Grundgesetzes verankerte Pressefreiheit retten, in dem er die Pressevielfalt auch in der deutschen Pampa garantiert. Eine staatstragende Aufgabe sozusagen, die doch mindestens mit dem Mindestlohn wertgeschätzt werden sollte. Für Zeitungszusteller gilt aber die im Gesetz festgelegte Übergangsfrist bis 2017. Zeitungszusteller erhalten aktuell gerade einmal 75% des Mindestlohns, ab 2016 dann 85% und ab 2017 voraussichtlich 100%. Aber bis dahin fließt noch viel Druckerschwärze durch die Druckerpressen des Landes und zahlreiche Lobbyisten der Branche werden die Politik umgarnen.   Nun wurden nach Angaben des BDZV bereits 2000 der 300.000 Zusteller entlassen – bedingt durch den Mindestlohn, wie Dietmar Wolff sagt. Bedingt durch fehlende Zukunftsplanungen, würde ich dagegen sagen. Wenn die Zeitungsbranche seinem Zustellpersonal keine 6,38 Euro Stundenlohn zahlen kann, insgesamt keine Mehrkosten von 205 Millionen Euro verkraftet, dann hat sie selbst die Pressevielfalt und Pressefreiheit mehr gefährdet als es der Mindestlohn tun könnte. Ganz nach dem Motto „Wir sind für Pressefreiheit, aber nur für 3,50 Euro die Stunde“.  

Der Bote ist immer der Gärtner  

Historisch gesehen war der Bote als Überbringer schlechter Nachrichten schon immer der Angeschmierte. Nun ist er es, weil er gar keine Nachrichten mehr überbringen darf – weder gute noch schlechte. Es ist zu vermuten, dass die schnellen Entlassungen des Personals auch ein Druck auf Politik und Gesellschaft darstellen sollen. Das ist bitter. Denn was ist eine Arbeit wert, von der viele Boten nicht leben können und daher mit Hartz IV aufstocken müssen. Oder den Job nutzen, um Hartz IV mit 74 Euro im Monat aufzubessern? In den Gedankengängen von Herrn Wolff bedeutet dies, dass wir  alle für die Pressevielfalt mit unseren Steuergeldern bezahlen.  Doch was sagt das über eine Gesellschaft aus, die Ausbeutung hintenherum finanziert, aber die aus Ausbeutung resultierenden Gewinne in guten Zeiten den Unternehmen aufs Konto bucht? Dieses Geld sollte eher in Weiterbildungen oder Umschulungen fließen, damit Arbeit, und damit auch der Wert des Menschen, wieder geschätzt wird. Und nachhaltiger ist es allemal. Oder glaubt jemand, dass der Zeitungsbranche bis 2017 die ultimative Geschäftsidee im Digitalen auf den Kopf gefallen ist? Oder der „neue geile Scheiß“? – wie ein Freund von mir sagen würde.

Der flexible Kunde  

Ich kenne sehr viele Menschen, die genau wie ich, der Zeitungsbranche reichlich Geld zukommen lassen würden. Es ist nämlich so, dass wir Leser nicht nur in Dimensionen von 6,38 Euro bis 8,50 Euro denken, sondern sehr viel innovativer sind. Und vor allem: Wir kennen unsere Bedürfnisse am besten. Würden diese befriedigt, so könnte dies den Verlagen viel Geld in die Kassen spülen. Im Grunde hat die Digitalisierung nur die Ideenlosigkeit der Branche überdeckt und verstärkt. Da bekommt die so kaufanregende und herzliche Marketingbombe „Paywall“ eine ganz besondere Bedeutung. Kunden möchten heute flexibel sein. Sie möchten tolle Texte von wunderbaren Autoren und Journalisten lesen, von denen es glücklicherweise reichlich gibt. Leser möchten lesen. Digital. Auch in Print. Besonders auch in Print. Warum muss ich aber die ganze Zeitung abonnieren, wenn mich der Sport- und Wirtschaftsteil gar nicht interessiert? Warum kann mir der mindestlohnbezahlte Bote nicht am Wochenende meine persönliche Zeitung bringen? Wo sind die Themenpakete? Auch frage ich mich, warum es noch keine Kooperationen gibt, weil ich doch so gerne die großartige Kolumne von Carolin Emcke mit dem Feuilleton der FAZ kombinieren würde. Aber zwei Abos, wenn man nicht einmal eines schafft? Wie oft sind meine Zeitungen im Briefkasten vergammelt, weil ich kurzfristig nicht da war. Wie toll wäre es gewesen, ich hätte das über eine App steuern können. Mann stelle sich vor, ich hätte einen QR Code gesendet bekommen, um mir meine Zeitung schnell woanders zu besorgen? Leider ist die Kommunikation bei den meisten Verlagen aber noch eher auf der Stufe von Brieftauben. Das ist sehr schade und wenig zeitgemäß. Auch das ist ein Grund, weshalb ich mittlerweile kein Zeitungsabo mehr habe, leider. Obwohl ich viel Zeitung lese. Ich wäre ein guter Kunde – verrückt!

P.S.  

Dietmar Wolff schreibt in seinem Beitrag, dass Pressevielfalt und der Zugang zur Presse dem Gemeinwohl dienen würde und der Staat das Funktionieren des Pressevertriebs bislang begleitet hat. Doch diese ordnende Balance sei durch die zwanghafte Umstellung auf Mindestlohn nun verloren gegangen. Zu diesem tollen Funktionieren des Pressevertriebs möchte ich Herrn Wolff gerne eine Frage stellen: „Würden Sie für einem Stundenlohn von 6,38 Euro, 7,22 Euro oder 8,50 Euro arbeiten?“ Diese Frage darf auch gerne von allen anderen Zeitungsverlegern, Personalchefs, Firmenbossen und Gegnern des Mindestlohns beantwortet werden. Ihre Antworten schicken Sie bitte an mindestlohn@anja-urbschat.de – diese werde ich gerne auf meinem Blog veröffentlichen. Beitrag ist ebenfalls erschienen auf Huffington Post   

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Eine Antwort to “Mindestlohn: Wie der Zeitungsbote die Pressevielfalt rettet”

  1. Thomas Juli 20, 2015 um 10:02 am #

    Es ist schon erschreckend zu sehen, in welchen Bereichen bislang die Menschen unter dem Mindestlohn arbeiten mussten. Aus meiner Sicht war daher die Einführung des Mindestlohnes ein ganz wichtiger Schritt, jedoch muss sich in diesem Bereich auch in Zukunft noch einiges mehr verändern.

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