Akif Pirincci und die gemeinen Buchstaben.

19 Nov

Screenshot 2014-11-19 11.37.03In meiner Buchhandelslaufbahn habe ich so einige hundert Autoren-Veranstaltungen ausgerichtet. An viele kann ich mich heute noch erinnern, weil sie so unglaublich schön und inspirierend waren. Oder lustig. Oder weil wir anschließend alle gemeinsam im Brauhaus versackt sind. Und klar, an manche erinnere ich mich auch noch, weil sie mich etwas enttäuscht haben. Oder weil schreckliche Dinge passiert sind, wie ein Herzinfarkt im Publikum, ein ausgelöster Feueralarm oder das nicht erwünschte Phallus-Symbol auf der Bühne bei Alice Schwarzer.

An die Lesung mit Akif Pirincci, vor sicherlich mehr als 10 Jahren, erinnere ich mich auch noch sehr genau. Aber nicht, weil sie so gut war, sondern weil ich das erste Mal in meinem Leben verstanden habe, was es bedeutet, sich abgrundtief fremd zu schämen. Akif Pirincci saß auf der Bühne  und hat vorgelesen wie ein Erstklässler. Kurz, es war GRAUENHAFT. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie so etwas möglich ist. Da schreibt jemand ein Buch (über Katzen) und versucht bei der Lesung die einzelnen Buchstaben mühevoll zu einem Wort zusammen zu setzen. Und so hörte es sich auch an. Ich musste mich teilweise in die hinterste Ecke unserer Buchhandlung verkriechen und mir die Ohren zuhalten, da die Lesung körperliche Schmerzen verursachte. Aber schlussendlich haben es die zahlreichen Besucher und ich stoisch ertragen. Ich glaube, weil einem solche Menschen leid tun. Aus lauter Menschlichkeit und Toleranz „erträgt“ man diese Momente und hat sogar noch ein gutes Gefühl dabei. Denn man möchte ja jemanden nicht verletzen, nur weil er etwas gerade mal nicht so toll kann – gut, wenn es ausgerechnet ein Autor ist, der nicht vorlesen kann, bedarf es schon einiger Selbstdisziplin.

Nun gibt es ja diesen Spruch: „Hätte, hätte, Fahrradkette.“ – Also, um diesen Satz auch noch einmal zu quälen…hätte ich damals gewusst, dass  Akif Pirincci heutzutage in dieser Weise gegen Frauen, Homosexuelle, Ausländer und andere Minderheiten hetzt, ich hätte ihm sicherlich damals ein paar ordentliche Worte gegeigt zu seiner miserablen Vorstellung. Ein kleines Lehrstück in Sachen Ausgrenzung wäre möglicherweise aus heutiger Sicht ganz hilfreich gewesen. So muss ich mich nun alleine ärgern, über seine Hassschriften und Kommentare. Und wenn ich, wie heute Morgen, ein unerträgliches Interview mit ihm im Radio höre (das ich zunächst für Satire halte), dann bin ich geneigt, mir einfach wieder die Ohren zu zuhalten. Aber dann fällt mir glücklicherweise ein, im Gegensatz zu damals kann ich  ja heute wenigstens einfach abschalten!

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Eine Antwort to “Akif Pirincci und die gemeinen Buchstaben.”

  1. Sabine Abbel November 19, 2014 um 9:05 pm #

    Ich kann das so gut nachvollziehen. Der Sarrazin-Clon hat nur die Hauptschule besucht und wagt es dennoch Bücher zu schreiben, in denen er über tolle Autorinnen wie Margot Käßmann, Elisabeth Tuider oder Julia Schramm mit üblen Ausdrücken herzieht! Anstatt dankbar über diese tolerante Gesellschaft zu sein, und weiter Katzenkrimis zu schreiben, belästigt der uns und nennt die GrünInnen eine Kinderficker- und Lügenpartei. Ich war fassungslos, als ich das lesen musste und verstehe nicht, dass dem überhaupt Raum gegeben wird.

    Deshalb bitte ich Dich: Wir müssen gemeinsam arbeiten, damit die Menschen in diesem Land glücklich leben und lieben können, mit mehr UmFairteilung, Solidariät und mehr Refugees. Dafür müssen wir gemeinsam kämpfen, Hand in Hand. Deshalb finde ich das toll, dass Du die Erinnerungen an diese schlimme Lesung jetzt nach 10 Jahren niederschreibst.

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