Hallo Mama – hier bin ich!

10 Aug

Morgen ist es wieder so weit, ich fahre für drei Tage zu meinen Eltern. Seit ich vor etwas mehr als einem Jahr nach Berlin gezogen bin, plane ich für Besuche immer einen längeren Zeitraum ein, da sich die Fahrt ins Rheinland ansonsten nicht lohnt und zudem für alle Beteiligten zu stressig wäre. Denn man muss ja bedenken, dass meine Eltern sicherlich schon eine Stunde vorher am Bahnhof sind, um mich abzuholen.

„Wann hat das Kind noch einmal gesagt, kommt es an? 13.23h oder 13.53h?“ Das Kind ist mittlerweile 42 und hat die Uhrzeit gesagt, getanzt, gesungen und buchstabiert. Mehrmals. Die Eltern sind mittlerweile gemeinsam 155 Jahre – der Vater stolze achtzig und die Mutter fünfundsiebzig.

Daher ist es nicht so besonders förderlich, wenn sie bei 33 Grad im Schatten oder Minus-Temperaturen stundenlang auf dem unbedachten Gleis 3 eines heruntergekommenen Bahnhofs herumlungern. Den Satz „BITTE holt mich nicht ab, ich komme mit dem Bus oder Taxi“ verstehen sie nicht, obwohl sie ansonsten noch recht gut hören.

Alle Tricks dies zu umgehen sind in der letzten Zeit gescheitert oder haben zu noch größerem Stress geführt. Also versuche ich die Kräfte wenigstens zu bündeln.

Nummer Fünf lebt – aber wie?

Ich habe noch vier Geschwister und von uns allen habe ich sicherlich die engste Verbindung zu meinen Eltern. Vielleicht weil ich der Nesthaken bin. Weil ich die letzte war, die zu Hause ausgezogen ist.

Oder weil ich Ihnen einfach sehr dankbar bin. Ich war die erste von uns, die aufs Gymnasium ging und das Abitur gemacht hat – als sogenanntes Arbeiterkind. Und ich habe das große Latinum – irgendwo. Jedenfalls war es schon immer so, dass ich regelmäßig nach Hause gefahren bin, egal wie stressig es gerade im Job war oder welche anderen wunderschönen sonntäglichen Alternativen es zum Schmorbraten und Apfelkuchen gegeben hätte.

Ich bin Buchhändlerin geworden und habe zwanzig Jahre in einem großen Unternehmen gearbeitet, davon viele Jahre in Führungspositionen. Für meine Eltern hat sich die Vorstellungskraft aber nie über Bücher sortieren oder verpacken ausweiten können, auch wenn ich Ihnen von meiner Arbeit erzählt habe.

Als ich einen Firmenwagen hatte und in NRW für unsere Filialen zuständig war, erweiterte sich die Vorstellungskraft zumindest zu Staus auf der A1, Geisterfahrer und Pippi-Geld. Meine Mutter sammelte tatsächlich 50-Cent-Stücke für die Serways Toiletten und später noch 20-Cent-Stücke als es eine Pippi-Preiserhöhung gab. Und so manches mal war ich ihr wirklich dankbar.

Papier ist geduldig.

Mittlerweile arbeite ich freiberuflich und studiere Politikwissenschaft & Soziologie. Ja, richtig. Für meine Mutter muss das zunächst die Hölle gewesen sein. Dass man mit Anfang vierzig noch einmal seinen Lebensweg verändert und dann auch noch freiwillig, ist in ihrer Welt nicht leicht zu verstehen.

Alle bestehenden Bilder im Kopf zu Geschenkverpackungen und Autobahnen haben sich in Luft aufgelöst. Neue Bilder konnte sie nicht wirklich entwickeln, das Kind war plötzlich im freien Fall. Und obwohl ich meine Eltern oft nach Berlin holte, konnte ich Ihnen meine neue Welt nicht wirklich näherbringen.

Auch nach Monaten sagten sie immer noch Sätze wie „Wir waren heute in Deiner Buchhandlung, das Mädchen an der Kasse war sehr freundlich“. Ich musste handeln, es fühlte sich an, als wären sie zwischen zwei Welten gefangen.

Dann kam mir die Idee mit der Visitenkarte, keine Ahnung warum ich da nicht viel eher drauf gekommen bin. Ich gab meiner Mutter ein paar meiner hübschen Kärtchen mit der Aufschrift „Weiterbildung und Beratung“, die sie mit einem juchzenden „aaaah, das ist ja toll“ entgegen nahm.

Es hätte vermutlich auch „Bienenzüchterin“ draufstehen können, egal. Endlich hatte das Kind wieder ein Gesicht und ein neues Leben. Veränderung, Mut, Leidenschaft, Tatendrang und Neugier – reduziert auf ein kleines Stückchen Papier.

Ich liebe Euch!

Eltern-Kind Beziehungen sind schon komplizierte Kisten im Leben. Es wird nicht einfacher mit den Jahren, auch wenn man das mit Achtzehn noch vermuten mag. Das gegenseitige Unverständnis wird mit der Zeit eher größer. Und letztendlich reduziert sich vielleicht immer alles auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Was hilft ist eine gesunde Lebenserfahrung und eine gute Portion Humor.

Als wir neulich beim Einkaufsbummel eine alte Bekannte meiner Mutter trafen, freute sie sich ihre Tochter aus Berlin vorstellen zu können. „Wissen Sie, von ihr habe ich Ihnen doch letztens das Kärtchen gegeben“.

Ah ja, da wusste ich, es hat funktioniert. Bei meinem Vater ist das Ganze etwas einfacher, er fragt jedesmal „Und? Was macht das Schloss?“ Ich habe extra ein aktuelles Foto geschossen, das ich ihm morgen zeigen kann. Dann können wir schneller zum Wesentlichen kommen. „Hast Du Hunger, Kind?“

Na klar – mein Leben hängt für ein paar Tage an der Garderobe. Lasst uns essen – ich liebe Euch!

 

Dieser Beitrag ist auch erschienen auf Huffington Post!

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