Ist der Online- Journalismus kaputt?

13 Jun

Tablet pc showing magazine on screen with a cup of coffee on a d

Lesen und Schreiben gehört für mich zum Leben wie das Atmen und Denken. Vielleicht bin ich deshalb auch Buchhändlerin geworden – aber vielleicht ist das auch reiner Zufall.

Und eigentlich bin ich auch ein Informations-Junkie. Und verliebt bin ich, permanent und immer wieder aufs Neue – in Journalisten und Schriftsteller, die mich mit ihren Recherchen, Weltblicken, Stories, Erzählungen, Artikeln und Dossiers immer wieder überraschen und für sich einnehmen.

Das große Problem ist allerdings, dass ich mir aus nachvollziehbaren Gründen für Denken und Atmen immer genug Zeit nehme, am Ende des Tages aber regelmäßig Lesen und Schreiben zu kurz kommen.  Viele lesenswerte Geschichten und Informationen sind übrig geblieben. Entweder als offensichtliches Mahnmal neben dem Sofa  in Form von Zeitschriften, Zeitungen, Büchern oder Fachliteratur – aber auch digital und unsichtbar in Form von Online Artikeln, Blogs, Epubs oder Links. So manches sammel ich, um es „bei Zeiten“ zu lesen, aber das meiste verstaubt in guter Absicht oder verpufft im Netz. 

Denn so viel Neues lauert in der Warteschleife und pocht auf Aufmerksamkeit, während sich so mancher verschmähte Text  schon komplett überholt hat.  Manchmal bin ich ganz atemlos vor lauter verpasster Möglichkeiten und betrübt hinsichtlich der großen Leidenschaft der Autorinnen und Autoren, die in den Texten steckt. Aber anstatt diese mit Beachtung zu würdigen lasse ich sie verstauben oder den digitalen Tod sterben. Nicht nett! Und kein gutes Gefühl.

Ich stelle jetzt einfach einmal in den analogen & digitalen Raum, dass es vielen Menschen ähnlich geht wie mir. Und dennoch diskutieren wir zermürbend über die Zukunft des Buches, der Zeitungen, der Journalisten und Autoren. Wie verrückt ist das eigentlich mag man sich fragen? Wir Leserinnen und Leser stehen parat. Mehr denn je.  Wir möchten lesen. Wir möchten Informationen. Mal als raschelndes Papier, mal als Datenformat – egal.  Und wir möchten auch dafür bezahlen. Aber gerne zu unseren Bedingungen.

„Der Onlinejournalismus ist kaputt – wir kriegen das wieder hin“

Mit diesem selbstbewussten Slogan hat gerade ein ambitioniertes Projekt auf sich aufmerksam gemacht – die Krautreporter. 27 Journalisten möchten den Online-Journalismus retten oder zumindest wieder reparieren. „Krautreporter ist ein tägliches Magazin für die Geschichten hinter den Nachrichten. Werbefrei, gemacht für das Internet, gegründet von seinen Lesern.“ Nun, gegründet noch nicht ganz, zum jetzigen Zeitpunkt (Freitag) fehlen noch 1.300 der benötigten 15.000 Unterstützer. Und es sind nur noch 14 Stunden Zeit. Ich wage jetzt trotzdem mal die Prognose, dass diese Zahl bis Freitag 23.59h erreicht wird. Im täglichen Magazin sollen dann vier bis fünf Artikel erscheinen – und bei der vollmundigen Ankündigung könnte man sie fast schon als „Heilige Schriften“ bezeichnen.

„Warum glauben wir, dass es Krautreporter braucht?

Der Online-Journalismus ist kaputt, weil z.B. vielen Medien Klicks wichtiger sind als Geschichten…

Wir kriegen das wieder hin. Mit gutem Journalismus: Reportagen, Recherchen, Porträts und Erklärstücken…“

Die 12 Monate Krautreporter-Mitgliedschaft kostet 60 Euro. Bei 15.000 Unterstützern kommen so 900.000 Euro zusammen, mit denen sich die Journalisten dann finanzieren, um uns zu retten. Ach nein. Den Journalismus.

Und zumindest ich fürchte mich ein wenig davor. Denn dann lauern in absehbarer Zukunft schon wieder eine Handvoll neuer Artikel auf mich, die gelesen werden möchten oder wahlweise neben meinem Sofa Platz nehmen müssen. Ich kehr besser schon einmal durch.

Aber im Ernst. Für wen ist dieses Projekt jetzt eigentlich? Für mich als Leserin, die ich gar nicht denke, dass es zu wenig gute Geschichten gibt? Für mich als Buchhändlerin, die ich weiß, welche Herausforderung das Digitale für den Buchvertrieb bedeutet? Oder ist es für die Reporter, die eine neue Möglichkeit suchen, sich im Netz zu finanzieren – und zwar losgelöst von Verlagen und Redaktionen? – Ehrlich? Ich weiß es nicht!

Danke! Mir reicht es…

an Buchstaben, Wörtern, Geschichten und Erklärbären. Was ich mir tatsächlich wünschen würde, ist eine Antwort auf meine tatsächlichen Bedürfnisse. Und die wichtigsten heißen Unabhängigkeit, Auswahl, Budget und Zeit.

Liebe Medienhäuser, Redaktionen und Online-Macher, nehmt doch die Erfolgsstory der Krautreporter zum Anlass und probiert auch endlich etwas Innovatives aus. Denn auch wenn ich nicht denke, dass die Krautreporter den Journalismus neu erfinden, so haben sie dennoch gezeigt, dass es gar nicht so schwer ist, ein vielleicht zukunftsfähiges Geschäftsmodell für den Journalismus zu entwickeln. Und darum geht es ja eigentlich. Wie lässt sich guter Journalismus zukünftig finanzieren, wenn mehr kostenlose Geschichten im Netz herumflattern als ein Durchschnitts-Mensch verkraftet?

Nun weiß ich also gar nicht, ob ich die Zielgruppe der Krautreporter bin oder diese überhaupt sein möchte. Deshalb wendet sich die Zielgruppe nun einfach mal an den Journalismus.

Mein Wunsch-Basismodell für den Journalismus der Zukunft sieht so aus:

Unabhängigkeit:

  • Damit meine ich nicht nur die Unabhängigkeit der Journalisten, sondern vor allem die der Nutzer. Also auch meine.
  • Ich möchte nicht ein digitales Abo für 30 Euro im Monat von nur einer Zeitung haben. Ich möchte eine Auswahl treffen können aus verschiedenen überregionalen Zeitungen.
  • Ich möchte mir keine digitale Informations-Echokammer bauen, indem ich nur die Süddeutsche lese oder nur die FAZ oder nur die Berliner Morgenpost.
  • Deshalb bedarf es einem digitalen Zusammenschluss von 5-10 überregionalen Zeitungen. Für mich als Leser unkompliziert zu verwalten in nur einer einzigen App.

Auswahl:

  • Täglich kann ich mir 10 Artikel zusammenstellen und lesen – egal ob aus FAZ, Zeit  oder Handelsblatt.
  • News erhalte ich kostenlos.
  • Von meinen Lieblingsautoren und favorisierten Themen bekomme ich neue Artikel angezeigt.
  • In einem Archiv kann ich meine Favoriten verstauben lassen – pardon: sammeln.

Budget:

  • Ich zahle 10 Euro im Monat.
  • Und vielleicht zahle ich 20 Euro im Monat ohne Werbung.
  • Und wenn ihr wirklich Gesellschafts-Heroes seid, dann gibt es einen Sonderpreis für schwache Einkommensgruppen.
  • Ich bin flexibel und kann – je nach Zeitsouveränität – mein Abo per Klick ruhen lassen.

Zeit:

  • Ich habe gerade viel zu tun und mein Online-Abo hält mir den Rücken frei.
  • Auf Wunsch bekomme ich Artikel zusammengestellt für ein Zeitfenster von einer Stunde, für die Mittagspause oder die Bahnfahrt.
  • Es ist gerade WM und mein Konsum an Sportberichten steigt, mein Zeitfenster nicht. Daher erhalte ich für vier Wochen eine Zusammenfassung der wichtigsten Themen.

Fazit:

Ich fühl mich wohl, denn informationstechnisch kümmert sich jemand um mich. Ich bin gut informiert, habe Zeit für ein gutes Buch und Fachliteratur. Die beste Mischung gegen den Informations-Overkill! Und vielleicht gibt es so auch wieder eine Wertschätzung für Qualitätsjournalismus und gute Reportagen.

Um die These der Krautreporter „Der Onlinejournalismus ist kaputt“ aufzugreifen. Meiner Meinung nach ist eigentlich nur die Balance zwischen Journalismus und Leser aus den Fugen geraten. Und das wiederum ist eine Frage  von Angebot und Bedürfnissen.

Und wann kann ich nun meine sexy Zeitungs-App endlich herunterladen und mein digitales Abo buchen? 🙂

 

 Dieser Beitrag ist auch erschienen auf Huffington Post!

    

 

 

 

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