Die Kleingärtner-Metropole der „Welt“

1 Jun

Tempelhof

Vergesst alles, was Ihr jemals mit Journalismus in Verbindung gebracht habt

Ich hoffe, dass ich mich mit dieser Überschrift dem Qualitätsniveau von „professionellen“ Journalisten angepasst habe. Genau genommen, dem unterirdischen Niveau von Ulf Poschardt, Stv. Chefredakteur der Welt-Gruppe.

Gleichzeitig mit der Europa Wahl wurde in Berlin auch in einem Bürgerentscheid über die Zukunft des ehemaligen Flugfeldes Tempelhof abgestimmt. Ja, hier in Berlin liegt nicht nur ein neuer Flughafen still, sondern auch ein schon seit Jahren geschlossener.

Um es vorweg zu nehmen: Die Initiative „100% Tempelhofer Feld“ hat sich mit fast 65% deutlich durchgesetzt und damit die Bebauung eines Teils dieses Feldes verhindert. Die Berliner haben sich also klar gegen die Pläne des Berliner Senats ausgesprochen.

Dieses Ergebnis hat nun dazu geführt, dass Ulf Poschardt in seinem Artikel „Berlin ist doch nur eine Kleingärtner-Metropole“ genau diese Kleingärtner (Synonym für Berliner) in Grund und Boden pöbelt. Darin spart er nicht an Beleidigungen, Diskriminierungen, Vorurteilen und Klischees.

„Es sind die ewigen Studenten, das Projektprekariat und die schmerbäuchigen Apologeten der Biotope für Wenignutze und rollerbladende Transferempfänger, die denen selbstbewusst Grenzen aufzeigen, die sich zackig ein schnelleres und anstrengenderes Berlin wünschen. Der Hedonismus der Entschleuniger harmoniert mit den jämmerlichen Wirtschaftsdaten.“

Welch tiefgreifende Menschenverachtung liegt solch ausfallendem Stammtisch-Gegröle wohl zu Grunde?  Für Poschardt ist übrigens diese direkte Bürgerbeteiligung als „Synonym für Verhinderung“ zu sehen. Eine etwas objektivere und intelligentere Sichtweise könntauch eher das  „Synonym für abhanden gekommenes Vertrauen in politische Entscheidungen und Planung von Großprojekten“ hervorbringen. 

Das Kopfschütteln der Ehrgeizlosen

Das Konzept für die Bebauung des Feldes ist sehr undurchsichtig. Zum Beispiel ist dort ein Neubau der Zentral- und Landesbibliothek für 350 Millionen Euro geplant. Jeder Berliner ahnt, dass die tatsächlichen Kosten alleine hierfür am Ende locker das Doppelte erreichen. Ohne die Kosten für die noch zu erschließende Infrastruktur. Und wo liegt hier eigentlich die Zukunftsvision? Wie muss eine Bibliothek der Zukunft aussehen in Zeiten der Digitalisierung und immer mobileren Lebensverhältnissen? Was muss sie im Stande sein zu leisten? Ohne ein hinreichendes Konzept wird die Bibliothek selbst mit einer Milliarde Euro nicht die Aufgaben der Zukunft erbringen können.

Dazu das Ammenmärchen vom dringend benötigten Wohnraum für die 250.000 neuen Menschen, die Berlin bis 2030 angeblich erwartet. Selbst das empirica Gutachten, im Auftrag der Projekt Tempelhof GmbH und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, kommt zu folgendem Ergebnis:

„Glücklicherweise verfügt Berlin aus historischen Gründen über eine Vielzahl von verfügbaren Bauflächen, z.B. ehemalige Industrie- und anderen Brachen, Baulücken, Mauerstreifen, unbebaute Zwischenräume. Der „Flächenmonitor“ der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt beinhaltet 775 ausgewiesene Bauflächen, davon 535 für Wohnen und Gewerbe mit zusammen 2.900 ha. Hinzu kommen eine Vielzahl kleinerer Flächen.

Aus diesem Grunde wird eine Nicht-Bebauung des Tempelhofer Flugfeldes auch nicht dazu führen, dass die dort geplanten Wohnungen, Büros oder Gewerberäume nicht gebaut werden. Eine Nicht-Bebauung wird „nur“ dazu führen, dass die geplanten Investitionen auf anderen, alternativ verfügbaren Flächen getätigt werden.“

Deshalb kann ich Poschardts Aussage auch weder inhaltlich noch stilistisch nachvollziehen:

„Der dringend benötigte Wohnungsbau, den insbesondere jene Milieus stetig anmahnen, die jetzt für mehr Salatbeete in der Stadtmitte plädieren und für Brachen zum Skateboarden am Tempelhofer Feld, wird nicht zustande kommen.“

Und überhaupt, wieso interessiert sich Herr Poschardt für ausreichenden Wohnraum für dieses faule Gesindel, mag man sich fragen. Hier lassen sich andere Interessen vermuten. Eine Befriedigung des eigenen Egos, gespickt mit Abhängigkeiten von Politik und Investoren. Investoren, die vermutlich sein Käseblättchen finanzieren und die nun „not amused“ sind. Seine Leser und Unkrautzupfer werden dies nämlich in Zukunft immer weniger tun. Und das hat nicht ausschließlich mit den Veränderungen durch die Digitalisierung und fehlenden Erlösmodellen im Netz zu tun, sondern gerade mit solch einem schlechten Journalismus, wie er uns hier geboten wird. Wenn mich der Verkäufer aus dem Gemüseladen um die Ecke dermaßen herablassend behandeln würde und zudem noch faules Obst anbietet, würde ich dort noch einkaufen? Genau! Und hat die Schließung dieses Ladens, mangels Umsatz, dann etwas mit der Konkurrenz der großen Ketten zu tun? Genau! Nicht unbedingt.

Ein bestimmter Teil der Journalisten ist mittlerweile genauso unnötig, wie ein unfreundlicher Gemüsehändler um die Ecke. Und nicht Bürgerentscheide sind eine Gefahr für unsere Demokratie, sondern fehlende und niveaulose journalistische Arbeit.

Veganer, die ihre Kieze gesinnungsrein halten wollen

haben sicherlich mehr Verantwortung und Hintern in Ihren Baggy Pants als Journalisten und Politiker, die intransparente Projekte durchprügeln wollen – in Ihren Echokammern.

Glücklicherweise  gibt es noch das Engagement der Bürger, sich für Ihre Städte einzusetzen. Und glücklicherweise gibt es noch den Anspruch, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die über eine vereinfachte Schwarz-Weiß Denke hinausgeht.    

Wachstum ja, aber Verschwendung Nein.

Ich lebe seit etwas über einem Jahr in Berlin und stehe dem Tempelhofer Feld historisch gesehen recht emotionslos gegenüber. Aber auch ich bin gegen diese unausgewogene Senatsplanung, dabei bin ich nicht einmal  schmerbäuchig. 

Vielleicht hätte ich einer wirklich transparenten, zukunftsweisenden und vertrauensvollen Planung zugestimmt. Einer Planung mit Visionen, einem Generationenprojekt zum Beispiel. Bezahlbarem Wohnraum für diejenigen, die ihn wirklich benötigen. Aber keinem Investitionsobjekt für Spekulanten oder „Prestigevorhaben“ für hyperventilierende Politiker – getarnt als sozialer Wohnungsbau.  

Und vielleicht rege ich mich auch ganz zu Unrecht auf, über den Untergang des Journalismus. Vermutlich ist Ulf Poschardt bis jetzt einfach nie zum Grillen aufs Tempelhofer Feld eingeladen worden, und seine Wut darüber entlädt sich nun einfach in dieser hysterischen Kampfansage – für die er, im Gegensatz zum „Peuble“, auch noch üppig entlohnt wird.

Aber im Ernst, sieht so der gesellschaftlich notwendige Qualitätsjournalismus aus?

Na denn, Prösterchen!

 

P.S. Dieser Beitrag ist auch erschienen auf Huffington Post!

 

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