Empörungs-Journalismus à la Frank Schirrmacher

29 Mrz

Lieber Frank Schirrmacher,

für Ihren Artikel „Dr. Seltsam ist heute online“ in der FAZ über den neuen Echtzeitjournalismus haben Sie das Interview von Claus Kleber mit dem Siemens-Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser als Aufhänger genommen. Ehrlich gesagt grübel ich jetzt seit zwei Tagen darüber nach, was Sie uns damit eigentlich sagen wollen. Ja, Claus Kleber hat ein schlechtes Interview geführt. Punkt. Damit könnte diese Geschichte zu Ende sein. Es eignet sich sicherlich nicht als Grundsatzdebatte über den Journalismus und wird ihr damit auch nicht gerecht. 

Herr Kleber hat im Gespräch mit Herrn Kaeser seinen persönlichen Standpunkt vor sich hergetragen und dabei den eigentlichen Sinn des Interviews aus dem Auge verloren. Die aktuelle Lage ist sehr angespannt und verworren. Und selbst die Politik streitet darüber, ob denn nun Sanktionen oder Dialog der richtige Weg ist mit Russland umzugehen – oder beides. In dieser Situation gestehe ich sogar jedem Journalisten zu, das nötige Augenmaß zu verlieren. Denn genau das macht diesen menschlich und unterscheidet ihn vom journalistischen Einheitsbrei. Ich kann es als Zuschauer einordnen und nachvollziehen oder auch nicht, aber in jedem Fall ist es transparent. Was man von Ihrem Text nicht sagen kann.

Für mich macht es den Eindruck, als wäre der zweite Teil Ihres Artikels  über den Echtzeit-Eskalationsjournalismus schon längst fertig gewesen. Und eigentlich suchten Sie nur noch einen aktuellen Empörungsaufhänger, um diesen aufmerksamkeitswirksam in die Welt zu bringen. Denn dieser Echtzeit-Journalismus hat sicherlich nichts mit Claus Kleber zu tun, die Gründe hierfür sind doch etwas tiefgreifender.

Und genau auf diesen Echtzeit-Journalismus setzen Sie auch wieder, wenn es darum geht, Ihre Medienschelte zu verbreiten. Denn Twitter lässt natürlich nicht lange auf sich warten:

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Wenn Sie übrigens einen guten Artikel über den Strukturwandel in Medienbranche und Journalismus lesen möchten, dann empfehle ich Ihnen diesen hier von Miriam Meckel  Biojournalismus: Mensch statt Maschine

Was mich als Leserin oder Zuschauerin zum Beispiel viel mehr stört, ist dieser neue Empörungsjournalismus, der ein Abfallprodukt des Echtzeitjournalismus ist. Dieser dient nämlich nicht mehr der Information, sondern wird lediglich dazu genutzt, sich selbst ins Gespräch zu bringen bzw. auf einer Welle flott mitzusurfen – meist auf Kosten einer anderen Person oder eines Themas.  

Dem Journalismus dient dies allerdings nicht.

 

 

 

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