Darf ich nicht sagen, was ich denke?

7 Mrz

Die Georg-Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff hat am 2. März im Dresdner Schauspielhaus eine Rede unter dem Titel „Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod“ im Rahmen der „Dresdner Reden“ gehalten. Das hat sich mittlerweile auch über Dresden hinaus herumgesprochen, leider nicht im positiven Sinne.

Der Chefdramaturg des Staatsschauspiels Robert Koall hat zeitnah mit einem Offenen Brief auf die Rede reagiert. Für diese distanzierenden und deutlichen Worte bin ich ihm sehr dankbar und ich denke, er spricht nicht nur mir damit aus der Seele.

Frau Lewitscharoff hält künstliche Befruchtung für absolut widerwärtig – und ich halte Frau Lewitscharoff ab jetzt für absolut widerwärtig. Touché! 

Und damit wäre eigentlich alles gesagt, denn mehr möchte man sich mit diesem Thema gar nicht beschäftigen. Zumal es üble Laune macht und einen fleckigen Teint!

So sehr ich es aber auch versucht habe, es will mir nicht gelingen.

Niemand kann mir erzählen, dass eine Schriftstellerin sich der enormen Macht ihrer Worte nicht bewusst ist. Frau Lewitscharoff hat keine spontane Rede gehalten, aus dem Moment heraus, sondern vermutlich Tage an ihren Sätzen gefeilt. Es war ein wohlüberlegter Angriff auf die Menschenwürde. Und nicht etwa vom Rande der Gesellschaft aus, sondern aus ihrer wohlbehüteten Mitte.   

In der letzten Zeit häufen sich diese diskriminierenden und menschenverachtenden Aussagen von Menschen, die ihren öffentlichen Status dazu nutzen, fanatische Thesen zu verbreiten. Natürlich unter dem Deckmantel des „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“.   

Entweder möchten  sie nur die Familie beschützen, was ja bedeutet, dass sie eine angebliche Gefahr wittern. Oder sie halten sich anderen Lebensformen gegenüber für absolut tolerant, solange diese allerdings am besten unsichtbar bleiben. Das ist allerdings keine Toleranz, das ist zum Kotzen! 

Sie kokettieren und provozieren mit „Ich bin homophob und das ist auch gut so“ und nehmen damit in Kauf, dass sie Millionen Menschen damit verletzen. Auf der Welt werden Menschen bestraft oder umgebracht, weil sie homosexuell sind. Und die Eliten dieses Landes drehen den Spieß herum und fühlen sich und die Familien genau von diesen Menschen bedroht. Das ist so makaber und völlig absurd!   

Eigentlich ist mir die Meinung von Herrn Matussek und von Frau Lewitscharoff völlig egal. Was mich aber rasend macht ist die Tatsache, dass diese Menschen davon profitieren, eine Stimme in der Öffentlichkeit zu haben und diese schamlos ausnutzen (dürfen).

Sie fühlen sich dazu berufen ihr reaktionäres asoziales Weltbild zu verbreiten und schrecken dafür vor keinen Beleidigungen zurück. Plattformen erhalten sie dazu genug, dabei sind Diskussionen völlig überflüssig, denn abbringen von ihrer schiefen Weltanschauung lassen sie sich nicht.

Weshalb man aber trotzdem widersprechen muss? Weil es wichtig ist, sich gegenseitig zu zeigen, dass diese Welt lebenswert ist. Und dass jeder Mensch in dieser Welt einzigartig ist.

Würden diese Hetzen unwidersprochen bleiben, dann müssten Menschen Qualen ertragen, weil sie denken, die Welt hält sie aufgrund ihrer Entstehung, Sexualität, Lebensform oder Herkunft für weniger Wert und unerwünscht.

Könnte man es dann aushalten in dieser Gesellschaft zu leben? Und wenn niemand widerspricht, ist da vielleicht doch etwas Wahres dran? Schnürt einem das nicht die Luft zum Atmen ab?

Es haben sich schon viele verzweifelte Menschen aus diesen Gründen das Leben genommen, weil sie nämlich genau das nicht konnten – in solch einer Welt weiterleben.

Und das – liebe Lewitscharoffs, Matusseks und Sarrazins in diesem Lande – ist der Grund, weshalb ich Euch für so verantwortungslos halte. Da könnt ihr mit eurem sarkastischen und intellektuellen Geschwurbel noch so sehr von Meinungsfreiheit reden.

Wenn also jemand denkt, dass es zur Meinungsfreiheit gehört, anderen Menschen das Mensch sein abzusprechen, das Recht auf Gleichheit zu verweigern oder öffentlich zu beleidigen, dann ist dieses nicht nur aus Sicht des Grundgesetzes und der Menschenrechte extrem fragwürdig. Dann ist dies auch ein Totalangriff auf unser gemeinsames Wertefundament, ohne das ein Leben und Zusammenleben in einer Gemeinschaft gar nicht möglich ist. Daran sollten wir immer denken.

Und dann darf man auch gerne sagen, was man denkt!  

 

 

 

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