Advent, Advent: Früher war mehr Lametta

11 Dez

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Krawehl, krawehl…

die Adventszeit bedeutet übersetzt „die Ankunft“. In diesem Jahr kommt dieser Übersetzung eine ganz besondere Bedeutung zu, denn gleich zwei wichtige Papiere sind unaufgefordert bei uns angekommen. Der Koalitionsvertrag der Großen Koalition und das Apostolische Schreiben „evangelii gaudium“ von Papst Franziskus. Die gleichzeitige Ankunft und der ähnliche Umfang sind aber auch schon die einzigen Gemeinsamkeiten. Gut, das war jetzt sicherlich auch nicht anders zu erwarten. 

Und egal, ob man die knapp 200 päpstlichen Seiten nun genau liest, nur überfliegt oder sich auf journalistische Zusammenfassungen verlässt, eines ist gewiss: anders als beim Koalitionsvertrag – für dessen Zustandekommen „nur“ 470.000 SPD Mitglieder in den nächsten Tagen verantwortlich sein werden – können wir beim päpstlichen Anschreiben alle die Verantwortung nicht leugnen. Als Gläubiger und/oder als „gemeiner“ Mensch.

Während der Koalitionsvertrag ein Sammelsurium an Wünschen und Glaubensbekenntnissen ist, mit einer Aneinanderreihung von politischen Interessen und Machtdemonstrationen, ohne erkennbarer gesellschaftlicher Strategie, ist dem Papst dagegen ein großer Wurf gelungen. Seine „Freude des Evangeliums“ ist nicht nur eine heftige Kritik am Kapitalismus, sondern irgendwie auch eine Abrechnung mit uns Menschen und zugleich ein ordentlicher Tritt in den Allerwertesten.

Früher war mehr Lametta…

aber war früher auch sonst alles besser? In Andenken an Loriot könnte diese Aussage mit Blick auf den Humor sicherlich zutreffen. Und sonst? Mit beginnender Industrialisierung kann man zumindest beobachten, dass der Mensch zunehmend als kleines Rädchen im großen Produktionsprozess an Bedeutung gewinnt oder – je nach Sichtweise – vielleicht eher an Bedeutung verliert. Von modernen Veränderungen durch die Digitalisierung ganz zu schweigen. Da kommt das päpstliche Schreiben gerade recht.

Papst Franziskus sieht die Würde des Menschen und das Gemeinwohl als wichtigste Grundlage für unsere Wirtschaftspolitik. Er bittet Gott sogar darum, dass Politiker wieder vermehrt in den Dialog einsteigen und von uns allen wünscht er sich, dass wir uns wieder mehr der Schwachen annehmen. Das vielfältige und erdrückende Konsumangebot sieht er als Grund für individualistische Traurigkeit in unserer Gesellschaft.                                      Oh Du fröhliche! Das passt ja blendend in die umsatzstärkste Zeit des Jahres.

Was soll dies nun heißen? Dass wir die von der GfK errechneten 288€, die durchschnittlich jeder Deutsche für Weihnachtsgeschenke ausgibt, nun doch in unseren Sparstrumpf stopfen?  Oder gleich dem nächstbesten Bedürftigen in der U-Bahn in die Hände drücken?

Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein…

ohne Konsum keine Umsätze, keine Wirtschaftskraft, keine Arbeitsplätze. Das wird selbst der Papst nicht leugnen. Und als Buchhändlerin kann ich mir nur wünschen, dass viele der tollen Bücher aus den Buchhandlungen direkt auf den Gabentischen landen. Dies wäre auch noch einmal ein schönes Statement dafür, dass wir den Wert eines Buches nicht an seinen technischen Voraussetzungen und an seiner digitalen oder analogen Beschaffenheit bemessen, sondern an seinem Inhalt. Und eine Auseinandersetzung mit dem Wert eines Buches ist gleichbedeutend mit der Wertschätzung der Arbeit des Autoren. Übrigens kenne ich keine gesellschaftliche Debatte darüber, ob Spielekonsolen oder Computerspiele zu teuer sind. Diese Diskussion erlebe ich nur täglich in Bezug auf Bücher, wie mir gerade auffällt.

Aber irgendwie kann ich den Papst ja verstehen, wenn er zum Beispiel schreibt: „Wenn das innere Leben sich in den eigenen Interessen verschließt, gibt es keinen Raum mehr für die anderen…“  Gestern habe ich eine ziemlich gehetzt aussehende Frau in einem Berliner Einkaufstempel einfach in der Menschenmenge aufmunternd angelächelt – und siehe da, nach einer kurzen Irritationsphase erhellte sich ihr Gesicht. Es gibt viele Möglichkeiten sich untereinander Wertschätzung oder Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Wer nimmt überhaupt noch Menschen in seiner Umgebung wahr? Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass in Einkaufsstraßen die Menschen sich anrempeln – ohne zu zucken – weil sich niemand mehr gegenseitig anschaut? Könnten Sie spontan sagen, wie viele Menschen in Ihrem Haus wohnen oder wie ihr Nachbar aussieht?

Sagen Sie jetzt nichts…

während Sie noch darüber nachdenken, ob Sie überhaupt Nachbarn haben, möchte ich noch einmal auf die Adventszeit zurückkommen. In keiner anderen Zeit des Jahres werden die Gegensätze zwischen arm und reich oder krank und gesund so sichtbar wie in der Vorweihnachtszeit. Und während die einen Kinder an Heiligabend mit Geschenken überhäuft werden, merken die anderen an diesem Abend besonders deutlich, dass sie nicht wirklich dazugehören. Einsamkeit, Krankheit und Armut zeigen sich gerade an den christlichsten Tagen im Jahr in seiner geballtesten Form.

Treten wir uns doch einfach selbst in den Allerwertesten. Erkundigen wir uns, wo das nächste Kinderheim ist und lesen dort spontan Weihnachtsgeschichten vor. Das ein oder andere Geschenk lässt sich sicherlich auch spendieren. In vielen großen Kaufhäusern gibt es Geschenkbäume, mit Wunschzetteln bedürftiger Kinder. Es bereitet sogar großen Spaß, wenn Sie für Kevin, 9 Jahre, einen Lederfußball besorgen und auf dem letzten Drücker noch ein Ballpumpe organisieren, da Sie wissen, dass es für ein Kind nichts gnadenloseres gibt, als die Weihnachtstage mit einem unaufgepumpten Ball zu verbringen. Die Nachbarin mit der winzigen Rente freut sich bestimmt riesig über einen Nikolausstiefel und der Obdachlose wäre vermutlich einfach schon froh, wenn im Weihnachtsstress niemand rücksichtslos über ihn drübertrampelt.

Kinder, ist´s bei uns gemütlich…

das sagen zu können und trotzdem wieder einen Blick über den weihnachtlichen Tellerrand zu wagen, wäre bestimmt eine schöne Bedeutung der Adventszeit. Und während der Koalitionsvertrag vielleicht nur eine schöne Bescherung ist, verbreitet der Papst mit seinem „evangelii gaudium“ eine Vision. Bis dahin – think pink!

P.S. Die Überschriften sind entliehen vom großartigsten Humoristen Loriot!

Dieser Beitrag ist ebenfalls auf  Huffington Post erschienen.

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