Viele Fragen zum Thema Rassismus – aber keine Antworten…

11 Sep

Wegweiser mit Fragen und Antworten

...das entspricht doch genau unserer Situation in Deutschland und spiegelt die Sprachlosigkeit darüber sehr gut wieder. Warum regen sich also alle so auf?

Die TAZ hat am 20. August ein Interview mit Philipp Rösler zum Thema Hass und Rassismus im Wahlkampf geführt. Der Normalbürger würde dies unter dem Begriff Alltagsrassismus zusammenfassen, den jeder ausländisch aussehende Mensch dort erlebt, wo er sich in seinem alltäglichen Umfeld befindet. Das kann also der Bananengruß im Fußballstadion sein, die Pöbelei in der Straßenbahn, das Schimpfwort am Arbeitsplatz oder die Prügelei auf dem Schulhof.  

Um diesen versteckten – oder besser – nicht wahrgenommenen Rassismus präsent zu machen, wurde gerade erst im sozialen Netzwerk Twitter unter dem #schauhin dazu aufgefordert, diese „normalen“ rassistischen Alltagsbegegnungen zu twittern. Wer dort mitliest wird sich unweigerlich schämen, dass solche Situationen im 21. Jahrhundert möglich sind. Gesellschaftliche Debatten  scheinen darüberhinaus häufig nur noch in sozialen Medien stattzufinden. Mit #aufschrei hat es vor kurzem erst eine Debatte zum Thema Sexismus gegeben und auch damals fragte man sich, wieso sich diese tausendfachen Diskriminierungen nicht schon eher einen Weg in die öffentliche Gesellschaft bahnen konnten.

Aber zurück zur TAZ. Philipp Rösler hat das Interview im Nachhinein nicht freigegeben, da es anscheinend nicht so gut in den Wahlkampf passt. Die TAZ sieht dies als einen Verstoß gegen die journalistischen Spielregeln und machte diese Verweigerung öffentlich. Die Fragen an Rösler wurden also ohne seine Antworten veröffentlicht. Dies war der Startschuss für einen mächtigen Shitstorm gegen die TAZ. Die Leser haben sich nämlich nicht darüber aufgeregt, dass ein Politiker ein Interview sperrt, sondern über die Fragen der TAZ. Man springt dem Wirtschaftsminister zur Seite, die Fragen der Journalisten wären rassistisch. Jemanden auf sein asiatisches Aussehen zu reduzieren sei rassistisch. Einen Politiker auf seine ausländischen Wurzeln zu reduzieren sei rassistisch. Aber ist dies nicht sehr kurz gedacht? Ist nicht eigentlich die Tatsache, dass dies überhaupt so ist rassistisch? Und möchten die Fragen nicht genau dies aufdecken?

Die Zeitung „Die Welt“ meint das anscheinend nicht und schreibt unter dem sehr sachlichen Titel …und mit kleinem Penis regiert man schlechter? empört, dass zwei TAZ Journalistinnen 2 Wochen vor der Wahl eine Stunde Zeit hätten für ein Interview mit dem Wirtschaftsminister, und statt wichtige Informationen zu liefern, warum man die FDP wählen sollte oder auch nicht, hätten sie sich entschieden ein Interview zum Thema Hass anzufragen. Ja, liebe Welt, wie ungeheuerlich. Statt über schöne Wahlhülsen im Wahlkampf zu sprechen, wollte man tatsächlich ein Interview zu gesellschaftlich total irrelevanten Themen wie Hass und Rassismus führen. Mit einem Politiker! Und genau mit diesen irrelevanten Themen sind Ausländer in Deutschland tagtäglich konfrontiert. Aber warum empört sich darüber niemand?

Die Antworten von Philipp Rösler hätten eine große Rolle spielen können in der gesellschaftlichen Debatte. Es hätten starke Antworten sein können, wie es Antworten zu Steuererhöhungen oder Eurorettung niemals hätten sein können. Diese Antworten hätten Rassismus sichtbar machen können, auf persönlicher Ebene zwar, aber politisch und gesellschaftlich durchaus relevant. Eigentlich könnte man den laufenden Shitstorm kurz auf einen Nenner bringen: Sachfragen an einen Politiker sind politisch, persönliche Fragen zu Hass und Rassismus dagegen privat. Rassismus wird anscheinend erst dann öffentlich wahrgenommen, wenn es durch Übergriffe und Verbrechen politisch wird. Sehr schade!

Politiker möchten lieber keine Vorbilder sein, keine Identifikationspersonen. Lieber möchten sie als Wesen wahrgenommen werden, die aus dem Reagenzglas gehüpft sind – ohne Bezug zur Gesellschaft. Das macht weniger angreifbar.

Ich hätte gerne eine Antwort gehört auf folgende Frage: „Herr Rösler, zurück zu Ihnen. Wann haben Sie bewusst wahrgenommen, dass Sie anders aussehen als die meisten Kinder in Deutschland.“

Denn nicht diese Frage ist rassistisch, sondern die Tatsache, dass es tatsächlich so ist. Die öffentliche Meinung ist anderer Ansicht. Vielleicht kann man auch von Schwarm Meinungen sprechen, so schnell, wie sich diese Empörung ausgebreitet hat. Vermutlich war es ein Fehler der TAZ auf die Verhinderung der Veröffentlichung aufmerksam zu machen. Die rasante Kommunikation bietet keine Möglichkeit mehr der Reflektion, sondern ist meist eine schnelle und emotionale Reaktion. Und hat sich einmal eine Tendenz der Meinungsbildung verbreitet, dann ist die Richtung kaum noch zu verändern.

Vor kurzem habe ich miterlebt, wie ein dunkelhäutiges Kind von anderen Kindern ausgegrenzt wurde, es durfte nicht mitspielen und hat bitterlich geweint. Wenn man dieses Kind in einigen Jahren fragt: Wann haben Sie bewusst wahrgenommen, dass Sie anders aussehen als die meisten Kinder in Deutschland?, dann wird es vielleicht genau diese Situation auf dem Spielplatz schildern. Möglicherweise gibt es aber auch viele andere.  – Es gibt aber keinen Dialog drüber. Und im Wahlkampf schon gar nicht. Da gilt es als rassistische Stimmung.

Jeder kann seine eigene Meinung haben zum Interview und den Fragen. Meine Meinung dazu ist nicht mehrheitsfähig, damit muss und kann ich gut leben. Die Fragen allerdings als Form von Rassismus darzustellen geht meiner Meinung nach allerdings zu weit und ist höchst polemisch!

Zur Beruhigung der Gemüter hat die TAZ mittlerweile ein Interview mit Timo Reinfrank von der Amadeu Antonio Stiftung im Blog veröffentlicht. Es hat den Titel: „Ich wäre mitten im Interview rausgegangen“

 

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3 Antworten to “Viele Fragen zum Thema Rassismus – aber keine Antworten…”

  1. Max September 11, 2013 um 1:58 pm #

    Danke. Ich bin nicht allein.

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  2. earendil September 11, 2013 um 4:42 pm #

    Ich hätte gerne eine Antwort gehört auf folgende Frage: “Herr Rösler, zurück zu Ihnen. Wann haben Sie bewusst wahrgenommen, dass Sie anders aussehen als die meisten Kinder in Deutschland.”

    Denn nicht diese Frage ist rassistisch, sondern die Tatsache, dass es tatsächlich so ist.

    Doch, die Frage ist rassistisch, wenn auch vielleicht ungewollt und unbewusst. Sie fragt nämlich eben nicht nach der ersten Wahrnehmung von Diskriminierung, sondern des anderen Aussehens. Stattdessen hätte man vielleicht fragen können: Wann haben Sie zum ersten Mal erlebt, dass Sie wegen Ihres Aussehens diskriminiert wurden? Das wäre allerdings immer noch blöd suggestiv; noch besser wäre also: Haben Sie als Kind erlebt, dass Sie wegen Ihres Aussehens diskriminiert (oder: als anders angesehen) wurden?

    Ich nehme den Interviewerinnen schon ab, dass Sie mit Herrn Rösler über Rassismus reden wollten. Leider haben sie stattdessen rassistisch geredet. (Und außerdem scheußliche Suggestivfragen gestellt.)

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  1. Fremdschämen für die TAZ – zum Rösler-Interview › Digital Diary - Vom Sinn des Lebens zum Buchstabenglück - September 11, 2013

    […] Viele Fragen zum Thema Rassismus – aber keine Antworten… – eine ANDERE Meinung von Anja auf Filter Bubble. […]

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