Bekiffter Qualitätsjournalismus

4 Jul

dog reading a newspaper

Seit einigen Jahren ist der Journalismus vom „Aussterben“ bedroht – und zwar gleich doppelt. Bis auf wenige Ausnahmen sinken die Auflagen rapide, Informationen stehen brandaktuell und kostenlos für uns jederzeit im Netz bereit. Außerdem bieten Nachrichtendienste wie Twitter eine Befriedigung des Informationswunsches in Echtzeit. Werbeeinnahmen der Verlage gehen drastisch zurück, aufgrund der kleineren Auflagen im Print und der geringeren Vermarktungsmöglichkeiten im Netz.

Die Auswirkungen bekommen wir spätestens dann mit, wenn Personalreduzierungen im mehrstelligen Bereich durch die Medienwelt rasen. Komplette Einstellungen von Zeitungen machen selbst vor renommierten Blättern nicht halt, wie kürzlich erst bei der Financial Times Deutschland erlebt. Böse Sache mit bitterem Beigeschmack, ein paar Monate später allerdings ist dieser Untergang kaum mehr präsent. Und bei einem mächtigen Überangebot an Zeitungen klafft im Presseregal des Händlers unseres Vertrauens nicht einmal eine quälende Lücke.

Was wir im Zuge des Zeitungssterben vermehrt hören, ist die Selbsteinschätzung in der Presse-Echokammer, dass man uns Lesern doch schließlich Qualitätsjournalismus bietet. Dieser ist durch die „Kostenlos Mentalität“ im Netz, Aborückgang besonders unter der jüngeren Generation , sowie Informationsaustausch über soziale Netzwerke stark in Gefahr. Zudem verhindern fehlende Innovationen – oder schlicht Ängste – wirkungsvolle Bezahlsysteme im Netz. Diese reichen aktuell von „Bezahl WAS und WENN Du willst“ bis hin zu 2€ für einen Artikel mit gerade einmal 800 Wörtern.

Kleiner Schwenk in eigener Sache, vielleicht liest ja ein Entscheidungsträger mit 🙂 –
Ich würde mir wünschen, verschiedene Verlage mögen im Netz kooperieren und ich als Leser oder Abonnent kann mir meine tägliche Informationsration nach Belieben, Zeitsouveränität und Gemütslage quer durch die Zeitungswelt zusammenstellen. Weil dies aktuell leider nicht möglich ist, bin ich nämlich gar kein Abokunde mehr (trotz hohem Konsum), da ich nicht immer die gleiche Zeitung lesen möchte – Schwenk Ende –

Bedeutet dies nun alles den Untergang des Abendlandes? Wenn ich mir den Informationsgehalt mancher Artikel ansehe, dann bin ich mir sicher, hat dieser schon begonnen.

Am Dienstag wurde ich im Tagesspiegel zum Beispiel auf folgenden halbseitigen Artikel aufmerksam. Der Titel ist „Weder Koks noch Kokain“ und darunter prangt ein großes Bild vom Modezaren Harald Glööckler. Was ich dann lese ist so bizarr, dass ich es kaum glauben kann. Es scheint wohl so, dass die Bild Zeitung behauptet hat , dass Glööckler in einem Kokainskandal verwickelt sei. Diese Story habe ich vorher noch gar nicht mitbekommen, deshalb hatte ich zunächst ein paar Verständnisprobleme…

Glööckler – not amused – hat daraufhin in seine heimische fröhlich gestaltete Bude in Berlin Mitte zu einer Pressemitteilung geladen…und die Gäste lassen nicht lange auf sich warten. (Ich frage mich gerade, ob Säcke Reis in China auch zu einer Pressemitteilung einladen können, aber vermutlich würde auch das klappen…)

Im folgenden zitiere ich ein wenig aus dem Artikel: “ (…)Irgendwo oben hält sich Harald Glööckler auf, der in Berlin weltberühmte Mode- und Tapetendesigner, unten drängeln sich mindestens vier(!) Dutzend Journalisten, Fotografen und Kameraleute, die von kräftigen Männern in schwarzen Anzügen portionsweise eingelassen wurden.“ Geht´s noch? Seid ihr irre? Ich frage mich ernsthaft, von welchem Qualitätsjournalismus immer die Rede ist, wenn es um den Niedergang der Zeitung geht. Ein Herr Glööckler möchte etwas zu seinem Verhältnis zu Kokain (oder auch nicht) erzählen und mehrere Dutzend Journalisten & Co haben nichts besseres zu tun als dort hinzueilen? Vermutlich hat der Hausmeister den Inhalt sowieso schon in die Welt hinaus getwittert, da waren die eifrigen Journalisten noch nicht einmal wieder portionsweise hinaus gelassen worden.
Und als Tweet hätte sich die „Pressemitteilung“ Glööcklers sogar geeignet: “ Ich habe in meinem Leben weder Koks berührt noch Kokain konsumiert noch Kokain gekauft noch Kokain verkauft “ – Diese sage und schreibe 106 Zeichen Erklärung wäre für einen hübschen Twitter Tweet geeignet gewesen. Aber mal im Ernst, das kann doch nicht wahr sein!

Getoppt wurde das ganze noch mit der Meldung auf der Titelseite des Tagesspiegels: „Talkshow-Bilanz: Günther Jauch gewinnt, der Rest verliert.“ Da ich mir sicher bin, dass mit dem „der Rest verliert“ nicht wir Fernsehzuschauer gemeint sind, die seit Monaten bei Jauch kein politisches Thema begrüßen durften, stattdessen Silbereisen und Schlaglöcher ertragen mussten, sondern von der TV-Quote die Rede ist, die bei GEZ finanzierten Sendungen eigentlich nicht relevant sein sollte, habe ich die Lektüre eingestellt.

Übrigens, wäre nicht gerade Fashion Week in Berlin, ich wette Herr Glööckler hätte auch 5 Dutzend Pressemenschen begrüßen dürfen. Das wäre dann stilecht – alte Maßeinheit: 5 Dutzend = 1 Schock.
Schock passt!

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