Systemrelevanz

26 Okt

Systemrelevanz ist ein Wort, das mich von der ersten Sekunde an sehr fasziniert hat. Begegnet ist es mir in Zeiten der Banken- und Finanzkrise und lässt mich seitdem nicht mehr los. Was für ein mächtiges Wort. Es gibt so Wörter, die hauen einen um, da man schon, ohne genaue inhaltliche Bedeutung weiß, dass es sich um etwas wirklich spektakuläres handelt. Aber was ist systemrelevant? Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, Parkhäuser, Buchhandlungen, Flughäfen, Bahnhöfe, Open Source oder Theater? Könnte man doch meinen, schließlich würde ohne diese Einrichtungen in unserer Gesellschaft so einiges zusammenbrechen. Also sollten diese doch dann auch ziemlich relevant sein für unser System.
Das so pathetisch daher kommende Wörtchen meint aber gar keine wichtigen gesellschaftlichen Säulen unserer Welt, wie Bildung, ärztliche Versorgung oder Infrastruktur, sondern ist rein auf volkswirtschaftliche, finanzielle Auswirkungen auf ein bestimmtes System gerichtet.
Hier eine kleine Begriffserläuterung aus Wikipedia:
„Als systemrelevant oder too big to fail (englisch: „Zu groß, um zu scheitern“) bezeichnet man Unternehmen, aber auch andere Institutionen wie etwa Staaten oder Städte, die so groß sind, dass ihre Insolvenz für die Volkswirtschaft teurer ist als die gemeinschaftlichen Kosten für die Rettung vor der Insolvenz“

Sind die finanziellen und volkswirtschaftlichen Auswirkungen einer Bankenpleite also zum Beispiel größer als die Bankenrettung, dann heißt es „Rette wer kann“ die Banken…und am besten vorher sich selbst.
Umschreibt das Wort „Systemrelevant“ also hier besonders akademisch eigentlich nur eine volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Misswirtschaft und Katastrophe? Wäre es nicht eigentlich systemrelevant, wenn eine Volkswirtschaft kontrolliert, dass keine Institution so mächtig wird, dass sie bei Insolvenz ein ganzes Land oder Staatengemeinschaft mit in den Abgrund reißt? Wäre das nämlich der Ansatz, dann könnten wir uns um die wirklich relevanten Dinge in der Gesellschaft kümmern. (Und unsere Bundeskanzlerin hätte nicht so schreckliche Augenringe)

Ein paar der für mich systemrelevanten Themen habe ich mal ungeachtet jeder relevanten Reihenfolge zusammengefasst:

Staatsform
„Die Staatsform charakterisiert die formale, verfassungsrechtliche Organisationsform[1] und „Verfassung“ eines Staates und ist damit das wichtigste Merkmal der staatlichen Grundordnung…“ (Wikipedia)
Ohne unsere demokratische Grundordnung wäre unsere Gesellschaft sicherlich bankrott. Ihre Rettung und Grundsicherung also unabdingbar. Retten wir also wenigstens zuerst die Demokratie und dann die Banken.

Internet
Mit dem Internet entstand wohl die größte Veränderung der letzten Jahrzehnte, mit Auswirkungen in wirklich alle Lebensbereiche, weit über die Kommunikation hinaus und ist für die Gesellschaft mit Sicherheit auch die allergrößte Herausforderung. Alle hier ansonsten aufgeführten Themen haben im Netz keine Grenzen, das bedeutet aber auch, dass diese auf der einen Seite so große Freiheit auch große Gefahren birgt. Dies darf man aber den „digital natives“ nicht erzählen, sonst gilt man sofort als Internetgegner. Diskussionen hierzu sind also extrem systemrelevant, aber schwierig. Was alles zusammenbrechen würde, ohne das Netz, lässt sich sicherlich kaum berechnen.

Öffentlich rechtlicher Rundfunk
Der öffentlich rechtliche Rundfunk ist eine Grundlage für eine demokratische Gesellschaft und bietet die Plattform für freie und transparente Informationen. (Dies sollte man Horst Seehofer nochmal genauer erklären)

Facebook
Für den Großteil der jungen Generation sehr relevant. Würde Marc Zuckerberg also Facebook von heute auf morgen abschalten wollen, wäre vielen die Grundlage für Kommunikation und das soziale Gefüge entzogen. Bliebe zu hoffen, dass auch reale Kontaktdaten der digitalen Freunde bestehen.

Gleichberechtigung
Finde ich persönlich extrem relevant. Quote, Equal Pay und soziale Gleichstellung sind eigentlich das 1.Gebot der gesellschaftlichen Systemrelevanz.

Google
Personalisiert oder nicht personalisiert, das ist hier die Frage. Heute schon gegoogelt und mit Algorithmen getanzt? Wären wir noch fähig, uns im Netz zurechtzufinden ohne Google? Und was heißt überhaupt im Netz, würden wir ohne Google Maps noch den Weg nach Hause finden? Relevant? Ja. Systemisch? Ja.

Amazon und Kindle
Wenn man weiß, dass Amazon mit wenigen Handgriffen alle Daten von meinem Kindle löschen könnte (wenn ich eins hätte), dann fühlt sich das sehr systemisch an. Stellt sich mal einer vor, es klingelt abends an meiner Tür und der Buchhändler meines Vertrauens trägt unerlaubt alle meine bezahlten Bücher aus meiner Wohnung. Abgesehen davon, dass es mit wesentlich größerer körperlicher Anstrengung verbunden wäre, als die digitale Variante, definitiv eine Bankrotterklärung.

Ebooks
Ebooks unterscheiden sich vom gedruckten Buch dadurch, dass sie kein zu schützendes Kulturgut sind. Oder wie erklärt es sich sonst, dass das gedruckte Buch mit 7% und das digitale Buch mit 19% versteuert werden. Die eigentliche gesellschaftliche Relevanz, oder besser Brisanz, liegt darin, dass es doch auf den Inhalt ankommt und nicht auf das Medium. Ich frage mich, wie man heute wohl die Steintafeln versteuern würde, auf denen die 10 Gebote gemeißelt waren. Vielleicht würde hier der Mastercard Slogan passen: „unbezahlbar“
Jedenfalls ist die zukünftige Verbreitung von ebooks eine große gesellschaftliche und kulturelle Herausforderung, die vielleicht noch nicht jeder so begriffen hat.

Und jenseits der korrekten Begriffserklärung von „Systemrelevanz“ werde ich immer andere Gedanken haben, die sich nicht in eine Kostenanalyse pressen lassen.

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