Entlastung mit der Deutschen Bahn von Berlin nach Aachen

1 Apr

Berlin 15.08h – Aachen 20.56h
Ich sitze gerade im IC von Berlin nach Aachen. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, fehlt mir ein E! Nämlich das hübsche E, das aus dem IC einen ICE macht. Ich wünschte mir, es käme jetzt jemand mit einem Glücksrad vorbei und ich könnte ein E kaufen. Ich würde es sofort tun, den kompletten Inhalt meines Portemonnaies würde ich hierfür investieren und wenn dass nicht reichen sollte, wäre meine Hoffnung, dass man die Buchstaben am Glücksrad auch mit der EC Karte zahlen könnte.
Es liegt gerade ein Umzug von Aachen nach Berlin hinter mir, dementsprechend betäubt fühle ich mich noch, körperlich und emotional. In meiner Aktentasche befindet sich jede Menge Arbeit, die ich in Ruhe in den 6 Stunden Fahrt erledigen wollte, nein eher müßte. Die Art von Arbeit, die recht langatmig ist, die man in der Hektik des Alltags so gar nicht schafft, da man ein wenig Ruhe dazu benötigt. Und Zeit! Nun – die hätte ich jetzt, mehr aber auch nicht. Es gibt hier keine Ablage, um Arbeitsmaterialien abzulegen, meine beiden Taschen habe ich auf meinem Schoss liegen, da selbst im Gang auch noch „Reisende“ sitzen. Gut, dass die noch nicht mal Platz haben, einen Laptop zu öffnen…ich möchte nicht wissen, was sie jetzt so schreiben oder bloggen würden und damit, wie ich, die globale Internet Welt verpesten. Ich habe ja wenigstens einen reservierten Platz am Gang und während ich das vorangegangene geschrieben habe, ist mir diverse Male jemand auf den Fuss getreten. Da dieser zwischen den übrigen Reisenden und deren Reisetaschen eingequetscht ist, konnte ich mich auch leider nicht dagegen wehren.
Ich reise das erste Mal von Berlin nach Aachen statt mit dem ICE mit dem IC (ohne E). Warum? Da dies der einzige Zug ist, der durchfährt. Die einzige Variante, bei der ich nicht in Köln oder Düsseldorf umsteigen muss. Dies hielt ich für einen absoluten Vorteil, da ich dachte, dann könnte ich in Ruhe arbeiten, lesen oder relaxen. Und da das Ticket genauso viel kostet wie die ICE Variante dachte ich, dass ein Langstreckenzug ein Langstreckenzug ist. Dort ist es normalerweise ja auch üblich, dass es ein Bordbistro gibt. Die erste Durchsage, die ich allerdings so auf Höhe Berlin Spandau hörte, als sich der Menschenknoten langsam löste und jeder irgendwo Platz gefunden hat, dass es in diesem Zug heute allerdings keines gibt. Spontan fing mein Magen an zu knurren. Nennen wir es einfach „Fasten mit der Deutschen Bahn“.
Gerade hat sich tatsächlich eine Schaffnerin den Weg zu uns Reisenden durchgekämpft, um unsere Tickets zu kontrollieren. Ob sie wirklich denkt, hier sitzt, liegt oder klemmt irgendjemand freiwillig?
Zumindest hatte ich so die Möglichkeit, sie zu fragen, ob ich gerade richtig gehört habe, nämlich dass es in diesem Zug von Berlin nach Aachen kein Bistro gibt. Ich wusste natürlich, dass ich richtig gehört hatte, aber ich dachte auf diese Weise könnte ich ein paar meine roten Wutflecken im Gesicht wegbekommen. Abreagieren nennt man sowas….
Und tatsächlich, es hat funktioniert, denn ich bin auf diese Weise in den Genuss einer wirklich guten „Deutsche Bahn Real Satire“ gekommen. Denn ich sitze, wie die freundliche Zugbegleiterin mir erklärte, in einem „Entlastungszug“, da gibt es kein Bistro. Hatte ich diesen bis jetzt eher für einen Be-lastungszug gehalten, so war ich nun zum einen definitiv schlauer und zum anderen auch ein wenig amüsierter. Das ist Logik, die gibt es mit Sicherheit nur bei der Deutschen Bahn.
Ich stelle mir gerade vor, wie ich zu Hause in meinem Brockhaus „Entlastungszug“ nachschlage und dort folgenden Eintrag lesen kann: „Ein Entlastungszug ist ein Zug, in dem sich kein Bistro, keine Arbeitsablage oder Klimaanlage befindet. Ferner gibt es nicht ausreichend Gepäckfächer für die Taschen aller Reisenden. Der Lärmpegel dort entspricht ungefähr der Lautstärke in einem Fußballstadion (Schalke – Dortmund). Auf alle Annehmlichkeiten, die Ihnen ein normaler Fernzug bietet, müssen Sie hier verzichten, selbstverständlich zum vollen Fahrpreis. Die komplette Brockhaus Redaktion drückt Ihnen die Daumen, dass Sie einen Entlastungszug mit Toiletten ergattern, toi, toi, toi, sozusagen.“
Kurz würde ich auch mal überlegen unter „Entlastungsflugzeug“ nachzuschlagen, aber sicherlich wäre meine Angst dann doch zu groß…“die gesamte Brockhaus
Redaktion drückt Ihnen die Daumen, dass Sie ein Entlastungsflugzeug mit …und ab hier könnte ich dann nicht mehr weiterlesen, wollte ich irgendwann mal wieder angstfrei ein Flugzeug betreten;-)
Trotzdem kommt mittlerweile so etwas wie Freude auf. Freude darüber, dass ich es in den letzten Wochen zeitlich nicht geschafft habe, die Bahnkarten für die nächsten Wochenenden auch schon zu buchen. In diese Freude mischt sich aber auch ein wenig Wehmut, Wehmut darüber, dass mein kleiner Roadster auf einem Parkplatz am Prenzlauer Berg steht…ein Entlastungs-Roadster, der zu seiner Entlastung auf einem hübschen Parkplatz stehen darf.
In wenigen Minuten erreichen Sie Herford, Sie haben also fast die Hälfte Ihrer „Deutsche Bahn Diät“ überstanden.
Nun gut, dann nehme ich jetzt mein kleines Evian Wasser aus meiner Tasche – das sollte ja wohl erlaubt sein 😉 – und lese mein Buch „Filter Bubble“ von Eli Pariser zu Ende.
Und niemals während der Lektüre dieses Buches wünschte ich mir mehr, in diese Filter Bubble gezogen zu werden.
Aber Vorsicht – „Möglicherweise befinden Sie sich in einer „Entlastungs-Filter Bubble“

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