Digitale Welt? – Entweder Oder oder Entweder und Oder?

1 Nov


„Digital Immigrant“ – das bin ich! Denn ich wuchs definitiv in einer durch und durch analogen Welt auf. Und das war auch gut so, zumindest habe ich nichts vermisst, wie auch…Internet, soziale Netzwerke oder Blogs waren damals noch ferne Zukunft. Meine einzige Erfahrung im elektronischen Bereich, während meiner Kindheit, beruht auf dem Commodore 64 und der Atari Spielekonsole. Aber das ist auch nur meinem Glück zu verdanken, dass ich ältere Geschwister habe, deren Freunde diese Geräte zu uns nach Hause mitbrachten, meine Familie hätte sich diese neuen Technologien nicht leisten können. Damals trug man diese Dinge aber glücklicherweise mit sich rum, dazu mussten nicht extra Produkte hergestellt werden, die den Begriff „tragbar“ im Namen hatten. Da, wo meine Freunde sind, da ist auch mein Atari. Social network ohne“ net“ in den 80 ern! So haben wir mit Joysticks, so groß wie heute die Spielekonsolen sind, Fußball, Tennis oder Packman gespielt.
Spätestens als ich meine Ausbildung im Buchhandel begann, waren diese Spielereien wieder komplett vergessen. Ich war umgeben von viel Papier, einzig ein kleiner alter Modem PC diente dazu, abends die Kundenbestellungen einzugeben. Die, die man den Tag über auf Bestellscheinen aus Papier gesammelt hatte. Und vermisst habe ich immer noch nichts. Aber das Gute daran war, es hat auch niemand von mir erwartet, dass ich etwas vermisse. Ich konnte diese Lebens-und Arbeitsweise frei von irgendwelchen Zwängen gut finden, und wurde deshalb sicherlich auch nicht als altmodisch oder technikfeindlich verspottet.
Wäre mir sicherlich auch egal gewesen, galt man doch als BuchhändlerIn stets als kommunikatives Sozialwesen, vor allem, wenn man abends in der Stammkneipe bei Alt und Pils gesellschaftliche Themen analysiert und durchphilosophiert hat. Zumindest dachte man das von uns. Gut – Frauen, Männer, Beziehungen und neuste Fernsehserien sind ja durchaus auch gesellschaftliche Themen;-)
Heute ist es anders. Es gibt zwei Welten, die analoge und die digitale. Die ewig Gestrigen und die Nerds. Die, die es drauf haben, wie alles so läuft und die, die Twitter für eine Geschlechtskrankheit halten. Wie passt das zusammen? Bis jetzt noch gar nicht. Denn die einen verstehen nicht, wie man vom Bloggen leben kann, und dass jemand aus einem Café in Berlin Mitte seinem Job nachgehen kann – nicht hinter der Theke, sondern am Laptop vor der Theke! Und die anderen verstehen nicht, dass es Menschen gibt, die tatsächlich noch gegeißelt sind, von festen unfreien Arbeitszeiten, ohne Netzstecker und Milchkaffee. Spätestens, wenn die Kassiererin abends um 22.00h aber nicht mehr an der Kasse im Supermarkt sitzen würde oder die Müllberge sich vor der Haustüre bis zur Dachrinne stapeln, sollte aber auch der letzte begriffen haben, dass digital ohne analog nicht funktioniert. Und solange es noch Menschen gibt, die 10 Stunden am Tag damit beschäftigt sind, analoge Spuren zu hinterlassen (oder zu beseitigen), kann sich das Leben nicht komplett ins Netz verlagern. Jetzt könnte ich so vermessen sein und die Frage aufwerfen: „Wird der Müllmann unser Leben retten?“ Wir werden sehen, die Antwort gibt es in ein paar Jahren.

Die digitale Bohème möchte natürlich die Bedeutung der digitalen Welt hochsetzen, klar, dadurch erhöht sie ja auch Ihre eigene Berechtigung. Natürlich wartet man schon bei jeder Katastrophe oder Revolution auf die Abhandlungen über die steigende Bedeutung von Twitter und freien Blogs. Diese sind natürlich unbestritten. Fragen Sie aber mal am nächsten Tag Ihre Lieblingsverkäuferin an Ihrem Lieblingskiosk, was sie bei Twitter dazu mitbekommen hat – vermutlich nix.
Wenn sich dann die Internet Community wie die Kinder über jeden noch so kleinen Shitstorm gegen ein Unternehmen freut, weil nun endlich jeder ahnungslose Hinterweltler einsehen muss, welche unglaubliche Macht das Internet ausübt, dann tut es mir sehr leid, dass diese Anstrengungen sogar eher hilflos auf mich wirken als besonders selbstbewusst. Denn eins hat man in der analogen Welt gelernt, muss man erst mühevoll auf seine Taten hinweisen und darüber reden, damit deren Bedeutung überhaupt anerkannt wird, dann hat dieses Thema selten die 7 Minuten standgehalten, die es bedarf ein frisches Bier zu zapfen.
Würde ich einen Offenen Brief schreiben (im Internet natürlich), dann würde der so beginnen:
„Liebe Internet Community, liebe Experten und Berufsblogger (nicht nur Sascha Lobo;-)),
hey, Ihr wirkt so unsympathisch und arrogant auf Menschen, denen Ihr permanent vorwerft, die Bedeutung des Internets zu unterschätzen, während diese nach harter analoger Schufterei sicherlich am Abend nicht noch durch die Netzgemeinde pilgern möchten….“
Dieses gegenseitige Unverständnis führt dazu, dass es leider immer noch ein Entweder Oder gibt. Leider aber kein Entweder und Oder, was so wichtig wäre.
Mittlerweile gebe ich abends keine Papier-Kundenbestellungen mehr am Modem PC ein. Auch lese ich mittlerweile digital und analog. So wie unsere Leser auch, entweder und oder. Den „digital natives“ reicht dies natürlich noch lange nicht. In deren Augen haben wir noch viel zu viel Papier um uns herum, ich glaube sie sind erst beruhigt, wenn endlich kein Verlag mehr Print Bücher auflegt, und jeder Schriftsteller, und der es noch werden möchte, besser selber seine Bücher digital herstellen und vermarkten kann. Ich freue mich schon auf die großartige Auswahl bedeutender Literatur.
Was mich allerdings ein wenig skeptisch stimmt, ist die berechtigte Frage, wer denn nun in der digitalen Zukunft eigentlich meinen Müll abholen kommt?? Na, ich lass mich mal überraschen. – Oder?
Thumbs up!

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