Nine Eleven

10 Sep

So wie vermutlich fast jeder, kann auch ich mich noch sehr genau an den 11. September 2001 erinnern. Bis zum Nachmittag war es ein ganz normaler Spätsommertag und ein ganz normaler Arbeitstag, ohne besondere Vorkommnisse, wie man so schön sagt. Zu der Zeit lebte und arbeitete ich in Köln. Es muss zwischen 15.00h und 16.00h gewesen sein, als eine Kollegin, die an diesem Tag frei hatte, mich in der Firma anrief. An Ihrer Stimme erkannte ich sofort, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste. Vielleicht überwog im folgendem eine Hundertstelsekunde so etwas wie Erleichterung, dass nichts passiert war, was meine Kollegin persönlich betraf. Und vermutlich konnte ich das gerade gehörte sowieso noch nicht einordnen. Ein Flugzeug war also in den Nordturm des World Trade Center geflogen, kurz darauf ein zweites in den Südturm. Niemand könne das Geschehene bis jetzt in einen Zusammenhang bringen, von Terror ist die Rede, Afghanistan, Krieg.
Ich versuchte so unaufgeregt wie möglich unseren Mitarbeitern davon zu berichten. Zu diesem Zeitpunkt hatte noch niemand von diesem Anschlag erfahren. Wenn ich heute daran denke, sehe ich mich selber mit den Kollegen sprechen, als wäre ich nicht selber dabei gewesen, sondern nur ein Beobachter der Situation. Ich weiß noch ganz genau, was jeder Einzelne an diesem Tag anhatte, wo wir standen, wie jeder reagierte, als ich irgendwas von New York, Flugzeug, Terror und Angriff auf die westliche Welt stammelte.

Meine Freundin arbeitete zu der Zeit in einem Büro nur ein paar Hunderte Meter von mir entfernt. Zum gleichen Zeitpunkt hörte sie Radio und hielt die sich dort überschlagenden Berichte über die Terroranschläge zunächst für ein Hörspiel…

Der Neumarkt war an diesem Tag und zu dieser Zeit, wie gewohnt, voller Menschen. Die einen hetzten routiniert durch die City, die anderen bummelten von Geschäft zu Geschäft. Aber das war nicht die einzige Unterscheidung. Einige Zeit lang waren die Menschen da draußen geteilt, in die, die wussten und in die, die noch nicht wussten. Wer zu welchem Teil gehörte, ließ sich leicht an den Gesichtern erkennen.

Am Ticket Schalter von Köln Ticket konnten wir die Live Bilder auf dem dortigen großen Monitor verfolgen, ohne die dazugehörige Berichterstattung allerdings, denn Ton gab es keinen. Vielleicht wirkten die unabgelenkten Bilder so noch intensiver. Eine gigantische Staubwolke, die entsetzte graue Menschen durch die Straßen vor sich herschob. Ich sah immer und immer wieder ein Flugzeug in einen der Türme fliegen, dunkle Punkte purzelten die Stockwerke abwärts, drehten sich…und irgendwann begriff auch ich, die dunklen Punkte waren Menschen, die aus den brennenden Türmen gesprungen waren. In den Tod. Und ich schaute tausende Kilometer entfernt dabei zu.

Niemand konnte damals vorhersehen, was diese Anschläge für Amerika und für die die Welt bedeuten sollten. Nichts wird jemals wieder so sein wie vor 9/11, darin waren sich alle schnell einig. Welche Kriege hätte Amerika geführt? Hätte es ohne 9/11 eine Weltwirtschaftskrise gegeben? Wie würde die Welt heute aussehen? Das kann niemand beantworten und deshalb kann man auch nicht beurteilen, wie groß der Schaden ist, den Bin Laden und sein Terrornetzwerk der Welt tatsächlich angetan hat.
Was es in uns Menschen verändert hat, kann nur jeder für sich beurteilen. Die anfängliche Terrorangst oder das mulmige Gefühl, das sich einstellte, wenn ich durch den Kölner Hauptbahnhof ging oder die Domplatte überquerte, ist relativ schnell verflogen. Dass die Schritte unbewusst schneller wurden, wenn irgendwo eine Tasche alleine herumstand, kann Zufall gewesen sein. Dass man Menschen mit dunklen langen Bärten fortan nicht gerade mit Sympathie bedacht hat…reine Interpretation.
Dass man im Stillen über sein Leben nachdachte und wie schnell es einem entgleiten kann… Realität.
Eine schicksalhafte Verkettung zufälliger Ereignisse kann über unser Leben entscheiden. Menschen haben den 11. September überlebt, weil sie vielleicht an diesem Tag den Bus verpasst haben und zu spät zur Arbeit kamen. Vielleicht hat auch jemand zum ersten Mal in seinem Leben blau gemacht, hatte eine Erkältung oder einen Zahnarzttermin.
Aber es gab sicherlich auch diejenigen, die nur an diesem Tag gearbeitet haben, weil sie vielleicht ihren Urlaub kurzfristig verschoben haben oder für jemand anderen eingesprungen sind.
Schicksalhafte Umstände, wie sie jeden Tag geschehen und bei jedem Unfall oder Unglück auf einmal relevant werden.
Permanent wird unser Leben von kleinen Zufällen oder Ereignissen begleitet. Wir denken, dass wir alles selber bestimmen, unsere Wege und Richtungen planen. Für das, was wir erreichen selbst verantwortlich sind.
Extremsituationen führen uns vor Augen, dass dies nicht so ist! Und vielleicht ist das die größte und eindrucksvollste Erschütterung, die uns persönlich betrifft.

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