Bundesministerin Schroeder und der Feminismus

7 Nov

Unsere Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat gerade aktuell bei Spiegel online ein haarsträubendes Interview zum Thema Feminismus und Frauenbewegung gegeben.

Und ich frage mich ernsthaft, ob die Arme keine vertrauenswürdigen Beraterinnen oder Berater hat, die sie von solchen nachweisbar falschen und darüber hinaus polemischen Aussagen abhalten.

Daher gibt es nur ein Fazit: Setzen, sechs!        

Hier ein paar der Thesen zum Feminismus von Frau Schroeder:

 „Ich glaube, dass zumindest der frühe Feminismus  teilweise übersehen hat, dass Partnerschaft und Kinder Glück spenden“, sagte die CDU-Politikerin dem SPIEGEL.

 Gleich die erste Aussage macht ein wenig sprachlos, ist es doch gerade der frühe Feminismus, der  viel für Gleichstellung und Gleichberechtigung erreicht hat, aber keinesfalls gegen Familie, Partnerschaft oder gar Kinder gerichtet war.

 Und es geht weiter:

Bei ihrer Kritik machte die jüngste Ministerin der schwarz-gelben Bundesregierung auch vor der Ikone der deutschen Frauenbewegung, Alice Schwarzer, nicht Halt. Etliche ihrer Thesen seien zu radikal, sagte Schröder: „Zum Beispiel, dass der heterosexuelle Geschlechtsverkehr kaum möglich sei ohne die Unterwerfung der Frau. Da kann ich nur sagen: Sorry, das ist falsch.“ Sie fügte hinzu: „Es ist absurd, wenn etwas, das für die Menschheit und deren Fortbestand grundlegend ist, per se als Unterwerfung definiert wird. Das würde bedeuten, dass die Gesellschaft ohne die Unterwerfung der Frau nicht fortbestehen könnte.“

Geht’s noch Frau Schroeder? Ich wüsste gerne, wann und vor allem in welchem Zusammenhang Frau Schwarzer sich so geäußert hat. Aber das bleibt sie uns ja schuldig.

Vermutlich ging es bei diesem Thema eher um die Selbstbestimmung der Frauen und eine gewaltfreie Auslebung der Sexualität. Vergewaltigung in der Ehe gab es ja lange offiziell gar nicht und ist erst seit 1997 strafbar.

Hier scheint Frau Schroeder in ihren Gedanken Unterwerfung darauf zu reduzieren, wer beim Sex unten liegt…

Und, by the way, gibt sie uns auch noch Einblicke in ihr konservativ geschärftes politisches  Profil. Familie bedeutet für sie das klassische Vater, Mutter, Kind Modell. Also dürften Fortschritte für homosexuelle Paare, was das Thema Adoption und legale künstliche Befruchtung angeht, nicht zu erwarten sein. Von Akzeptanz erst gar nicht zu sprechen.

Weiter sagt sie:

Es sei ein Fehler einer radikalen Strömung der Frauenbewegung gewesen, Beziehungen zwischen Männer und Frauen abzulehnen, sagte Schröder weiter. „Dass Homosexualität die Lösung der Benachteiligung der Frau sein soll, fand ich nicht wirklich überzeugend.“

Ja, da stimme ich zu. Aber dies war doch auch niemals das Hauptanliegen der Frauenbewegung.  Ob sie sich jemals schon damit beschäftigt hat? Warum befasst sie sich mit einer vielleicht kleinen Strömung des Feminismus, um dagegen zu wettern. Warum spricht sie nicht über die großen Erfolge, wegen derer sie jetzt überhaupt die Möglichkeit hat, Ministerin zu sein. Erfolge wie das Wahlrecht für Frauen, Selbstbestimmung bei der Berufswahl oder Gleichberechtigung in der öffentlichen und gesellschaftlichen Wahrnehmung. Dafür hat sich die Frauenbewegung in erster Linie eingesetzt. Und zumindest ich bin sehr froh darüber.  Daher sollte man auch nicht über DEN Feminismus sprechen, denn DEN Feminismus gibt es gar nicht.

Und sie erklärt weiter:

Die Ministerin lehnt es ab, Frauen im Berufsleben durch staatliche Zwangsmaßnahmen wie Quoten zu fördern. Eine Quote sei auch immer „eine Kapitulation der Politik“. Gleichzeitig wies sie den Frauen eine Mitschuld daran zu, dass sie oft weniger verdienen als Männer. „Die Wahrheit sieht doch so aus: Viele Frauen studieren gern Germanistik und Geisteswissenschaften, Männer dagegen Elektrotechnik – und das hat eben auch Konsequenzen beim Gehalt. Wir können den Unternehmen nicht verbieten, Elektrotechniker besser zu bezahlen als Germanisten.“

Ich kann es nicht fassen, Frau Schroeder kennt ihre eigenen Statistiken hierzu anscheinend nicht. Im Auftrag gegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Diese belegen, dass Frauen in den GLEICHEN Berufen und bei GLEICHER Qualifikation weniger verdienen als Männer. Denn die Statistiker ermitteln selbst bei gleicher Tätigkeit und Qualifikation einen Gehaltsunterschied von 8%. Hierzu gibt es auch einen sehr interessanten Artikel von Miriam Meckel, Professorin für Corporate Communication und geschäftsführende Direktorin am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen: Aliens in Skirts  

Es geht ja nicht um den Lohnvergleich zwischen einer Germanistin und einem Elektrotechniker, oder einer Krankenschwester und einem Arzt. Zumindest nicht an dieser Stelle. Wobei man sich schon die gesellschaftliche Frage erlauben sollte, warum Jobs in sozialen Bereichen z.B. so unterbezahlt und so schlecht angesehen sind.

Aber wie Ministerin sagt, sind Frauen ja selbst Schuld, wenn sie in diesen Berufen landen. Daher brauchen wir die Strukturen ja gar nicht erst hinterfragen. Schon klar!

Aber das allerbeste kommt natürlich zum Schluss, dramaturgisch korrekt. Frau Schröder zum Thema Schule: 

Auch die pädagogischen Inhalte müssten sich ändern. „Mal überspitzt ausgedrückt: Schreiben wir genug Diktate mit Fußballgeschichten? Dafür interessieren sich auch die Jungs. Oder geht es immer nur um Schmetterlinge und Ponys?“

Wie einfach kann die Welt doch sein. Endlich hat jemand den Grund für unsere schulischen Bildungsdefizite, dank langer Recherche, erkannt. Die Diktate in den Schulen sind nicht genderspezifisch genug. Da sag ich doch jetzt optimistisch und frohen Mutes – Pisa, unsere Schülerinnen und Schüler kommen!! Notfalls auf dem Pony geritten und dem Fußball am Fuß (natürlich nur, wenn die Kleinen nicht gerade auf ihrem Weg von süßen Schmetterlingen abgehalten werden…;-))

Auch wenn ich davon ausgehe, dass ihr Weltbild nicht ganz so verfremdet ist, wie es in dem Interview rüberkommt, sollte sich eine Politikerin ihrer Verantwortung bewusst sein, wie mit so unglücklichen und aus dem Zusammenhang gerissenen Äußerungen Stimmung gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen und  Minderheiten gemacht werden kann. Herr Sarrazin lässt grüßen… 

Unsere Zukunft sollte auf Gleichberechtigung und Gemeinschaft aufgebaut sein, also auf Menschen, die sich aus Frauen und Männern aller Facetten zusammensetzen.   

Zur Vertiefung des Themas empfehle ich Frau Schröder schon mal folgende Bücher:

–          Simone de Beauvoir, „Das andere Geschlecht

–          Judith Butler, „Das Unbehagen der Geschlechter

…also einfach mal die Ponybücher beiseite legen…

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5 Antworten to “Bundesministerin Schroeder und der Feminismus”

  1. Christian - Alles Evolution November 8, 2010 um 3:40 pm #

    [Im Bericht]
    „Gleichzeitig wies sie den Frauen eine Mitschuld daran zu, dass sie oft weniger verdienen als Männer.(…)
    [Deine Stellungnahme]
    Denn die Statistiker ermitteln selbst bei gleicher Tätigkeit und Qualifikation einen Gehaltsunterschied von 8%.“

    Dann haben Frauen bei einem theoretischen Gehaltsunterschied von 23% doch wohl eine Mitschuld bezüglich der überstehenden 15 Prozentpunkte oder nicht?

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    • anu72 November 8, 2010 um 8:55 pm #

      Mit Sicherheit liegt es auch teilweise an den Frauen selbst, dass sie nicht selbstbewußt genug fordern oder sich leitende Funktionen nicht zutrauen.Deshalb habe ich mich auch erst mal nur auf die 8% bezogen.Ich finde aber solch eine, nicht mit Zahlen belegte, Generalaussage von Frau Schröder gefährlich und ärgerlich. Es ist einfach nicht lösungsorientiert. Es bleibt nur hängen, ja Frauen sind selbst Schuld, denn sie wollen lieber Germanistik studieren. Es bleibt aber offen, wieviel Prozent der übrigen Frauen schlechter bezahlt sind, weil sie wegen ihrer Familienplanung ein paar Jahre aus dem Job raus waren, niedrigbezahlte Teilzeitjobs annehmen, einen schlechter bezahlten Job annehmen, um näher an Wohnort und damit Kinderbetreuungsort zu sein, einen Job zu geringerem Gehalt annehmen, da sie ihn sonst gar nicht bekommen, da noch ein paar flexiblere Männer als potentielle Jobanwärter parat stehen oder Führungspositionen nicht ausführen, da sie einen nine-to-five-job benötigen, damit die Kinder abends nicht vor Kindergarten rumlungern müssen…
      Die Gründe sind tatsächlich sehr vielfältig. Und genau so, hätte ich mir dazu eine Aussage gewünscht;-)

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  2. Christian November 8, 2010 um 10:34 pm #

    ICh denke sie wollte damit die Aussage zurecht rücken, die sonst kommt und auch nicht sehr vielfältig ist: Frauen verdienen wegen Diskriminierung 23% weniger.

    Die ist ja einfach falsch. Und all das was du da oben anführst ist eben in gewisser Weise auch eine Mitschuld. Viele Frauen entscheiden sich ja ganz bewußt für Kinder statt Karriere und lebend damit nicht unbedingt schlechter.

    Ich halte eine unreflektierte Wiedergabe der 23% für gefährlicher als Schröders Aussage. Denn es ist einfacher für sich selbst zu entscheiden es anders zu machen als sich einem Patriarchat gegenüber zu sehen, dass einem in jedem Fall 23% raubt.

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    • anu72 November 8, 2010 um 11:20 pm #

      Du schreibst:
      „Viele Frauen entscheiden sich ja ganz bewußt für Kinder statt Karriere und lebend damit nicht unbedingt schlechter.“

      Ja, aber für alle Frauen und auch Männer, die Beruf, Karriere und Familie miteinander vereinbaren wollen (und ich denke das wollen die meisten), muss dies ohne Nachteile möglich sein. Und wer soll sich denn dafür einsetzen, wenn nicht die Familienministerin?
      Und wenn es um Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht, betrifft es momentan einfach noch in erster Linie Frauen. Eigentlich sollte es eine der großen Gesellschaftsfragen sein, und nicht nur eine Frauenfrage. Oder nicht?
        

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      • Christian November 9, 2010 um 9:20 pm #

        Es ist eine Frauenfrage, weil Frauen hier Sonderrechte erwarten.
        Männer können schon lange nicht Karriere und Familie vereinbaren bzw. bei ihnen gilt es als „vereinbaren“, wenn sie überhaupt Kinder haben, selbst wenn sie sie kaum sehen.
        Bei Frauen bedeutet vereinbaren aber, dass sie um 17 Uhr nach Hause gehen oder lange zeit aussetzen, ohne das das Konsequenzen hat.
        Das finde ich etwas naiv. Da müßte die gute Frau Schröder schon zaubern können.

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