Hack the Bachelor… oder wie eine Elfe auf rohen Eiern

16 Sep
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Mathematikgebäude TU Berlin – Straße des 17. Juni

Lesezeit: länger

Analoge Disruption

Als ich im August 2013 meine erste Prüfung im Studium Politikwissenschaft, Verwaltungswissenschaft und Soziologie ablegte, da fühlte ich mich schon recht durchgeschüttelt. Mit 41 Jahren stand ich ja schon mitten im Leben, blickte auf eine lange und recht anspruchsvolle Karriere in einem großen Buchhandelsunternehmen zurück und es gab herzlich wenig, was mich bis dato organisatorisch aus der Ruhe hätte bringen können. Im ersten Semester des Bachelor Studiums ging dann allerdings alles sehr schnell – schnell ist ein Adjektiv, das den Bachelor generell bis zum Ende sehr gut beschreiben sollte. Und eh ich mich versah, ich hatte nicht einmal alle Unterlagen gelesen, geschweige denn einmal links und rechts geschaut, da fand ich mich schon in den Tiefen eines wissenschaftlichen Hausarbeits-Textes wieder. In Englisch. Good Morning! 

Den sehr interessanten Aufsatz „Rethinking Conditionality: Turkey`s European Union Accession and the Kurdisch Question“ von Firat Cengiz und Lars Hoffmann bearbeitete und analysierte ich durchaus mit einiger Mühe im gestreckten Spagat, denn im Anschluss musste auch noch ein eigenes Thema ausgewählt und eine Hausarbeit geschrieben werden.

Der Titel meiner kleinen Premieren-Hausarbeit war „Auswirkungen der EU Osterweiterung auf die Roma-Minderheitenpolitik der Europäischen Union“. Ein spannendes Thema. Aber die Zeit ließ keine Spannung zu – höchstens Anspannung. Für jemanden wie mich, der zwar eine Buchhandels-Ausbildung, jede Menge Seminare, Coachings oder Assessment Center absolviert hat, aber keinerlei Erfahrungen mit einem Studium hatte (und die Schulzeit lag nun mal zwanzig Jahre hinter mir),  war diese wissenschaftliche Bearbeitung im Schnelldurchlauf schon eine ordentliche Erschütterung. Eine analoge Disruption sozusagen.

Glücklicherweise hatte ich aber gar keine Zeit zu jammern. Mein altes Leben hatte ich weggekickt, wenn auch mit etwas Wehmut, aber vor allem mit ganz viel Bock auf  Neues. Die „Echokammer Buchhandel“ ist sicherlich die geilste, die ich kenne und bis heute denke ich, es ist wirklich eine Branche, in der mit der größten Leidenschaft und Power gearbeitet wird. Aber wie so oft im Leben, wenn du für etwas mit Haut und Haaren brennst, merkst du erst zu spät, dass das Feuer längst erloschen ist. Und wenn die beschrittenen Wege immer gleich bleiben, lediglich hin und wieder umbenannt werden, dann fühlst du dich nicht nur wie ein Hamster, dann bist du auch irgendwann der Hamster – ein gut verdienender und abgesicherter zwar, aber ein Hamster.

Ada Lovelace mit Taschenrechner

Witzigerweise hatte ich in meinem früheren Job immer Angst vor Verlust. Das zu verlieren, was ich hatte. Und je mehr ich hatte, desto größer wurde dieses belastende Sicherheitsdenken. Aus heutiger Sicht völlig absurd. Nach meiner persönlichen Disruption hat sich das komplett verändert.  Jetzt wo ich selbstständig arbeite und mein Studium ohne Garantien oder doppelten Boden absolviere, mich jederzeit am Abgrund befinden kann, habe ich dieses Gefühl überhaupt nicht mehr. Vielleicht ist es eine Art Selbstschutz, aber dann ist es ein verdammt guter und lebenswerter Mechanismus. Und  die beste Voraussetzung agil zu bleiben und immer wieder nachzujustieren – wie ich mittlerweile gelernt habe – die allerbeste Lebensversicherung, die es gibt.

Die erste Note meines Studiums, mit der ich die allerersten 15 ECTS Punkte einsammeln konnte,  war „Gut“. Ich war also mit einem blauen Auge davon gekommen. Darauf folgten noch zehn weitere Prüfungen, teilweise unter Schmerzen und akutem Schlafmangel. Denn wer schläft, hat im Bachelor verloren. Wer zuckt, der sowieso.

Für die wirklich anspruchsvolle Verwaltungs-Prüfung (und definitiv nicht mein Lieblingsthema) habe ich soviel gelernt, dass ich bei der Klausur im luftleeren Hörsaal vor der letzten Fragen einfach nur noch müde zusammensackte. Nichts ging mehr. Ich hatte alle vorherigen Fragen korrekt beantwortet, wie sich nachher herausstellte, volle Punktzahl. Leider fehlte aus beschriebenen Gründen die letzte Antwort – no points for anybody. Ich bekam ein „Gut“.

Mein größter Erfolg allerdings war unangefochten dieser: die STATISTIK Prüfung. Als das Semester mit dem wohlklingenden Titel „Quantitative Methoden der Sozialwissenschaften“ begann, war ich noch guter Dinge. Kurz darauf allerdings war ich mir sicher, an dieser Stelle wird mein Studium, meine grandiose akademische Laufbahn, definitiv enden. Ich war nicht einmal fähig die Skripte zu lesen, so wenig konnte ich mit den dortigen Zeichen, Bildchen und Formelchen anfangen. Nachdem ich die Reader einige Wochen ignoriert hatte und mein Lebenstraum schon in sich zusammenzusacken drohte, kam meine versteckte Ada Lovelace Seite glücklicherweise doch noch zum Vorschein. Ich kaufte erst einmal einen Taschenrechner, der diese mir selbst noch fremden Zeichen kannte und sogar ganz lange Zahlenkolonnen hinter dem Komma ausspucken konnte. Mission Impossible hatte begonnen und mein privater Coach, mit dem ich bis dahin schon einiges im Leben gemeinsam meistern konnte, brachte mich dank früherer Mathematik-Semester durch dieses statistische Neuland. In den folgenden Monaten wurde in jeder freien Minute gepaukt und gerechnet. Es gab Tränen und Gelächter. Manchmal beides gleichzeitig. Der Kaffeekonsum stieg rapide. Ich saß schon sonntags um sieben am Küchentisch und beschäftigte mich mit Modus, Median & Co. Erstellte Indifferenztabellen und berechnete Chi-Quadrat oder Cramer´s V. Oder den Korrelationskoeffizient nach Bravais-Pearson. Egal wie sie alle hießen, alles wurde nacheinander weggewippt. Nach jeder erfolgreichen Aufgabe schaute meine Frau mich so stolz an, als wäre ich ein Kind, das gerade seine ersten Schritte macht. Und wow! Ich fühlte mich auch so.

Wer einmal einen schönen Selbsterfahrungstrip machen möchte oder einen radikalen Perspektivwechsel im Leben benötigt, der braucht gar keine überteuerten Seminare zu besuchen oder drei Wochen ohne Internet einsam auf einer Alm verbringen. Einfach einen Statistik-Kurs buchen. Bäm!  Ich sammelte meine erforderlichen 15 ECTS Pünktchen ein und bekam die Note „Gut“. Für mich persönlich ist dieser Erfolg eine der wichtigsten Erfahrungen in meinem bisherigen Leben. Geht nicht? Gibt´s nicht mehr.     

Bestnote rocks

Nach diesen teilweise recht zermürbenden Pflicht-Modulen (von der reinen Multiple-Choice-Klausur möchte ich gar nicht erst anfangen) folgte dann im zweiten Teil des Studiums die Kür. Endlich beschäftigte ich mich mit soziologischen Theorien, soziologischen Forschungen, Gesellschaft im Wandel und Politikfeldanalyse. Ich schrieb mich in Hausarbeiten um Kopf und Kragen zu aktuellen Themen wie der Integrationspolitik oder zu zeitdiagnostischen Ansätzen von Zygmunt Bauman und Ulrich Bröckling. Oder analysierte das Zusammenspiel von formalen und informalen Strukturen in Organisationen durch die Brille von Niklas Luhmann und Max Weber in mündlichen Prüfungen. Während der Kür wandelten sich die Noten von „Gut“ in „Sehr gut“. Das letzte Semester schloss ich als Beste mit Bestnoten ab. Wenn ich das hier erwähne, soll das keine Arroganz zum Ausdruck bringen (hallo? Ich bin durch das Statistik Semester noch mit dem Dreirad auf Stützrädern gefahren…), sondern soll zeigen, dass es wirklich absolut nichts gibt, was man nicht schaffen kann. Außerdem ringt es mir selbst oftmals noch Erstaunen ab und dürfte auch einfach denjenigen Mut machen, die vielleicht mit „Ü40“ auch noch einmal etwas Neues wagen wollen oder müssen. Don´t panic! Weiterlesen

Überleben als Kriegsenkel – kleiner Teaser

2 Sep

Keine Schwäche zeigen und immer weiter. Dieses Motto beschreibt mein vorheriges Leben sehr gut – und wie ich mittlerweile erfahren habe, das von vielen anderen meiner Nachkriegsgeneration, die sogenannten Kriegsenkel, auch. Als ich 1994 meine Prüfung zur Buchhändlerin absolvierte, war dieses „immer weiter“ sehr prägnant. Am Vortag meiner Prüfung hatte mein Vater eine schwere Operation. Die Chancen, dass er diese überlebt, waren recht gering. Das weiß ich auch nur, weil ein ehemaliger Schulfreund von mir zu dieser Zeit auf der Intensivstation des Krankenhauses ein Praktikum im Zuge seines Medizinstudiums machte. Die Information habe ich aber dann doch für mich behalten. Ich verbrachte mit meiner Mutter lange Zeit im Krankenhaus. Als ich endlich nachts in meiner kleinen Einzimmerwohnung ankam, um noch ein paar Stunden vor der Prüfung zu schlafen, kam mein Bruder spontan vorbei. Er hatte zu dieser Zeit gerade kein gutes Verhältnis zu meinem Vater. Wir tranken Bier. Wir redeten über die blaue Blume bei Novalis und meinen Vater. Zwischendrin schaute ich auf die Uhr, wie viele Stunden ich noch schlafen könnte, wenn ich jetzt schlafen würde. Irgendwann hatte sich das erledigt. Um sechs kochte ich Kaffee, ging duschen und fuhr zur Prüfung. Mit dem Taxi. Zum Autofahren war ich noch zu betrunken.

An die Prüfung kann ich mich dann auch nicht mehr wirklich erinnern. Es waren drei Prüfer, die vorne recht bedrohlich in einer Reihe saßen. Ich weiß nur noch, dass ich ständig an das Kölner Dreigestirn denken musste. Das machte das Nachdenken über mögliche Antworten, zusätzlich zum Schlafmangel und Rest-Pegel, nicht gerade einfacher. Bei mündlichen Prüfungen ist es so, dass einem das Ergebnis nach kurzer Beratung gleich mitgeteilt wird. Während das Dreigestirn beratschlagte, wartete ich im Flur. Schon nach kurzer Zeit weckten sie mich auf, um mir meine Prüfungsnote mitzuteilen. Ich bekam eine glatte zwei. Auf dem Heimweg habe ich gekotzt. Zuhause reichte die Zeit gerade noch für eine zweite Dusche und Zähneputzen, dann fuhr ich mit dem Auto meine Mutter abholen, um mit ihr wieder ins Krankenhaus zu fahren. Meine Mutter hat keinen Führerschein, auch das ist eher typisch für Mütter meiner Generation. Vom Krankenhaus hatte noch niemand angerufen, das war immerhin ein gutes Zeichen.

 

Die Zukunft ist sehr wahrscheinlich

1 Sep

Martin Weigert hat für  das Online-Magazin „t3n“ gerade eine Kolumne geschrieben (Weigerts-World-Kolumne), in der er acht bahnbrechende digitale Technologien auflistet, die in den nächsten Jahren vermutlich unser Leben, unsere Gesellschaft und die Wirtschaft am meisten beeinflussen und verändern werden.  

Alle diese Trends, die besonders relevant sein könnten, sind  gerade in der Öffentlichkeit sehr präsent, ob es die „angedrohten“ Liefer-Drohnen, Elektromobilität, 3D-Druck oder die erweiterte Realität (Augmented Reality) ist, die gerade durch Pokémon Go einen ganz besonderen Schub erfahren hat.  

Was mich aber an der Kolumne nachhaltig beeindruckt hat, ist die Herangehensweise, diese Trends gemeinsam zu denken, denn nur dies ergibt einen Sinn und lässt eine Vorstellung, was diese Technologien für unsere Gesellschaft in Zukunft bedeuten, überhaupt erst zu. Und dies ist ein wichtiger Anstoß, den dieser Text liefert, der meiner Meinung nach viel zu selten in der öffentlichen Debatte vorkommt.

Meistens werden diese Technologien separat betrachtet, oft in Bezug auf große Unternehmen und Monopolisten. Und noch öfter werden damit Ängste geschürt, beispielsweise, dass diese disruptiven Technologien unsere Jobs rauben. Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja ein neues Jobwunder, weil wir in einer virtuellen Welt unser Geld mit dem Jagen von Pokémons verdienen. Wer möchte da noch schwere Pakete schleppen?  

„Schon eine der genannten Technologien genügt, um etablierte Strukturen aus den Angeln zu heben.“

Und wer will dann eigentlich noch vorhersagen können, was dann passiert? Denken können wir das Ganze nur aus den jetzigen Rahmenbedingungen heraus, wie diese sich dann aber verändert haben werden, das lässt sich nur schwer erahnen. Aber worauf dieser Text ziemlich zurecht  hinweist ist, dass es ja definitiv Interdependenzen zwischen diesen Technologien gibt. Setzt sich autonomes Fahren durch, benötigen wir vermutlich keine Liefer-Drohnen mehr, rennen wir in einer virtuellen Parallelwelt herum, dann benötigen wir vielleicht nicht einmal mehr selbstfahrende Fahrzeuge. Diese Auseinandersetzung mit möglichen Interdependenzen eröffnet auf einmal ganz neue Denkräume.

Das zeigt, dass zum einen unser eindimensionales und wenig disruptives Denken an dieser Stelle selbst den Hauch einer Prognose verhindert, aber auch die Tatsache der Unwissenheit darüber, welche Technologie sich denn zuerst durchsetzt, und damit wieder ganz neue Voraussetzungen schafft. Und da ist ein Spiel wie Pokémon Go ein sehr guter Indikator, der zaghaft andeutet, welche Auswirkungen alleine eine in der Gesellschaft verankerte Augmented Reality haben könnte, die sich dann aber nicht nur auf unsere Freizeitgestaltung bezieht.

Martin Weigert schreibt „Die nächsten Jahre werden verrückt – wie verrückt, entscheiden diese Technologien“. Und damit auch wir, denn wir entscheiden, welche Neuerungen sich durchsetzen, denn einige dieser Technologien waren in verschiedenen Formen schon auf dem Markt und sind auch wieder verschwunden. Entscheidend wird sein, ob und wie schnell sie sich in unserem Alltag verankern.

Dazu passt ja auch irgendwie der aktuelle Hype um Amazons  neuen Dash-Button (IoT). Dieser ist ja nun wirklich kein besonders innovativer Service-Button. Ganz im Gegenteil erinnert er doch eher an den Notfall-Knopf im Krankenhaus, wo das Pflegepersonal mir ein Schmerzmittel bringt, wenn ich ihn drücke. Eigentlich soll dieser Dash-Button aber unsere persönlichen Daten sammeln, auf deren Grundlage uns  Amazon die Produkte dann zukünftig schickt, bevor wir überhaupt ahnen, dass diese gerade zu Neige gehen. Das ist dann schon eher innovativ, was weitergedacht ganz entscheidend unseren Alltag und unser Denken  beeinflussen wird.

Und aus meiner Buchhandels-Sicht könnte mir vielleicht bald – ganz ohne Bestellung – ein neues Buch geschickt werden, welches einzig auf der Datenbasis meines Leseverhaltens der zuvor gelesenen Bücher basiert. Denn mein „Fitness- Schlaf- und Emotionen-Tracker“ weiß dann ganz genau wie mir ein Buch gefallen hat, vermutlich noch bevor ich mir selbst eine Meinung darüber gebildet habe. Und die Buchhändlerin oder der Buchhändler fangen derweil Pokémons ein. Oh wait!

 

Die Burka muss in den Kleiderschrank…

22 Aug

zumindest wenn ihre Trägerinnen in Deutschland zukünftig öffentliche Einrichtungen wie Ämter und Gerichte besuchen wollen oder ein Fahrzeug im Straßenverkehr steuern möchten dürfen. Vergehen sollen künftig, wie es in der „Berliner Erklärung“ heißt, als Ordnungswidrigkeit geahndet werden. Ein generelles Burka-Verbot, das einige Innenminister der Union im Vorfeld forderten und wie es beispielsweise in Frankreich, im Tessin und in Belgien gilt, ist in dem Forderungskatalog für mehr „Innere Sicherheit“ und Integration“ dann doch nicht eingeflossen.

Auch wenn ich das Tragen einer Burka schrecklich finde und den dahinterstehenden Gedanken der Unterdrückung ziemlich verabscheue, halte ich ein generelles Verbot von Vollverschleierung nicht für richtig – in der jetzigen Situation sogar für ein sehr gefährliches Signal.

In einer freien und demokratischen Gesellschaft sollten wir solche Symbole, die für die Unterdrückung der Frauen stehen, natürlich wirklich nicht billigen. Andererseits hängt die Burka aber in der aktuellen Debatte eher als Symbol für islamistischen Terror, Fremdenhass und Ausgrenzung am Haken – was natürlich völliger Humbug ist. Aber ein Verbot zum jetzigen Zeitpunkt würde genau diesen Eindruck verfestigen und indirekt all denen in die Hände spielen, die sowieso gerade gerne alles Fremde in unserer Gesellschaft ausgrenzen möchten. Und das hat genauso viel oder wenig mit einer freien Gesellschaft zu tun wie das Tragen der Burka selbst.

Ängste schüren durch Symbolpolitik

Im kürzlich vereinbarten Integrationsgesetz wurden viele Integrationsmaßnahmen und Sanktionen unter der Maxime des „Förderns und Forderns“ verabschiedet, die das Zusammenleben von Deutschen und Ausländern in unserer Gesellschaft gewährleisten sollen.

Schon hier wurde viel mit Symbolpolitik gearbeitet, um den starken, sicheren und deutschen Staat zu demonstrieren. Auch in diesem Gesetz ist einiges kritikwürdig, aber auf diese Grundlage könnte man nun also erst einmal vertrauen und dafür sorgen, dass auf beiden Seiten alles getan wird, damit unsere Gesellschaft die Integrationsaufgaben bewältigt und am Ende vielleicht sogar davon profitiert.

Stattdessen möchte man aus politischem Kalkül heraus Ängste schüren und an eh schon schwachen Mitgliedern der Gesellschaft ein Exempel statuieren, um sich für die nächsten Wahlen in Position zu bringen. Dafür wird in Kauf genommen, dass die Frauen bei einem Verbot noch mehr Hass ausgesetzt sind – quasi legitimiert – wie Erfahrungsberichte aus Frankreich und Belgien zeigen. Wenn in Frankreich heute Frauen die Burka ablegen, dann nicht wegen des Gesetzes oder dem drohenden Bußgeld (das in Frankreich sogar mehrheitlich von einem reichen Geschäftsmann übernommen wird), sondern weil sie Angst vor den pöbelnden Mitmenschen haben. Ob dies so im Sinne des Erfinders einer offenen Gesellschaft ist, weiß ich jetzt auch nicht.

Wir pflegen generell einen recht verschleierten Umgang miteinander

Die Burka verhindere Integration und Kommunikation, so heißt es von den Verbotsbefürwortern. Das mag durchaus so sein. Unsere Gesellschaft selbst verhindert aber auch Integration und Kommunikation. Wir tun gerade so, als würden wir unsere Mitmenschen und Migranten an jeder Stelle mit unserer Offenheit überfallen, mit Ihnen an der Ampel Blickkontakt haben, beim Bäcker quatschen und am Fahrkartenautomaten unsere Hilfe anbieten. Und nur bei denen, die eine Burka tragen, können wir diese kommunikative Herzlichkeit nicht anbringen, weil wir ihre Gesichter nicht sehen.

Wenn meine Ü80-Eltern bei mir in Berlin zu Besuch sind, dann bin ich oft froh, wenn ich sie einigermaßen unbeschadet durch die Stadt bringe. Denn die Gefahr, dass sie in der Menge einfach umgerannt werden ist sehr groß, und dies obwohl man ihre älteren Gesichter durchaus sehen kann, in denen dann auch meist blanke Panik abzulesen ist – wenn sich jemand die Mühe machte, in ihre Gesichter zu schauen.

Ich denke, wer ehrlich darüber nachdenkt, wird feststellen, dass wir auch ohne Vollverschleierung einen ziemlich verschleierten Umgang miteinander pflegen. Warum wir nun auf einmal alle unbedingt mit den bisher relativ unsichtbaren Burka-Trägerinnen Face-to-Face kommunizieren wollen, ist mir tatsächlich etwas rätselhaft. Fangen wir doch einfach schon einmal damit an: Gesichter zeigen und Gesichter wahrnehmen.

Gesellschaft der Abschottung

Wir sind mittlerweile eine Gesellschaft der Abschottung geworden und identifizieren uns aktuell eher dadurch, was wir nicht wollen: kein Europa, keine Globalisierung, keine Handelsabkommen, keine Herausforderungen, kein Risiko, keine Flüchtlinge, keine Fremden, keine Burka.

Aber was wir wollen ist dagegen nicht ganz so klar, im Großen und Ganzen gilt es wohl den Status Quo zu erhalten. Das mag bequem sein, und selbst wenn es überhaupt ginge, wäre dies auf Dauer sehr rückschrittlich, ungerecht und extrem langweilig.

Es soll ungefähr hundert bis zweihundert Burka-Trägerinnen in Deutschland geben. Ein Verbot wäre also eine Lösung für ein Problem, das hier kaum existiert, dafür aber hohe Symbolkraft ausstrahlt. Dass die Vollverschleierung ein Zeichen für die patriarchalen Strukturen ist, diese Frauen kaum eigene Rechte haben, weder arbeiten noch Autofahren dürfen, all das ist bittere Wahrheit. Durch ein Verbot wird sich daran weder hier noch in der arabischen Welt irgendetwas ändern.

Freiheit leben und pflegen, Vorbild sein für Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen und sich nicht vor jeden populistischen Karren spannen lassen, der gerade vorbeifährt – das wären gute Zeichen für eine lebendige und freie Gesellschaft.

Das Thema „Burka“ sollte aber erst einmal wieder in den Schrank.

 

Rule Britannia: Sklave der Demokratie?

24 Jun
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Quelle: The Economist

Am Tag nach dem Referendum der Briten zum Brexit gab es ein böses Erwachen – und zwar im wahrsten Wortsinn. Am Donnerstag Abend ging ich noch mit einem guten Gefühl schlafen – eine YouGov-Nachwahlbefragung sagte eine knappe Mehrheit für den EU-Verbleib hervor. 52 Prozent gegen und 48 Prozent für den Brexit. 

Nur sechs Stunden später hatte sich diese Prognose allerdings in ein genau umgedrehtes Wahlergebnis verwandelt, was der erste Blick auf das Smartphone zwar noch verschwommen, aber deutlich zeigte. Über Nacht ist Großbritannien aus der EU ausgetreten, demnach stimmten 51,9 Prozent für den Brexit und „nur“ 48,1 Prozent für den Verbleib in der EU.

Was war passiert?

Die Briten wollen die EU verlassen, sollen sie also gehen, so könnte ein kurzes Fazit aussehen, damit man mit der Abwicklung zügig beginnen kann. Allerdings: Nur die eine etwas gering größere Hälfte der Wähler will tatsächlich die Abspaltung, die etwas gering kleinere Hälfte der Wähler wäre lieber Teil der Europäischen Gemeinschaft geblieben. Und die Schotten (62 Prozent) und die Nordiren (55,8 Prozent) mehrheitlich noch viel lieberer.

Was war also tatsächlich passiert über Nacht? Die Demokratie in unserer Gesellschaft hat einen sehr faden Beigeschmack bekommen. Denn ist das wirklich Demokratie, wenn eine Mehrheit von nur einer Millionen Menschen über so gravierende Veränderungen für die Allgemeinheit bestimmt mit noch graviererenden Auswirkungen für die Zukunft des Einzelnen? Das gilt übrigens für den umgekehrten Fall genauso. In jedem Fall kann einem da Angst und Bange werden, auch für zukünftige Entscheidungen hier in unserem Land. 

46 Millionen Wahlberechtigte waren aufgerufen über Brexit or not abzustimmen. Bei einer Wahlbeteiligung von 72 Prozent haben 33 Millionen Briten dieses Wahlrecht wahrgenommen. Davon haben etwas mehr als 17 Millionen Wähler für den Brexit gestimmt und knapp 16 Millionen dagegen. Und unglaublichen 12.880.000 Briten war es egal, sie haben erst gar nicht gewählt. Das mag vielleicht demokratisch sein, aber ist das auch nur ansatzweise gerecht? Ein kleiner Teil bestimmt für alle, Alte verbauen die Zukunft der Jungen und Nichtwähler entscheiden für Wähler.

Direkte Demokratie ja – aber mit klarem Quorum

Meiner Meinung nach zeigt dieses Referendum zum Brexit eines deutlich: Eindeutige Quoren müssen her für Abstimmungen von solcher Tragweite – einfache Mehrheiten dürfen da einfach nicht ausreichen.

Denn ein Ergebnis, das aufgrund der Befragung der Bevölkerung eigentlich eine besonders hohe Legitimität haben sollte, verliert diese, wenn bei genauerer Betrachtung die Wünsche eines kleineren Teils der Bevölkerung so immense Auswirkungen auf alle hat. Gesellschaftliche Risse sind vorprogrammiert.

Vorstellbare Eckpunkte wären eine notwendige Zweidrittelmehrheit bei einer Wahlbeteiligung von 80 Prozent. Wird dies nicht erreicht, so ist das Referendum gescheitert.

Darüber sollten wir uns dringend Gedanken machen, bevor jetzt schon der ein oder andere Politiker seine Glückseligkeit in zukünftigen Referenden sieht und 51 Prozent der Deutschen beispielsweise dafür sorgen, dass wir in nationalstaatliche Kleingeistigkeit verfallen oder Ausländer, Andersgläubige und homosexuelle Menschen in diesem Land höchst demokratisch diskriminiert werden dürfen.

23 Millionen deutsche Wählerinnen und Wähler könnten über die europäische Zukunft von 64 Millionen deutschen Wahlberechtigten und 82 Millionen deutschen Menschen entscheiden. Das ist eher nicht die Stimme eines Volkes!

Rule Britania!
Britannia rule the waves.
Britains never, never, never shall be slaves?

Ohne Frauenquote in der Politik wird es keine Gleichberechtigung geben

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„Wann wird ein Text wie dieser, in dem es wieder einmal um die Problematik der Geschlechtergerechtigkeit gehen wird, endlich überholt und überflüssig sein?“ So beginnt die Soziologin Maria Funder ihren Text „Geschlecht und Wirtschaft: Wandel in Sicht?“, den ich kürzlich gelesen habe.

Und tatsächlich – es ist schon sehr erstaunlich, wie sehr entweder das Grundgesetz ignoriert oder als zementiert betrachtet wird, wenn es um das Thema Gleichstellung geht. Um die tatsächliche Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu verhindern, wird gerne mit dem Grundgesetz argumentiert, denn die Ehe für alle würde dem Schutz von Ehe und Familie, wie es im Grundgesetz verankert ist, entgegenstehen. Auf solche Gedankengänge muss man auch erst einmal kommen. Geht es aber dagegen um die Gleichstellung der Geschlechter in allen Lebensbereichen, dann wird das Grundgesetz seit Jahrzehnten gnadenlos ignoriert. Dort steht nämlich in Art.3, Abs.2 geschrieben:

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung  der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.  

Und bevor man überhaupt einen Blick in Gesellschaft und Wirtschaft wirft, reicht schon ein Blick auf das System Politik selbst, um zu erkennen, dass dieser Grundsatz nicht einmal dort umgesetzt wird. Der überwiegende Teil der Parteien pfeift auf feste Frauenquoten und paritätische Zusammensetzungen gewaltig, ignoriert also höchstselbst das sonst so gerne zitierte Grundgesetz, wenn es um die Verhinderung von ungeliebten Forderungen geht. Wen wundert es da noch, dass Geschlechtergerechtigkeit in Richtung Wirtschaft nur lapidar und dazu noch ziemlich flexi eingefordert wird.

Aber bleiben wir doch bei der Politik selbst. Erst als 1983 Die Grünen mit einer gerechten Frauenquote von 50 Prozent in den Bundestag einzogen, fühlten sich andere Parteien überhaupt erst ein ganz klein wenig bemüßigt über Gleichberechtigung in ihren eigenen Reihen nachzudenken. Vermutlich hatten sie etwas Angst, dass ihnen diese moderne Partei mit ihren T-Shirts, Turnschuhen und Frauenquote doch etwas gefährlich werden könnte. So ließ sich die SPD zu einer Quote von 33 Prozent (erst viel später dann immerhin 40 Prozent) hinreißen und die CDU legte ein unverbindliches Quorum von 33 Prozent fest. Die FDP hält eine Frauenquote erst gar nicht für nötig. Über die Umsetzung und den Willen zur Umsetzung braucht man wirklich nicht viel zu diskutieren, wir haben den politischen Betrieb ja gut vor Augen. Und Frauen in Führungspositionen in den Parteien sind allerdings noch deutlich unterpräsentierter, und zwar auf allen Ebenen. Da kann auch eine Frau als Bundeskanzlerin nicht darüber hinwegtäuschen.

Wer sich jetzt immer noch darüber wundert, dass in der Wirtschaft der Anteil von Frauen auf niedrigem Level verharrt und auch das gesellschaftliche Frauenbild sich nur schwer verändert, der werfe bitte die ersten High Heels. Aber bitte nur werfen, wer sich das auch wirklich leisten kann, denn der Gender Pay Gap, also der durchschnittliche Unterschied des Bruttostundenverdienstes von Frauen und Männern, taumelt in den letzten zehn Jahren konstant zwischen 22 und 23 Prozent. An dieser Stelle einfach noch einmal auf das Grundgesetz schauen und sich erneut über dessen Missachtung wundern, denn selbst bei gleicher Arbeit und gleicher Qualifikation liegt der prozentuale Unterschied noch bei 7 Prozent! Wie nennt man das noch gleich? Ach ja, Diskriminierung.

Stören tut das Ganze allerdings wenige, nur etwa ein Drittel der Männer sieht überhaupt noch Handlungsbedarf bei der Gleichberechtigung von Mann und Frau, die anderen halten die Gleichstellung schon für eine ziemlich abgeschlossene Kiste. Keine guten Voraussetzung also, dass sich hier Bahnbrechendes verändert. Und eines ist klar, solange sich innerhalb der Parteien keine paritätischen Aufteilungen durchsetzen, werden diese auch nicht in Wirtschaft und Gesellschaft stattfinden. Denn so wie Parteien als Gatekeeper eine größere Frauenrepräsentanz verhindern, so sind es in der Wirtschaft männlich geprägte Organisationskulturen und Netzwerke, die Frauen in Führungspositionen oder einflussreichen Jobs zu verhindern wissen. Und wo Frauen in Politik und Wirtschaft fehlen, da wird sich auch in der Gesellschaft kein wirklich gleichberechtigtes Frauenbild verankern.

Tatsächlich bin ich für gleichberechtigte Frauenquoten in allen Bereichen. Allerdings bin ich der Meinung, dass zunächst die Politik selbst Veränderungen anstreben sollte. Wie man es wirklich ernst meinen kann, zeigt beispielsweise ein Blick nach Frankreich. Dort wurde ein Paritätsgesetz erlassen, das eine Frauenquote zumindest bei den Kommunalwahlen festlegt. Demnach müssen die Parteien zu den Kommunalwahlen einen Frauenanteil von 50 Prozent auf den Wahllisten vorweisen, um zu den Wahlen überhaupt zugelassen zu werden, was dazu führte, dass sich die Frauenrepräsentanz in den französischen Kommunalparlamenten von 1995 zu 2008 nahezu verdoppelte. Dieser Prozess zeigt, dass nicht nur die festgelegten Quoten zur Steigerung der Frauenrepräsentanz geführt haben, sondern besonders auch die Sanktionen, die bei Nichteinhaltung eintreten. Denn den männlichen Politikern ist vermutlich nur deshalb daran gelegen, die Kandidatinnenquote auch einzuhalten, da die Partei ansonsten gar nicht erst zur Wahl zugelassen wird.

Es wäre also langsam an der Zeit, dass auch in der deutschen Politik innovative Maßnahmen zur Erhöhung des Frauenanteils getroffen werden, denn nur so können auch die Interessen von Frauen – gut der Hälfte der Bevölkerung – wirklich vertreten werden, und damit auch das Grundgesetz eingehalten werden.  

Ansonsten finde ich, sollten wir Frauen bei den nächsten Wahlen einfach mal unsere geballte Macht ausspielen und nach Kriterien der Gleichberechtigung wählen. Und zwar nicht, wie sie von den Parteien von anderen gefordert wird, sondern wie sie von den Parteien intern selbst umgesetzt wird. Ich könnte mir vorstellen, dass dann schnell Frauenbewegung in den Politikbetrieb kommt.

Gesellschaft im Wandel

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Ist die Subjektivierungsfigur des unternehmerischen Selbst ein Produkt der flüchtigen  Moderne? – ein Vergleich der zeitdiagnostischen Ansätze Zygmunt Baumans und Ulrich Bröcklings.

In unserer Gesellschaft haben sich in den letzten Jahren große Umbrüche vollzogen, mit spürbaren Auswirkungen auf sämtliche Lebensbereiche. Ob es sich um politische Veränderungen und Krisen, Folgen der Globalisierung oder umfängliche Prozesse in Bezug auf die Digitalisierung handelt, immer hat dies auch Einfluss auf das gesellschaftliche Zusammenleben, unsere Arbeitswelt, soziale Beziehungen und auf die einzelnen Individuen.

In unserer Gegenwartsgesellschaft herrscht immer mehr das Gefühl, dass sich so einiges verändert hat, und dass diese Veränderungen  nicht unbedingt positiv für den Einzelnen sind. Es entstehen Unsicherheit und auch Ängste, denn die Veränderungen erscheinen oftmals so diffus, dass man sie nur schwer greifen oder gar belegen kann.

Daher möchte ich mich in der vorliegenden Arbeit näher mit den Theorien der Gegenwartsgesellschaft von Zygmunt Bauman und Ulrich Bröckling beschäftigen. In Abgrenzung zur Moderne spricht Bauman von der heutigen „flüchtigen Moderne“ und Bröckling vom „unternehmerischen Selbst“ als Leitbild der Gegenwart.

Mein Interesse gilt diesen beiden Theorien, da sie sich mit aktuellen sozialen Phänomenen beschäftigen. Denn für das Individuum ist nicht mehr der eine Weg zur Erreichung eines bestimmten Ziels ersichtlich, die Verantwortung für Erfolg oder Misserfolg, für Gelingen oder Scheitern liegt bei dem Einzelnen selbst. Wie und warum ist es zu dieser Verlagerung gekommen und welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf die Individuen? Dies ist durch die verschiedenen Perspektiven der Theorien zu betrachten.

Die Arbeit beschäftigt sich aus diesem Grund mit folgender Fragestellung: „In welcher Weise lässt sich ein Zusammenhang feststellen, zwischen der Auflösung der festen Ordnung, wie sie Zygmunt Bauman in seiner Theorie der „flüchtigen Moderne“ beschreibt und  der Subjektivierungsfigur, wie sie Ulrich Bröckling mit dem „unternehmerischen Selbst“ darstellt?“

Ziel der Arbeit ist es, zunächst die Perspektiven der beiden Theorien einzeln zu beschreiben und sie im nächsten Schritt, mit Blick auf die Fragestellung, zu vergleichen und zu diskutieren. An dieser Stelle lässt sich vorwegnehmen, dass durch den Vergleich ersichtlich werden wird, dass wesentliche Merkmale der „flüchtigen Moderne“ die Eigenschaften des „unternehmerischen Selbst“ durchaus verstärken. Dieses allerdings als Produkt der „flüchtigen Moderne“ anzusehen, würde dem Aspekt des Regierens und Sich-selbst-Regierens zu wenig Bedeutung beimessen.

Zygmunt Bauman[1] setzt mit seiner Theorie der „flüchtigen Moderne“ bei der Auflösung der festen Ordnung an. Die Gegenwartsgesellschaft ist durch Deregulierung und löchrige Sicherheitsnetze gekennzeichnet, wo Menschen, die der Gesellschaft keinen Nutzen mehr bringen, wie beispielsweise Kranke und Arbeitslose, aus der gesellschaftlichen Ordnung herausfallen und soziale Beziehungen nur noch oberflächlichen Charakter haben. In einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ aus dem Jahre 2005 beschreibt Bauman unsere heutige Gesellschaft folgendermaßen:

„Wir leben heute in der flüchtigen oder flüssigen Moderne, wie ich sie nenne, in Konsumgesellschaften, in denen menschliche Beziehungen auf flüchtigen Genuss beschränkt sind. Menschen sind nur so lange wertvoll, wie sie Befriedigung verschaffen. (…) Die Überflüssigen fallen aus dem Klassensystem, aus jeder gesellschaftlichen Kommunikation heraus und finden nicht wieder hinein“ (Interview: Wenn Menschen zu Abfall werden 2005, S.2-3).

Der Einzelne wird immer mehr dem freien Markt ausgeliefert, der Staat zieht sich  als ordnende Instanz zurück und Organisationen sowie Institutionen verlieren an Bedeutung. Die Bewältigung von Ambivalenzen wird privatisiert und den Individuen überlassen, die gezwungen sind Entscheidungen zu treffen, obwohl Ihnen die Grundlage für ihre Entscheidungswahl fehlt (vgl. Bonacker 2014, S.174-175).

Ulrich Bröckling[2] spricht in Bezug auf das Leitbild des „unternehmerischen Selbst“ vom „Regime der Subjektivierung“. Der Einzelne ist angehalten, sich permanent weiterzuentwickeln und zu optimieren, um in der Gesellschaft bestehen zu können. Dies ist nötig, da soziale Sicherheitsnetze wegfallen, ein Ende des Optimums ist nicht in Sicht und auch nicht vorgesehen.

So beschreibt er beispielsweise:

 „dass die gegenwärtige Ökonomisierung des Sozialen den Einzelnen keine Wahl lässt, als fortwährend zu wählen, zwischen Alternativen freilich, die sie sich nicht ausgesucht haben: Sie sind dazu gezwungen, frei zu sein“ (Bröckling 2007, S. 12).

Bröckling erweitert im Anschluss an  Michel Foucault „den Begriff des Regierens über die Sphäre staatlicher Interventionen hinaus und bezieht ihn auch auf andere Formen planvollen Einwirkens auf menschliches Handeln“ (Bröckling 2007, S.9). 

[1] Zygmunt Bauman (geb.1925), der 1939 vor den Nazis in die Sowjetunion flüchtete, hatte als polnisch-britischer Soziologe von 1971-1990 den Lehrstuhl für Soziologie an der University of Leeds inne. Er wurde mit dem Amalfi-Preis und dem Theodor-W.-Adorno-Preis ausgezeichnet und erhielt 2014 den Preis für sein Lebenswerk von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.

[2] Ulrich Bröckling (geb.1959) ist als Professor für Kultursoziologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg tätig.

Wer sich für meine Analyse interessiert, der kann hier meine komplette Hausarbeit als PDF-Dokument kostenlos herunterladen:

Ist die Subjektivierungsfigur des unternehmerischen Selbst ein Produkt der flüchtigen Moderne? – ein Vergleich der zeitdiagnostischen Ansätze Zygmunt Baumans und Ulrich Bröcklings.

AfD schürt Hass – zur Belohnung gibt´s Millionen Kreuzchen

6 Mai

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Die Alternative für Deutschland (AfD), die sich auf dem Nährboden der Euro-Rettungspolitik gegründet hat, und mittlerweile zur Anti-Islam Partei mutiert ist, kann sich über mangelnden Zuspruch durch die WählerInnen nicht beklagen – obwohl sie sich ansonsten ja gerne beklagt, besonders über Phänomene, die von der Norm einer Gesellschaft der 60er Jahre abweichen.  

Die menschenverachtenden und auch mausgerutschten Aussagen der AfD-PolitikerInnen lassen sich, ohne besonders lange zu überlegen, als eindeutig rechtspopulistisch kategorisieren. Hinzu kommen Themen aus dem aktuellen  Leitantrag zum Grundsatzprogramm der Partei, die keinen Zweifel daran lassen, wie nationalistisch und rückwärtsdenkend sie sind. Ein paar Forderungen sind: Deutsche Leitkultur statt Multikulti, die deutsche Sprache als Zentrum unserer Identität, der Islam gehört nicht zu Deutschland, Moscheen verbieten, Vollverschleierung verbieten, Gender-Forschung abschaffen, Leistungsbereitschaft und Disziplin stärken, Geschlechterquoten abschaffen und verehelichte Vater-Mutter-Kind-Norm-Familien stärken.

Viel Zirkeltraining, wenig Spaß

Wer das liest, dem wird sofort schlecht, möchte man meinen. Das klingt nämlich alles nach reichlich Verboten, merkwürdiger Menschenfeindlichkeit, viel Zirkeltraining und sehr wenig Spaß. Aber das Gegenteil ist der Fall: mit jeder rassistischen, nationalistischen, verbotserklärenden und homophoben Äußerung erhält die AfD noch weitere Anhänger.

Laut der aktuellen Sonntagsfrage zur politischen Stimmung im Land von infratest dimap liegt die AfD bundesweit momentan bei 15 Prozent. Man lese sich obige Programmforderungen durch und lasse diesen Umfragewert einfach auf sich wirken. Das passt einfach nicht zusammen in einer modernen und aufgeschlossenen Gesellschaft. Unter den Teppich kehren lassen sich diese Zahlen allerdings nicht, es bleibt zu vermuten, dass sie sogar noch weiter steigen werden. Aber was bedeuten 15 Prozent? Bei ungefähr 64 Millionen Wahlberechtigten in Deutschland würden 15 Prozent bedeuten, dass gut 9 Millionen BürgerInnen AfD wählen würden. Geht man von einer Wahlbeteiligung von 73 Prozent (Bundestagswahl 2013) aus, dann wären es gut 7 Millionen AfD WählerInnen unter uns.

Es geht also nicht mehr um ein paar Hundert versprengte AfD-Partei-Nationalisten, die es zu beschimpfen gilt. Das Desaster ist weitaus größer. Ich glaube nicht daran, dass die Partei einen rechten Mob in bald zweistelliger Millionenhöhe in Deutschland aufgeweckt hat. Das spielt aber auf dem Wahlzettel keine Rolle, da ist es relativ egal, ob das Kreuz bei der AfD ein gedankliches Hakenkreuz ist oder nicht. Wenn die Partei in dieser prognostizierten Stärke gewählt wird, dann wird sie dies für sich zu nutzen wissen.

Warum sind die WählerInnen mit der aktuellen Politik und gesellschaftlichen Lage so unzufrieden?

In dieser Frage liegt die Wahrheit irgendwo begraben. Allerdings sehe ich bis jetzt niemanden, der gewillt ist einen Spaten in die Hand zu nehmen, um nach ihr zu graben. Lieber versucht man mit reichlich Beschimpfungen die Frage zu vernichten – das wird aber nicht gelingen.

Der Soziologe Zygmunt Bauman beispielsweise beschäftigt sich seit vielen Jahrzehnten mit den Ursachen von gesellschaftlichen Veränderungen.

Er setzt mit seiner Theorie der „Flüchtigen Moderne“ bei der Auflösung der festen Ordnung an. Dies führt zu Deregulierung, geringerer Sicherheit und Ängsten, aber auf der anderen Seite scheinbar auch zu mehr Freiheit und Individualität in einer kontingenten Welt der grenzenlosen Möglichkeiten, in der sich für das Individuum der soziale Bezugsrahmen immer mehr auflöst. Der Staat liefert den Einzelnen dem freien Markt aus, das staatliche Sicherheitssystem wird abgebaut und Flexibilität gefordert.

Freiheit ist also nicht mehr nur der große Spaß alles zu dürfen, sondern die große Angst alles zu verlieren.

Auswüchse, die jetzt gerade geschehen, hat er schon seit vielen Jahren beschrieben. Stand das Konzept einer „offenen Gesellschaft“ ursprünglich für die Selbstbestimmung einer freien Gesellschaft, so suggeriert es heute eher die Vorstellung einer schutzlosen Bevölkerung, die Mächten gegenübersteht, die sie weder kontrollieren noch verstehen kann, beschreibt Bauman schon in seinem Werk „Flüchtige Zeiten. Leben in der Ungewissheit“ von 2008.

Es wird nicht funktionieren, auf die AfD einzudreschen, um zu verhindern, dass sie gewählt wird. Die Politik muss endlich den Spaten in die Hand nehmen und anfangen zu graben, auch wenn sie sich dabei Schwielen holt. Viele Menschen in dieser Gesellschaft haben Sorgen um ihre Zukunft, egal wie gut situiert sie heute auch sein mögen. Denn mit einem Erfolg von heute kann man sich vielleicht schon Morgen nichts mehr kaufen. Und ein „ups, die Riester Rente ist doch doof“ lässt die Hoffnung auf ein gutes Leben und den Glauben in die Politik mit globalen Herausforderungen umzugehen, nicht gerade wachsen.

 

Böhmermann stellt die Vertrauensfrage

14 Apr

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Jan Böhmermann stellt Angela Merkel die Vertrauensfrage. Die Antwort allerdings lässt auf sich warten.

Als Jan Böhmermann am 31. März in seiner Sendung Neo Magazin Royale mit diesen Worten

„Extra 3 hat in dieser Woche fast den dritten Weltkrieg ausgelöst –

dafür erst mal einen großen Applaus! Ja! Mit ’ner Supernummer.“

eine Demonstration zum Thema Meinungsfreiheit einleitete, war noch nicht abzusehen, was er selbst damit auslösen würde.

Vielleicht mag man es mit der heterolytischen Spaltung vergleichen können, wie man sie aus der Chemie kennt. Bei einer heterolytischen Spaltung verbleiben die Bindungselektronen an einem Bindungspartner, es entstehen somit je ein Kation (positiv geladenes Ion) und ein Anion (ein negativ geladenes Ion). Dabei nimmt das elektronegativere Element die negative Ladung auf. (Quelle: Wikipedia)

Welcher Bindungspartner hier die volle negative Ladung aufgenommen hat, muss nicht weiter ausgeführt werden. Die Spaltung hat funktioniert, das Experiment ist gelungen.

Das Böhmermannsche Meinungsfreiheit-Experiment lässt sich auf der Homepage vom Deutschlandfunk im Kontext anschauen: Causa Böhmermann: Die Schmähkritik im Ganzen.

Wer dies nachliest, der kann sich alle anderen drölfzigtausend Artikel, Lieder und Meinungen dazu sparen. Also eigentlich auch diesen Text hier. Naja.

Ich hatte selbst besagte Neo-Magazin Folge nicht gesehen und als ich kurz darauf auf sämtlichen Social Media Kanälen einzelne Bröckchen des zusammengelöteten Ziegen-Gedichtes las, dachte ich schon „lieber intelligenter Herr Böhmermann, musste das jetzt sein?“ Nachdem ich es im Kontext gesehen hatte, war mir allerdings sofort klar, „Ja, das musste sein. Und zwar genau jetzt!“

Ausgangspunkt ist und bleibt die Reaktion der Türkei (Botschafter, Löschung und so) auf den Erdowie-Erdowo-Erdogan-Song von Extra 3. Bei einem vergleichsweise harmlosen Inhalt wollte Erdogan seine Macht beweisen und auf unsere hiesige Meinungsfreiheit Einfluss nehmen. „Aber nicht mit uns“ grölten Politik und Gesellschaft gleichermaßen auf allen Kanälen, leicht Nena-bedudelt. Doch es war ein schrillendes Alarmsignal.

Denn wie sieht es im „Ernstfall“ aus mit unserer Unabhängigkeit der Türkei gegenüber? Böhmermann hat es uns mit seinem exzellenten Handwerkzeug der Satire vor Augen geführt, und damit nicht nur die Politik entlarvt, sondern unsere Gesellschaft gleich mit.  

Zum einen stellt er damit Angela Merkel die Vertrauensfrage. Kann sie nach dem Flüchtlingspakt noch so objektiv und sachlich mit der Türkei umgehen, wie es richtig und wichtig wäre? Die Böhmermann Satire hat relativ schnell deutlich gemacht: sie kann es nicht.

Zu hoffen wäre allerdings, dass ihr Telefonat mit Erdogan, in dem sie vorschnell urteilt, das Gedicht  sei „bewusst  verletzend“ (und Erdogan zu Recht angepisst) beruht einfach auf schlechter Vorarbeit ihrer Mitarbeiter. Vermutlich hat man ihr, mit leiser Stimme und leicht gerötet, lediglich ein paar Stellen aus dem Gedicht vorgelesen, ohne ihr den Gesamtzusammenhang zu präsentieren. Dass es nun wiederum zwei Wochen dauert, um die Frage zu beantworten, ob man dem Strafersuch Ankaras stattgeben möchte, ist allerdings genauso fahrlässig. Denn durch ihr zunächst zu schnelles Empörungs-Eingeständnis und ihre jetzt hinausgezögerte Antwort hat Merkel ihren Handlungs- und Entscheidungsspielraum nahezu auf Null geschraubt.

All das, was in dieser unendlich anmutenden Zeit in die Welt geraten ist, lässt sich nun nicht mehr einfangen – egal wie ihre Entscheidung auch ausfällt. Böhmermann hat diesen Teil seiner wohlkalkulierten Demonstration gewonnen. Eine demokratische Regierung, die einen Deal mit einem Despoten eingeht, um sich lästige Probleme vom Hals zu schaffen, ist danach nicht mehr frei in ihren Handlungswahlen. Aus einem Pakt mit dem Teufel kommst du nicht heraus, ohne deine Ideale und Überzeugungen zu verkaufen.  

Aber auch uns als Zivilgesellschaft führt Böhmermann unsere mittlerweile liebgewonnene bequeme Haltung vor Augen. Was haben wir doch alle so lustig den Erdogan-Extra 3-Song beklatscht. Und ließen uns nicht einmal davon abschrecken, dass es ein Nena-Liedchen war.

„In Deutschland ist so was erlaubt, und ich finde es ganz toll, wie in dieser Woche die Zivilgesellschaft aufgestanden ist…“

freut sich Böhmermann satirisch. Weiß er doch genau, dass von uns niemand überhaupt aufstehen musste, um unsere hart erkämpfte Meinungsfreiheit per Tweet zu verteidigen. Das machen wir doch locker aus dem Bett. Noch vor dem ersten Kaffee, wenn es sein muss.  „Je suis Extra 3“ sprengt nicht mal das twittersche Zeichenlimit. Genial. Ein klares Statement, dass der Deal mit der Türkei und der Menschenhandel mit Flüchtlingen für uns gar nicht geht, würde das Zeichenlimit wohl sprengen. Da kann man nix machen.

Für dieses Genie-Stück, für das Jan Böhmermann mittlerweile leider unter Polizeischutz steht, muss man ihm tatsächlich sehr danken. Besser hätte sich die politisch-gesellschaftliche Komfortkammer kaum darstellen lassen.

Satire muss mindestens so weit gehen, wie sie benötigt, um sich von der Wirklichkeit überhaupt noch unterscheidbar zu machen. Es ist also gar keine Frage der Grenzen für Satire, die sich stellt. Es ist die Wirklichkeit, die der Satire die Begrenzung vorgibt. Das Satire-Stück sagt also einiges darüber aus, wie es um unsere Wirklichkeit beschaffen ist. Das sollte uns vielleicht mehr Sorgen bereiten, als der diplomatische Ziegensalat.

Wie die Geschichte ausgeht? Ich weiß es nicht. Das steht sicher in den übrigen drölfzigtausend Texten. Aber eines ist deutlich geworden, die Vertrauensfrage haben wir alle schon längst verloren. Jetzt geht es nur noch darum, eine Antwort abzuwarten. Und warten können wir.

 

Allein unter Menschen

5 Apr

„Noch nie zuvor habe ich Deutsche erlebt, die mich so laut angeschrien haben“ schreibt Tuvia Tenenbom in seiner Kolumne „Meine Deutschen brauchen die Flüchtlinge mehr als die Flüchtlinge sie“. Puh.

Vielleicht sollte Tenenbom mal darüber nachdenken, dass es vielleicht nicht nur am Flüchtlingsthema und nicht an den „Flüchtlingsliebenden“ Deutschen liegt, sondern an ihm selbst. Es gibt viele Möglichkeiten sich diesem Thema zu nähern und noch mehr Meinungen. Das finde ich auch nicht schlimm, sondern bereichernd. Wenn ich solche Texte lese, geht allerdings auch mir die Hutschnur hoch.  

Ich glaube, es ist momentan einfach für manche Menschen schwierig, sich in eine Denke oder Grundhaltung hineinzuversetzen, in der jeder Mensch ein Recht auf ein Leben in Frieden hat. Stattdessen diskreditiert man diejenigen schnell als Gutmenschen und Blödiane. Ist das denn tatsächlich so schwer nachvollziehbar, dass man anderen Menschen das gleiche Leben in Demokratie und Freiheit wünscht, das einem selbst durch glückliche Umstände zuteil wurde?

„Woher kommt die Zuneigung für Flüchtlinge?“

Ich möchte darauf antworten, die kommt nicht, sondern ist einfach da, wenn man generell ein Freund von Menschen ist.

Ist es so unglaubwürdig oder weltfremd, dass man sich eher vorstellen kann, mit ein paar Millionen Kriegsflüchtlingen zusammenzuleben, als mit anzusehen, wie sie in Lagern rund um Europa gefangen gehalten werden?  Oder unschuldige Kinder im Meer ertrinken?

Ist es so abwegig zu sagen, dass man in einer globalisierten Welt, wo alles mit allem zusammen hängt, nicht leben möchte, wenn andere Menschen dafür sterben müssen, nur damit wir wieder in Ruhe auf unserem Sofa sitzen können?   

Die Welt und die fürchterlichen Bilder lassen sich aber nicht ausschalten – damit werden wir leben müssen.

Unsere Verantwortung für die Welt in der wir leben endet nicht mal eben dort, wo die Türkei anfängt die Drecksarbeit für uns zu übernehmen. Sind wir so luxusverwöhnt und energielos, dass wir nicht einmal versuchen, Migration, Integration und Gesellschaft neu zu denken?

Und das ist das wirklich bittere an der ganzen Geschichte, zu erkennen, dass es am Ende des Tages nicht um Zusammenleben, sondern um Ausgrenzung geht. Und unser Leben ist erst dann besonders wertvoll, wenn andere sterben. Aber Hauptsache die Bilder verschwinden bald wieder aus unserem Blick.

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