Wer sind denn „die Abgehängten“ eigentlich?

15 Nov

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Auch wenn die bulgarische Hellseherin Baba Wanga vorausgesagt hat, dass Barack Obama der letzte Präsident der USA sein würde und es keinen 45. Präsidenten der USA mehr geben werde, wird Donald Trump wohl im Januar des nächsten Jahres ins Oval Office einziehen. Ob wir wollen oder nicht.

Relativ schnell scheinen sich auch die meisten (zumindest außerhalb der USA) mit diesem Gedanken arrangiert zu haben. Wird alles doch nicht so schlimm, ein bisschen mehr konservativ ist ja auch nicht schlecht, vielleicht werden die Mauern gar nicht so hoch und die Welt nicht allzu einfältig und sogar die Börsen haben nur kurz gezuckt. Rassismus, Misogynie, Abschottung des Landes und der Märkte? Alles vergessen?

Und auch die Ursachen dafür, warum solch ein grobschlächtiger Rattenfänger die Wahl gewinnen konnte, scheinen schnell gefunden. „Die Abgehängten“ haben die Schnauze voll von der Welt der Eliten, eine Welt, die ihnen fremd ist, die sie selbst nicht betreten können. Und selbst wenn sie sie betreten würden im schönsten Sonntagszwirn, dennoch sogleich als nicht dazugehörig identifiziert werden würden.

„Jahrelang haben die liberalen Eliten die da unten und ihre Sorgen heimlich verachtet. Jetzt wählen die Abgehängten die Rassisten, und der Schreck ist groß.“ Das schreibt beispielsweise Elisabeth Räther auf Zeit Online, aber auch ganz viele andere Texte gehen in die gleiche Richtung. Die elitesten Eliten schleudern plötzlich Phrasen in die Welt, dass man sich nur noch wundern kann.

Was mich an diesen ganzen Texten und Erklärungen allerdings sehr irritiert, ist die Tatsache, dass sie alle verfasst werden, ohne auch nur mit einem sogenannten „Abgehängten“ zu reden, geschweige denn zu definieren, wer denn diese abgehängten Menschen nun sind. Man strickt sich in Politik und Medien die Wirklichkeit dieser Menschen, die einem anscheinend so fremd ist, lieber aus der Ferne irgendwie zurecht, um dann aber zu proklamieren, dass man auf diese vielen und dennoch „Unbekannten“ zugehen müsse. Und dass es arrogant sei von den sogenannten Weltbürgern, dies nicht zu tun.

Ich habe übrigens selbst in einem Blogbeitrag am Tag der US-Wahl von „denen da oben“ und „denen da unten“ – die Abgehängten – geschrieben, allerdings diese nicht wie Aliens dargestellt, denn mein Blickwinkel auf deren Welt ist durchaus nicht der von oben. Ich komme selbst aus einer Arbeiterfamilie, was den Blick auf diese Probleme schärft und ich kenne durchaus die Armen, Arbeitslosen, Ungelernten und Unzufriedenen. Nicht nur vom Hörensagen. Mein Vater hatte, wenn er freitagnachmittags nach Hause kam, einen Lohnbeutel in der Latzhosentasche seines Blaumanns stecken. Damit fuhr er dann, nachdem er geduscht hatte und die ganze Wohnung nach Kernseite roch, gemeinsam mit meiner Mutter Lebensmittel einkaufen. Was nach Abzug des Haushaltsgeldes für die kommende Woche noch übrig war, das wurde für Rechnungen und Miete beiseite gelegt. Meistens reichte es dennoch nicht. Nebenkosten mussten oftmals abgestottert werden und neue Anschaffungen waren eine ziemliche Herausforderung. Aus heutiger Perspektive hätte unsere Familie vermutlich auch zu diesen unbekannten Abgehängten gehört. Rassisten haben meine Eltern dennoch niemals gewählt und würden es auch heute niemals tun. Sie sind, wie aus dem politischen Lehrbuch,  eingefleischte SPD-Wähler, bilden also genau das Klientel ab, für das die SPD mal gestanden hat. Als Kind dachte ich übrigens witzigerweise das sei Gesetz und gab klassengerecht dieser „Arbeiterpartei“ ganz selbstverständlich bei den ersten Wahlen meine Stimme, was sich allerdings recht schnell gewandelt hat. Der sozialen Herkunft, die nach Pierre Bourdieu für die Prägung des Habitus so extrem entscheidend ist, habe ich sozusagen durch diese Verweigerung ein Schnippchen geschlagen.

Und glücklicherweise konnte ich erst Abitur und dann Karriere machen, was sicherlich meiner enormen Naivität geschuldet war. Denn ich bin in diese unterschiedlichen und höheren sozialen Klassen einfach hineinmarschiert, denn es wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen, dass dies nicht gewünscht wird. Das war wohl auch mein Glück. Vielleicht mag man mich als Arbeiterkind identifiziert haben, meine Sprache als unpassend erkannt haben und mein Verhalten als merkwürdig oder anmaßend empfunden haben. Mir ist das allerdings alles nie aufgefallen, weil ich so damit beschäftigt war, das zu tun, was ich für richtig hielt. Allerdings entsteht dann irgendwann ein ganz anderes entscheidendes Problem: ein Identitätsproblem.

Deiner eigenen Klasse, gemäß deiner Herkunft, ist diese andere Welt fremd. Und sie möchten am liebsten auch, dass diese ihnen weiterhin fremd bleibt. Und das bedeutet, egal wie sehr du dich abrackerst, du wirst keine Anerkennung erfahren. Meine Eltern beispielsweise scheuen die Auseinandersetzung mit den ihnen unbekannten Lebenswelten komplett. Selbst zu einem Zeitpunkt, als ich beruflich die Verantwortung für mehr als fünfzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatte, war ich in ihren Augen noch die Tochter, die Bücher in die Regale sortiert und mit Schleifchen als Geschenk verpackt. Andere Eltern würden vermutlich überall damit prahlen, dass ihr Kind es zu etwas gebracht hat und sogar einen eigenen Firmenwagen hat. Aber Eltern aus der Arbeiterklasse, die selbst in ihren Sozialkontakten Menschen aus sogenannten höheren Klassen stets gemieden haben, weil das absolut unsicheres Terrain bedeutet hätte, können mit dieser Ambivalenz nicht umgehen. Und so wird die Wirklichkeit einfach zurechtgebogen. Und selbst biegt man selbstverständlich mit.

Es geht also gar nicht nur darum, dass die Eliten die Menschen aus diesen unteren Klassen in ihre Lebenswelten endlich hineinlassen. Es geht auch nicht um Arroganz. Es geht darum, dass diese Menschen von da „unten“ in die Lebenswelten dort „oben“ größtenteils gar nicht hineinwollen. Weil dies Unsicherheit bedeutet und mit Unsicherheit kann und möchte man nicht umgehen. Weil man es auch nicht gelernt hat. Und weil man das Wenige, das man hat, dann wenigstens auf bekannten Terrain verteidigen will. Auch wenn dies Stillstand und Rückschritt bedeutet. Deshalb halte ich persönlich auch direkte Demokratie nur eingeschränkt für wirklich demokratisch und fair, auch wenn ich für diese Meinung von denen da oben und denen da unten gleichermaßen angefeindet werde. 

Kürzlich erzählte mir ein Professor für Soziologie, dass er  aus einer Bergarbeiter-Familie kommt. Und obwohl er selbst mittlerweile zur sogenannten Elite gehört und  an Elite-Veranstaltungen teilnimmt, fühlt er sich aufgrund seines Habitus, der einer anderen Lebenswelt entspringt, immer noch wie ein Fremdkörper dort. Und auch er erkenne bei diesen Treffen sofort die anderen Professoren, die auch aus einer nicht akademischen Familie stammen. Das sind natürlich recht wenige. Das heißt, die Unsicherheiten und das fehlende Zugehörigkeitsgefühl lassen sich selbst mit extrem hohen Ehrgeiz und reichlich Bildung kaum abschütteln. Man kann sich leicht vorstellen, wie es denjenigen geht, die dagegen weniger Bildung und weniger Bezugspunkte zur Elite haben.

Das ganze Dilemma der „Abgehängten“ lässt sich übrigens an einem einzigen Beispiel verdeutlichen: Kürzlich sah ich eine Dokumentation über Annäherungsversuche zwischen der Bevölkerung und Flüchtlingen in einem Dorf. Dazu wurde ein Tag der offenen Tür veranstaltet. Ein junges Paar (beide arbeitslos) gingen mit ihren drei Kindern dort durch, und als die Frau die fünf neuen, aber sehr einfachen Öfen in der Gemeinschaftsküche sah, fing sie an wütend zu weinen. „Wir haben einen alten Ofen zu Hause und bekommen keinen neuen vom Amt bezahlt. Die Flüchtlinge bekommen das aber in den Allerwertesten geschoben“ beschrieb sie ihre Situation und Wut. Durch diese Begebenheit habe ich erst verstanden, wo tatsächlich das Problem liegt. Nicht darin, dass Menschen neidisch sind auf ein paar Öfen. Sondern dass sie gar nicht denken, dass sie sich jemals aus eigener Kraft einen schönen neuen Ofen werden leisten können. „Das Amt“ muss ihnen heute welche bezahlen, in zehn und in zwanzig Jahren, weil sie keine Perspektive sehen für ihr eigenes Leben. Sie sagte nicht, wir können uns keinen leisten, sondern wir bekommen keinen bezahlt. Sie sind Bittsteller vom ersten bis zum letzten Atemzug ihres Lebens. Die „Arroganz“ der Eliten wird diese Menschen nur wenig stören. Ihre Rivalen für Machtkämpfe um die klitzekleinsten Lebens-Ressourcen lauern an anderer Stelle.

Zusätzlich zu diesen „Abgehängten“ unserer Gesellschaft, die ehrlich gesagt auch niemals eingehängt waren, gibt es noch die tatsächlich Abgehängten (also die, die früher einmal eingehängt waren) und ein großer Teil der heutigen Mittelschicht, die wissen, dass sie jederzeit Abgehängte sein können. Die Digitalisierung und Globalisierung verängstigt sie zutiefst. Es mag eine volkswirtschaftliche Rechnung sein, dass nicht nur Jobs wegfallen, sondern auch neue Jobs entstehen werden. Aber ehrlich: Das bringt doch denjenigen nichts, die ihren Büro-Job verlieren, aber auf der anderen Seite Programmierer gesucht werden. Die meisten glauben nicht, dass wenn sie mit Mitte fünfzig ihren Job verlieren, sie jemals einen neuen finden, der ihnen ihren Lebensstandard erhält. Vermutlich werden sie gar keine Arbeit mehr finden. Was das bedeutet? Sie werden noch vor der Rente all ihren Besitz und all ihre Ersparnisse verloren haben. Über die Tatsache, dass ihnen bis dahin ein Roboter die Post vom Jobcenter nach Hause bringt, mögen sie sich nur bedingt freuen. Diese Gruppe der heutigen ängstlichen Mittelschicht halte ich persönlich übrigens für die gefährlichste, sowohl für die Demokratie als auch für Innovationen, die Gesellschaft und Wirtschaft dringend benötigen. Denn sie haben etwas zu verteidigen, was ihnen die aktuelle Entwicklung womöglich nehmen könnte. Angst aber lähmt Entwicklung und Fortschritt.

Was also momentan dringend erforderlich ist – statt die nun täglichen Weckruf-Bekenntnisse der Eliten aus der Ferne– ist erstens eine Sozialpolitik, die sich dem schnellen Wandel der Gesellschaft anpasst. Sprüche, dass wir die geringste Arbeitslosenquote haben und Deutschland in der EU wirtschaftlich am besten dasteht, nützen weder den Abgehängten noch denen, die Angst um ihre Zukunft haben.

Deshalb ist zweitens eine Reform des Bildungssystems von Nöten, die einerseits auf die Digitalisierung ausgerichtet ist und zweitens mit aller Kraft dafür sorgt, dass die Kinder der wirklich Abgehängten eine Perspektive haben, diese Lebens-Determination zu durchbrechen.

Und drittens muss es uns möglich sein, im Laufe des Lebens neue Qualifikationen zu erwerben. Lebenslanges Lernen darf keine Leerformel bleiben. Es gibt zukünftig keine linearen Lebensentwürfe mehr. Wir müssen ja nicht nur mit der Transformation ins Digitale umgehen, sondern was von viel größerer Bedeutung ist, uns fortwährend auf die immer schnelleren Veränderungen durch die Digitalisierung einstellen. Die Digitalisierung ist ja kein Endprodukt, sondern eine permanente Entwicklung. Und natürlich müssen auch die Menschen sich in dieser Welt permanent und mit einem Selbstverständnis weiterentwickeln. Genau das würde auch der ängstlichen Mittelschicht eine Perspektive bieten. Unser Bildungs- und Qualifikationssystem bietet aber genau diese Möglichkeiten nicht.

Die Warnsignale, dass es in unserem wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Systemen tiefere Dysfunktionen gibt, waren durch wiederaufkeimenden Rechtsextremismus und Phänomene wie der AfD schon vor der Trump-Wahl deutlich.

Man darf jetzt aber nicht versuchen mit einfachen und populistischen Lösungen komplexe Probleme aufzugreifen. Ohne wirklichen und optimistischen Wandel wird es nicht gehen. Dazu gehört auch, sich mit den Menschen auseinanderzusetzen, um die es geht. Das sind aber nicht unbedingt die energieraubenden Social-Media-Trolle.

Und dazu gehört übrigens auch nicht dieser Populismus in den Medien, denn genau das bedient diese energieraubenden Trolle und es entwickelt sich so ein gefährlicher Teufelskreis.

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The times have fucking changed

9 Nov
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Quelle: Leider nur Facebook bekannt

Nun sind wir also angekommen im Trump-faktischen Zeitalter. Und wieder kam das böse Erwachen am Morgen beim Kaffee. Allerdings hatte ich, im Gegensatz zu den Meinungsforschern, aus dem Brexit-Referendum gelernt. Damals beruhigte mich am Abend vorher noch die YouGov-Nachwahlbefragung, die eine knappe Mehrheit für den EU-Verbleib vorhersagte. Nur sechs Stunden später hatte sich diese Prognose allerdings in ein genau umgekehrtes Ergebnis verwandelt.  

Und auch bei den letzten Landtags- und Kommunalwahlen hier bei uns lagen die Meinungsforscher, bezogen auf die Stärke der AfD, relativ oft und weit daneben, sodass sich bei mir das Gefühl gefestigt hat, dass diese Filterblasen und Echokammern mittlerweile recht Meinungsforschungsresistent sind. Wir scheinen so weit auseinandergedriftet zu sein mit unseren jeweiligen Wirklichkeiten und Wahrheiten, dass sich die Meinungen der Anti-Demokraten nicht einmal mehr in Gänze mit den herkömmlichen Methoden erfassen lassen.

Gestern Abend hatte ich daher diesmal ein ungutes Gefühl und äußerte meine Befürchtung, dass ich davon ausgehe, dass Donald Trump tatsächlich gewinnen wird. Zuerst bescherte mir dieser letzte Gedanke vorm Schlafen eine recht alptraumartige Nacht, und wurde dann im Laufe des Morgens zur Gewissheit.

Populisten stehen Spalier und werfen Popcorn

Und selbst wenn Donald Trump als Präsident nun  einen moderateren Kurs als in diesem schmutzigsten Wahlkampf aller Zeiten einschlagen würde, es ändert rein gar nichts an der Tatsache, dass die Mehrheit der Amerikanerinnen und Amerikaner ihn für seine Ausländerfeindlichkeit, Abschottungspolitik, Minderheitendiskriminierung und Sexismus gewählt hat. Das ist doch das eigentliche Desaster. Hier eine Wähleranalyse.

Die Menschen wollen Rückschritt, statt Fortschritt und denken, dass es ihnen persönlich besser ginge, wenn sie Minderheiten zutiefst diskriminieren und Ausländer gleich aus dem Land schmeißen. Und Handel betreibt man am besten nur noch mit der eigenen Nation, und wenn schon mit anderen Nationen, dann natürlich nur kompromisslos und zu den eigenen Bedingungen, als wäre das in unserer globalisierten Wirtschafts-Welt auch nur ansatzweise möglich, geschweige denn fair. Aber genau dies ist die Sprache der Populisten. Und Rechtspopulisten aller europäischen Länder stehen gerade Spalier und werfen Popcorn. Das sollte uns zutiefst besorgen.    

Die Zeiten des Wegguckens und Schönredens sollten nun definitiv vorbei sein. Viele Nachrichten-Texte beginnen heute im Sinne von „Seinen überraschenden Wahlsieg haben die wenigsten erwartet“. Realy? Come on!

Wenn wir uns nicht ab sofort unserer eigenen Wirklichkeit stellen, dann passiert das gleiche auch bei uns. Dann werden wir spätestens bei der Bundestagswahl 2017 unser blaues Wunder erleben, im wahrsten Wortsinn. Wenn wir das Ganze weiterhin nur mit Dummheit abtun, dann lässt sich unsere freie Gesellschaft nämlich auch nicht mehr retten.

Es ist jetzt ein krasser Wandel nötig. In Politik, Medien und besonders auch in unserer Zivilgesellschaft. Es geht nicht mehr, dass wir alle die Augen verschließen vor der großen sozialen Ungleichheit im Land. Viele Menschen, die diese rechtspopulistischen Parteien wählen besitzen nur eine geringe Bildung und sind sozial schwach – gesellschaftlich abgehängt könnte man auch sagen. Was haben diese Menschen denn noch zu verlieren? Nicht viel. Gewinnen können sie aber ein ganze Menge, vielleicht keinen Reichtum, aber zumindest die Genugtuung es „denen da oben“ mal so richtig gezeigt zu haben. In einem ziemlich perspektivlosen Leben sicherlich ein zynischer, aber kein schlechter Deal.

Arme bleiben arm

Laut aktuellem WSI-Verteilungsbericht der Hans-Böckler-Stiftung ist die soziale Mobilität in unserer Gesellschaft gesunken, die Ungleichheit bei Einkommen ist auf dem höchsten Stand und Arme bleiben meist arm. Erschütternd.

Zwischen 1991 und 1995 schafften es  rund 58 Prozent der Armen (als arm gelten Personen, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens von 19.600 Euro zur Verfügung haben, sprich 11.700! Euro und darunter) in eine höhere Einkommensgruppe aufzusteigen. Mittlerweile sind es nur noch 50 Prozent, die eine Aussicht auf etwas bessere Lebensverhältnisse haben. Für alle anderen bedeutet es, das Leben, das wir alle als besonders wertvoll empfinden, am Existenzlimit zu fristen. Und zwar bis zum bitteren Ende. Hatten wir nicht alle schon mal ein Jahr, indem wir aus verschiedenen Gründen nicht in Urlaub fahren konnten? Puh, war das hart oder? Es gibt Menschen, für die ist der Begriff Urlaub so fern wie der Mond. Und für ihre Kinder auch. Jedes 20. Kind in Deutschland ist von Armut betroffen, die traurigen Eckdaten zu Armut siehe oben. Für diese Kinder ist und bleibt der Mond weiterhin erreichbarer als der nächste Ostsee- oder Nordseestrand. Erwiesenermaßen haben diese Kinder kaum Chancen in unserem Bildungssystem, folglich auch kaum welche auf dem Arbeitsmarkt und wenn, dann lediglich als Geringverdiener. Und da wundern wir uns, dass diese Menschen nicht Seite an Seite mit uns für die Freiheit und die Zukunft kämpfen? Während wir an unserem Coffee-to-go nippen?

Diese Verfestigung der Armut ist eine Katastrophe für die Menschen, für die Demokratie und für unsere Gesellschaft. Also geht sie uns alle an.

Politik – Medien – Gesellschaft

Die Politik kann jetzt weiterhin versuchen fahrlässig auf Kosten unserer Zukunft Symbolpolitik zur Rente zu betreiben, um ein paar Wählerstimmen zu retten. Oder sie kann das tun, was nötig ist: Menschen, die in diesem Land leben, wieder eine echte Perspektive auf gesellschaftliche Teilhabe, Bildung und sozialen Aufstieg zu bieten. Und das geht nicht dadurch, dass man Sozialleistungen um fünf Euro erhöht oder sich zum Mindestlohn gratuliert. Diese politischen Errungenschaften, die oft in hammerharten Nachtsitzungen publikumswirksam erkämpft werden, kommen bei den Menschen so hammerhart leider nicht an. Welche Partei hat den Mut, auf den gesellschaftlichen und digitalen Wandel zu reagieren und ganz neue Transfersysteme und Bildungsangebote anzubieten? Ohne die wird es in Zukunft sicher nicht gehen, zumindest wenn uns eine Trump-faktische Welt erspart bleiben soll.    

Die Medien sollten weniger selbstreferentiell in ihrem eigenen Saft schmoren und sich wieder mit den Wirklichkeiten aller Menschen beschäftigen. Die soziale Ungleichheit ist so groß wie nie, warum bekommen diese Menschen kaum eine Stimme? Auf dem letzten Publishers‘ Summit hörte man selbstkritische Stimmen, die eingestanden, dass sich die Medien zu sehr von den Menschen entfernt haben. What? Wie kann das passieren, frage ich mich? Gerade Redakteure von Zeitungen und Zeitschriften müssten doch ganz nah dran sein an den Lebenswelten der Menschen. Und jetzt ist das Problem, dass ihnen nicht nur die Leserinnen und Leser flöten gegangen sind, sondern dass einfach ein Großteil der Gesellschaft gar nicht mehr angesprochen oder vertreten wird.

Und last but not least, wir als Gesellschaft müssen wieder mehr für unsere Werte einstehen. Es darf uns nicht egal sein, wenn Menschen abgehängt werden oder überhaupt nie eine Chance hatten dazu zu gehören. Wenn wir uns alle wieder mehr um diejenigen kümmern, die am Rande der Gesellschaft stehen, wenn wir nicht zulassen, dass die Kinder keine Perspektive haben, keine Stimme, und wenn wir überhaupt mal wieder wahrnehmen, dass es sie gibt, dann können wir das Zusammenleben wieder stärken. Und es reicht eben nicht zu twittern, zu faven oder zu retweeten, dass wir die Welt retten wollen. Das gibt uns vielleicht ein gutes Gefühl, tolle Bestätigung und ist auch ziemlich bequem, hilft aber niemanden. Am Ende nicht einmal uns selbst. The times have fucking changed.

Ein Laubbläser Rant (wtf?)

28 Okt

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Wenn ein Text beginnt mit „eigentlich lese und schreibe ich keinen Rant…“, dann weiß jeder gewiefte Leser und Internet-Checker, dass jetzt ein großes ABER folgt. Richtig.

Heute Morgen, als ich vom Joggen nach Hause kam, schickte ich noch mit verschwitzten Händen meiner Frau eine WhatsApp: „sag mal kurz wie heißen diese lauten stinkenden unkrautschneidermotorenhäcksler?“

Nach ein paar Sekunden kommt schon die Antwort: „Fadenschneider“

Meine Frau ist sozusagen die personifizierte, analoge Wikipedia. Sie weiß irgendwie immer alles, sodass ich gerne (weil es auch mehr Spaß macht), statt der Google-Suchmaschine meinen privaten WhatsApp-Dienst nutze.     

Aber Fadenschneider? Kann das sein? Fadenschneider hört sich so filigran an. So sensibel. So freundlich. Ich google also lieber doch nochmal und finde noch eine andere Bezeichnung. „Motorsense“. Das passt hier definitiv besser.

Aber zurück zum Rant. Ein Rant ist ein völlig übertriebener, polemischer, süffisanter, ironischer, wütender oder aufbrausender Text,  in dem der Verfasser sich mal ordentlich Luft verschaffen möchte, notfalls (bzw. meistens) auf Kosten eines anderen menschlichen Wesens. Da ich normalerweiser recht harmonisch veranlagt bin, mag ich genau das nicht (der eine macht sich Luft und der andere bekommt sie abgedreht) – was der Grund ist, weshalb ich einen Rant selten lese, noch bis jetzt geschrieben habe.

Freundlicherweise wird ein schöner Rant ja auch als solcher schon in der Headline angekündigt, sodass man sich ganz gut davor schützen kann.  

Weshalb ich jetzt doch einen schreibe? Weil ich mir Luft machen muss über ganz schreckliche Gegenstände, die besonders im Herbst ihrerseits die Luft extrem verpesten und die Umwelt belasten. Gemeint ist der ziemlich belästigende Laubbläser und die noch belästigendere Motorsense.

Heute war ich also Joggen im Park oder besser gesagt, so halb neben dem Park, da ich mich im Park gerne verlaufe, wenn ich so meinen Gedanken nachhänge. Hier im Volkspark ist glücklicherweise eine schöne 800 Meter Laufrunde, eine Mischung aus Sportplatz und Park. Das ist genau mein Ding, ich kann mich nicht verlaufen und weiß jederzeit wie viele Kilometer ich auf der Uhr habe, selbst ohne Uhr. Über mir wehen die Bäume und unter meinen Füßen raschelt das Laub. Und genau dieses schöne, bunte Laub ist im Herbst das Problem. Es muss weg. Schnell und kostengünstig. Also war meine morgendliche Laufstrecke bevölkert von zahlreichen Menschen, bewaffnet mit Laubbläsern und Motorsensen, die ohrenbetäubenden Lärm verbreiten und was noch viel schlimmer ist, die die schöne Morgenluft mit einem flächendeckenden Benzingestank überziehen. Wenn man es schafft, irgendwie ohne zu atmen an den Laubbläsern vorbeizukommen, dann sind die Motorsensen-Häcksler die nächste Herausforderung. Man muss das Atmen einstellen, wegen des Benzingestanks, und man muss sich aber auch gleichzeitig die Augen zuhalten, wegen der umherfliegenden Erdklumpen, Stöckchen und Steinchen.

Ich hatte mich schon darauf eingestellt das Ganze irgendwie eine Stunde durchzuziehen – ohne meinen Gedanken nachhängen zu können und den Tag zu planen halt – ich musste ja volle Konzentration auf Mund-, Nasen- und Augen-Performance legen, als ich fast über einen Benzinkanister stolperte. Klar, diese lärmenden Monster benötigen zwischendrin Sprit. Der Chef-Häcksler füllte mitten auf dem Weg Benzin vom Kanister in den Laubbläser. So frisches, unverbranntes Benzin beim Laufen einzuschnappatmen ätzt einem fast die Lunge weg, aber gut. Viel schlimmer allerdings ist, dass ich eine ziemlich Allergie bekomme (in Form von extrem schlechter Laune), wenn hier mal eben auf offener Strecke mit Benzin rumhantiert wird. Als mein Neffe dies vor ein paar Jahren beim Rasenmäher versuchte, ist er mit der Garage in die Luft geflogen und wurde nicht weit von mir in die Uni-Klinik geflogen. Als ich ihn am nächsten Morgen besuchte, konnte ich ihn unter den ganzen Wickeln zumindest an den Augen erkennen. Heute sieht er glücklicherweise wieder ganz hübsch aus.

Dieses Auftanken am offenen Herzen hat mich dann letztendlich doch dazu bewogen meine wunderhübsche Joggingstrecke zu verlassen und in den Park zu laufen. Blöd ist ja, dass es dort nicht so schön geradlinig ist und es geht auf und ab. Bergauf ist es anstrengend und bergab muss man aufpassen, dass man auf dem ganzen Laub nicht ausrutscht und sich auf den Hintern setzt – das wäre dann allerdings schon wieder Ironie des Schicksals.  

Leute, Leute, das kann doch echt nicht wahr sein. Mich macht das so wütend. Natürlich bin ich nicht wütend auf die Menschen, die diesen Job machen, schlimm genug, dass sie diesen Gestank und Lärm den ganzen Tag ertragen müssen.  

Wir überlegen einerseits, wie wir in Zukunft leben und arbeiten wollen, mit Drohnen, Robotern und Automatisierung. Und in der Gegenwart verpesten Laubbläser und Motorsensen mit Benzingestank Natur und Menschen. Das mag nicht so wirklich zusammenpassen. Ja, Politik und Kommunen müssen sparen, die elektrischen Varianten dieser Gartenmonster kosten das Dreifache und die Reichweite ist geringer. Aber darf das eine Frage der Kosten sein? Nur weil es günstiger ist 1-Euro-Jobber mit Dreckschleudern durch die Gegend zu jagen? Aber die Autoindustrie soll schön innovativ Elektroautos bauen und wir Verbraucher sollen diese schön brav kaufen? Roboter bringen mir demnächst meine Pakete, aber Arbeiten, die nun wirklich mal als Allererstes von Robotern übernommen werden könnten und sollten, da laufen vermutlich noch in zwanzig Jahren arme Menschen mit rückständiger Technik durch die Gegend.

Ich erwarte von einer Stadt im 21. Jahrhundert mit Symbolkraft für die Zukunft, dass sie wenigstens das Minimum an Modernisierung bietet. Und das absolute und eigentlich „alternativlose“ Minimum  sind Gartengeräte mit Elektroantrieb im öffentlichen Dienst. Die Akkus reichen nicht für einen Arbeitstag? Dann baut Ladestationen, viele, sehr viele – am besten für Autos und Laubbläser in einem. Basta!

 

Hack the Bachelor… oder wie eine Elfe auf rohen Eiern

16 Sep
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Mathematikgebäude TU Berlin – Straße des 17. Juni

Lesezeit: länger

Analoge Disruption

Als ich im August 2013 meine erste Prüfung im Studium Politikwissenschaft, Verwaltungswissenschaft und Soziologie ablegte, da fühlte ich mich schon recht durchgeschüttelt. Mit 41 Jahren stand ich ja schon mitten im Leben, blickte auf eine lange und recht anspruchsvolle Karriere in einem großen Buchhandelsunternehmen zurück und es gab herzlich wenig, was mich bis dato organisatorisch aus der Ruhe hätte bringen können. Im ersten Semester des Bachelor Studiums ging dann allerdings alles sehr schnell – schnell ist ein Adjektiv, das den Bachelor generell bis zum Ende sehr gut beschreiben sollte. Und eh ich mich versah, ich hatte nicht einmal alle Unterlagen gelesen, geschweige denn einmal links und rechts geschaut, da fand ich mich schon in den Tiefen eines wissenschaftlichen Hausarbeits-Textes wieder. In Englisch. Good Morning! 

Den sehr interessanten Aufsatz „Rethinking Conditionality: Turkey`s European Union Accession and the Kurdisch Question“ von Firat Cengiz und Lars Hoffmann bearbeitete und analysierte ich durchaus mit einiger Mühe im gestreckten Spagat, denn im Anschluss musste auch noch ein eigenes Thema ausgewählt und eine Hausarbeit geschrieben werden.

Der Titel meiner kleinen Premieren-Hausarbeit war „Auswirkungen der EU Osterweiterung auf die Roma-Minderheitenpolitik der Europäischen Union“. Ein spannendes Thema. Aber die Zeit ließ keine Spannung zu – höchstens Anspannung. Für jemanden wie mich, der zwar eine Buchhandels-Ausbildung, jede Menge Seminare, Coachings oder Assessment Center absolviert hat, aber keinerlei Erfahrungen mit einem Studium hatte (und die Schulzeit lag nun mal zwanzig Jahre hinter mir),  war diese wissenschaftliche Bearbeitung im Schnelldurchlauf schon eine ordentliche Erschütterung. Eine analoge Disruption sozusagen.

Glücklicherweise hatte ich aber gar keine Zeit zu jammern. Mein altes Leben hatte ich weggekickt, wenn auch mit etwas Wehmut, aber vor allem mit ganz viel Bock auf  Neues. Die „Echokammer Buchhandel“ ist sicherlich die geilste, die ich kenne und bis heute denke ich, es ist wirklich eine Branche, in der mit der größten Leidenschaft und Power gearbeitet wird. Aber wie so oft im Leben, wenn du für etwas mit Haut und Haaren brennst, merkst du erst zu spät, dass das Feuer längst erloschen ist. Und wenn die beschrittenen Wege immer gleich bleiben, lediglich hin und wieder umbenannt werden, dann fühlst du dich nicht nur wie ein Hamster, dann bist du auch irgendwann der Hamster – ein gut verdienender und abgesicherter zwar, aber ein Hamster.

Ada Lovelace mit Taschenrechner

Witzigerweise hatte ich in meinem früheren Job immer Angst vor Verlust. Das zu verlieren, was ich hatte. Und je mehr ich hatte, desto größer wurde dieses belastende Sicherheitsdenken. Aus heutiger Sicht völlig absurd. Nach meiner persönlichen Disruption hat sich das komplett verändert.  Jetzt wo ich selbstständig arbeite und mein Studium ohne Garantien oder doppelten Boden absolviere, mich jederzeit am Abgrund befinden kann, habe ich dieses Gefühl überhaupt nicht mehr. Vielleicht ist es eine Art Selbstschutz, aber dann ist es ein verdammt guter und lebenswerter Mechanismus. Und  die beste Voraussetzung agil zu bleiben und immer wieder nachzujustieren – wie ich mittlerweile gelernt habe – die allerbeste Lebensversicherung, die es gibt.

Die erste Note meines Studiums, mit der ich die allerersten 15 ECTS Punkte einsammeln konnte,  war „Gut“. Ich war also mit einem blauen Auge davon gekommen. Darauf folgten noch zehn weitere Prüfungen, teilweise unter Schmerzen und akutem Schlafmangel. Denn wer schläft, hat im Bachelor verloren. Wer zuckt, der sowieso.

Für die wirklich anspruchsvolle Verwaltungs-Prüfung (und definitiv nicht mein Lieblingsthema) habe ich soviel gelernt, dass ich bei der Klausur im luftleeren Hörsaal vor der letzten Fragen einfach nur noch müde zusammensackte. Nichts ging mehr. Ich hatte alle vorherigen Fragen korrekt beantwortet, wie sich nachher herausstellte, volle Punktzahl. Leider fehlte aus beschriebenen Gründen die letzte Antwort – no points for anybody. Ich bekam ein „Gut“.

Mein größter Erfolg allerdings war unangefochten dieser: die STATISTIK Prüfung. Als das Semester mit dem wohlklingenden Titel „Quantitative Methoden der Sozialwissenschaften“ begann, war ich noch guter Dinge. Kurz darauf allerdings war ich mir sicher, an dieser Stelle wird mein Studium, meine grandiose akademische Laufbahn, definitiv enden. Ich war nicht einmal fähig die Skripte zu lesen, so wenig konnte ich mit den dortigen Zeichen, Bildchen und Formelchen anfangen. Nachdem ich die Reader einige Wochen ignoriert hatte und mein Lebenstraum schon in sich zusammenzusacken drohte, kam meine versteckte Ada Lovelace Seite glücklicherweise doch noch zum Vorschein. Ich kaufte erst einmal einen Taschenrechner, der diese mir selbst noch fremden Zeichen kannte und sogar ganz lange Zahlenkolonnen hinter dem Komma ausspucken konnte. Mission Impossible hatte begonnen und mein privater Coach, mit dem ich bis dahin schon einiges im Leben gemeinsam meistern konnte, brachte mich dank früherer Mathematik-Semester durch dieses statistische Neuland. In den folgenden Monaten wurde in jeder freien Minute gepaukt und gerechnet. Es gab Tränen und Gelächter. Manchmal beides gleichzeitig. Der Kaffeekonsum stieg rapide. Ich saß schon sonntags um sieben am Küchentisch und beschäftigte mich mit Modus, Median & Co. Erstellte Indifferenztabellen und berechnete Chi-Quadrat oder Cramer´s V. Oder den Korrelationskoeffizient nach Bravais-Pearson. Egal wie sie alle hießen, alles wurde nacheinander weggewippt. Nach jeder erfolgreichen Aufgabe schaute meine Frau mich so stolz an, als wäre ich ein Kind, das gerade seine ersten Schritte macht. Und wow! Ich fühlte mich auch so.

Wer einmal einen schönen Selbsterfahrungstrip machen möchte oder einen radikalen Perspektivwechsel im Leben benötigt, der braucht gar keine überteuerten Seminare zu besuchen oder drei Wochen ohne Internet einsam auf einer Alm verbringen. Einfach einen Statistik-Kurs buchen. Bäm!  Ich sammelte meine erforderlichen 15 ECTS Pünktchen ein und bekam die Note „Gut“. Für mich persönlich ist dieser Erfolg eine der wichtigsten Erfahrungen in meinem bisherigen Leben. Geht nicht? Gibt´s nicht mehr.     

Bestnote rocks

Nach diesen teilweise recht zermürbenden Pflicht-Modulen (von der reinen Multiple-Choice-Klausur möchte ich gar nicht erst anfangen) folgte dann im zweiten Teil des Studiums die Kür. Endlich beschäftigte ich mich mit soziologischen Theorien, soziologischen Forschungen, Gesellschaft im Wandel und Politikfeldanalyse. Ich schrieb mich in Hausarbeiten um Kopf und Kragen zu aktuellen Themen wie der Integrationspolitik oder zu zeitdiagnostischen Ansätzen von Zygmunt Bauman und Ulrich Bröckling. Oder analysierte das Zusammenspiel von formalen und informalen Strukturen in Organisationen durch die Brille von Niklas Luhmann und Max Weber in mündlichen Prüfungen. Während der Kür wandelten sich die Noten von „Gut“ in „Sehr gut“. Das letzte Semester schloss ich als Beste mit Bestnoten ab. Wenn ich das hier erwähne, soll das keine Arroganz zum Ausdruck bringen (hallo? Ich bin durch das Statistik Semester noch mit dem Dreirad auf Stützrädern gefahren…), sondern soll zeigen, dass es wirklich absolut nichts gibt, was man nicht schaffen kann. Außerdem ringt es mir selbst oftmals noch Erstaunen ab und dürfte auch einfach denjenigen Mut machen, die vielleicht mit „Ü40“ auch noch einmal etwas Neues wagen wollen oder müssen. Don´t panic! Weiterlesen

Überleben als Kriegsenkel – kleiner Teaser

2 Sep

Keine Schwäche zeigen und immer weiter. Dieses Motto beschreibt mein vorheriges Leben sehr gut – und wie ich mittlerweile erfahren habe, das von vielen anderen meiner Nachkriegsgeneration, die sogenannten Kriegsenkel, auch. Als ich 1994 meine Prüfung zur Buchhändlerin absolvierte, war dieses „immer weiter“ sehr prägnant. Am Vortag meiner Prüfung hatte mein Vater eine schwere Operation. Die Chancen, dass er diese überlebt, waren recht gering. Das weiß ich auch nur, weil ein ehemaliger Schulfreund von mir zu dieser Zeit auf der Intensivstation des Krankenhauses ein Praktikum im Zuge seines Medizinstudiums machte. Die Information habe ich aber dann doch für mich behalten. Ich verbrachte mit meiner Mutter lange Zeit im Krankenhaus. Als ich endlich nachts in meiner kleinen Einzimmerwohnung ankam, um noch ein paar Stunden vor der Prüfung zu schlafen, kam mein Bruder spontan vorbei. Er hatte zu dieser Zeit gerade kein gutes Verhältnis zu meinem Vater. Wir tranken Bier. Wir redeten über die blaue Blume bei Novalis und meinen Vater. Zwischendrin schaute ich auf die Uhr, wie viele Stunden ich noch schlafen könnte, wenn ich jetzt schlafen würde. Irgendwann hatte sich das erledigt. Um sechs kochte ich Kaffee, ging duschen und fuhr zur Prüfung. Mit dem Taxi. Zum Autofahren war ich noch zu betrunken.

An die Prüfung kann ich mich dann auch nicht mehr wirklich erinnern. Es waren drei Prüfer, die vorne recht bedrohlich in einer Reihe saßen. Ich weiß nur noch, dass ich ständig an das Kölner Dreigestirn denken musste. Das machte das Nachdenken über mögliche Antworten, zusätzlich zum Schlafmangel und Rest-Pegel, nicht gerade einfacher. Bei mündlichen Prüfungen ist es so, dass einem das Ergebnis nach kurzer Beratung gleich mitgeteilt wird. Während das Dreigestirn beratschlagte, wartete ich im Flur. Schon nach kurzer Zeit weckten sie mich auf, um mir meine Prüfungsnote mitzuteilen. Ich bekam eine glatte zwei. Auf dem Heimweg habe ich gekotzt. Zuhause reichte die Zeit gerade noch für eine zweite Dusche und Zähneputzen, dann fuhr ich mit dem Auto meine Mutter abholen, um mit ihr wieder ins Krankenhaus zu fahren. Meine Mutter hat keinen Führerschein, auch das ist eher typisch für Mütter meiner Generation. Vom Krankenhaus hatte noch niemand angerufen, das war immerhin ein gutes Zeichen.

 

Die Zukunft ist sehr wahrscheinlich

1 Sep

Martin Weigert hat für  das Online-Magazin „t3n“ gerade eine Kolumne geschrieben (Weigerts-World-Kolumne), in der er acht bahnbrechende digitale Technologien auflistet, die in den nächsten Jahren vermutlich unser Leben, unsere Gesellschaft und die Wirtschaft am meisten beeinflussen und verändern werden.  

Alle diese Trends, die besonders relevant sein könnten, sind  gerade in der Öffentlichkeit sehr präsent, ob es die „angedrohten“ Liefer-Drohnen, Elektromobilität, 3D-Druck oder die erweiterte Realität (Augmented Reality) ist, die gerade durch Pokémon Go einen ganz besonderen Schub erfahren hat.  

Was mich aber an der Kolumne nachhaltig beeindruckt hat, ist die Herangehensweise, diese Trends gemeinsam zu denken, denn nur dies ergibt einen Sinn und lässt eine Vorstellung, was diese Technologien für unsere Gesellschaft in Zukunft bedeuten, überhaupt erst zu. Und dies ist ein wichtiger Anstoß, den dieser Text liefert, der meiner Meinung nach viel zu selten in der öffentlichen Debatte vorkommt.

Meistens werden diese Technologien separat betrachtet, oft in Bezug auf große Unternehmen und Monopolisten. Und noch öfter werden damit Ängste geschürt, beispielsweise, dass diese disruptiven Technologien unsere Jobs rauben. Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja ein neues Jobwunder, weil wir in einer virtuellen Welt unser Geld mit dem Jagen von Pokémons verdienen. Wer möchte da noch schwere Pakete schleppen?  

„Schon eine der genannten Technologien genügt, um etablierte Strukturen aus den Angeln zu heben.“

Und wer will dann eigentlich noch vorhersagen können, was dann passiert? Denken können wir das Ganze nur aus den jetzigen Rahmenbedingungen heraus, wie diese sich dann aber verändert haben werden, das lässt sich nur schwer erahnen. Aber worauf dieser Text ziemlich zurecht  hinweist ist, dass es ja definitiv Interdependenzen zwischen diesen Technologien gibt. Setzt sich autonomes Fahren durch, benötigen wir vermutlich keine Liefer-Drohnen mehr, rennen wir in einer virtuellen Parallelwelt herum, dann benötigen wir vielleicht nicht einmal mehr selbstfahrende Fahrzeuge. Diese Auseinandersetzung mit möglichen Interdependenzen eröffnet auf einmal ganz neue Denkräume.

Das zeigt, dass zum einen unser eindimensionales und wenig disruptives Denken an dieser Stelle selbst den Hauch einer Prognose verhindert, aber auch die Tatsache der Unwissenheit darüber, welche Technologie sich denn zuerst durchsetzt, und damit wieder ganz neue Voraussetzungen schafft. Und da ist ein Spiel wie Pokémon Go ein sehr guter Indikator, der zaghaft andeutet, welche Auswirkungen alleine eine in der Gesellschaft verankerte Augmented Reality haben könnte, die sich dann aber nicht nur auf unsere Freizeitgestaltung bezieht.

Martin Weigert schreibt „Die nächsten Jahre werden verrückt – wie verrückt, entscheiden diese Technologien“. Und damit auch wir, denn wir entscheiden, welche Neuerungen sich durchsetzen, denn einige dieser Technologien waren in verschiedenen Formen schon auf dem Markt und sind auch wieder verschwunden. Entscheidend wird sein, ob und wie schnell sie sich in unserem Alltag verankern.

Dazu passt ja auch irgendwie der aktuelle Hype um Amazons  neuen Dash-Button (IoT). Dieser ist ja nun wirklich kein besonders innovativer Service-Button. Ganz im Gegenteil erinnert er doch eher an den Notfall-Knopf im Krankenhaus, wo das Pflegepersonal mir ein Schmerzmittel bringt, wenn ich ihn drücke. Eigentlich soll dieser Dash-Button aber unsere persönlichen Daten sammeln, auf deren Grundlage uns  Amazon die Produkte dann zukünftig schickt, bevor wir überhaupt ahnen, dass diese gerade zu Neige gehen. Das ist dann schon eher innovativ, was weitergedacht ganz entscheidend unseren Alltag und unser Denken  beeinflussen wird.

Und aus meiner Buchhandels-Sicht könnte mir vielleicht bald – ganz ohne Bestellung – ein neues Buch geschickt werden, welches einzig auf der Datenbasis meines Leseverhaltens der zuvor gelesenen Bücher basiert. Denn mein „Fitness- Schlaf- und Emotionen-Tracker“ weiß dann ganz genau wie mir ein Buch gefallen hat, vermutlich noch bevor ich mir selbst eine Meinung darüber gebildet habe. Und die Buchhändlerin oder der Buchhändler fangen derweil Pokémons ein. Oh wait!

 

Die Burka muss in den Kleiderschrank…

22 Aug

zumindest wenn ihre Trägerinnen in Deutschland zukünftig öffentliche Einrichtungen wie Ämter und Gerichte besuchen wollen oder ein Fahrzeug im Straßenverkehr steuern möchten dürfen. Vergehen sollen künftig, wie es in der „Berliner Erklärung“ heißt, als Ordnungswidrigkeit geahndet werden. Ein generelles Burka-Verbot, das einige Innenminister der Union im Vorfeld forderten und wie es beispielsweise in Frankreich, im Tessin und in Belgien gilt, ist in dem Forderungskatalog für mehr „Innere Sicherheit“ und Integration“ dann doch nicht eingeflossen.

Auch wenn ich das Tragen einer Burka schrecklich finde und den dahinterstehenden Gedanken der Unterdrückung ziemlich verabscheue, halte ich ein generelles Verbot von Vollverschleierung nicht für richtig – in der jetzigen Situation sogar für ein sehr gefährliches Signal.

In einer freien und demokratischen Gesellschaft sollten wir solche Symbole, die für die Unterdrückung der Frauen stehen, natürlich wirklich nicht billigen. Andererseits hängt die Burka aber in der aktuellen Debatte eher als Symbol für islamistischen Terror, Fremdenhass und Ausgrenzung am Haken – was natürlich völliger Humbug ist. Aber ein Verbot zum jetzigen Zeitpunkt würde genau diesen Eindruck verfestigen und indirekt all denen in die Hände spielen, die sowieso gerade gerne alles Fremde in unserer Gesellschaft ausgrenzen möchten. Und das hat genauso viel oder wenig mit einer freien Gesellschaft zu tun wie das Tragen der Burka selbst.

Ängste schüren durch Symbolpolitik

Im kürzlich vereinbarten Integrationsgesetz wurden viele Integrationsmaßnahmen und Sanktionen unter der Maxime des „Förderns und Forderns“ verabschiedet, die das Zusammenleben von Deutschen und Ausländern in unserer Gesellschaft gewährleisten sollen.

Schon hier wurde viel mit Symbolpolitik gearbeitet, um den starken, sicheren und deutschen Staat zu demonstrieren. Auch in diesem Gesetz ist einiges kritikwürdig, aber auf diese Grundlage könnte man nun also erst einmal vertrauen und dafür sorgen, dass auf beiden Seiten alles getan wird, damit unsere Gesellschaft die Integrationsaufgaben bewältigt und am Ende vielleicht sogar davon profitiert.

Stattdessen möchte man aus politischem Kalkül heraus Ängste schüren und an eh schon schwachen Mitgliedern der Gesellschaft ein Exempel statuieren, um sich für die nächsten Wahlen in Position zu bringen. Dafür wird in Kauf genommen, dass die Frauen bei einem Verbot noch mehr Hass ausgesetzt sind – quasi legitimiert – wie Erfahrungsberichte aus Frankreich und Belgien zeigen. Wenn in Frankreich heute Frauen die Burka ablegen, dann nicht wegen des Gesetzes oder dem drohenden Bußgeld (das in Frankreich sogar mehrheitlich von einem reichen Geschäftsmann übernommen wird), sondern weil sie Angst vor den pöbelnden Mitmenschen haben. Ob dies so im Sinne des Erfinders einer offenen Gesellschaft ist, weiß ich jetzt auch nicht.

Wir pflegen generell einen recht verschleierten Umgang miteinander

Die Burka verhindere Integration und Kommunikation, so heißt es von den Verbotsbefürwortern. Das mag durchaus so sein. Unsere Gesellschaft selbst verhindert aber auch Integration und Kommunikation. Wir tun gerade so, als würden wir unsere Mitmenschen und Migranten an jeder Stelle mit unserer Offenheit überfallen, mit Ihnen an der Ampel Blickkontakt haben, beim Bäcker quatschen und am Fahrkartenautomaten unsere Hilfe anbieten. Und nur bei denen, die eine Burka tragen, können wir diese kommunikative Herzlichkeit nicht anbringen, weil wir ihre Gesichter nicht sehen.

Wenn meine Ü80-Eltern bei mir in Berlin zu Besuch sind, dann bin ich oft froh, wenn ich sie einigermaßen unbeschadet durch die Stadt bringe. Denn die Gefahr, dass sie in der Menge einfach umgerannt werden ist sehr groß, und dies obwohl man ihre älteren Gesichter durchaus sehen kann, in denen dann auch meist blanke Panik abzulesen ist – wenn sich jemand die Mühe machte, in ihre Gesichter zu schauen.

Ich denke, wer ehrlich darüber nachdenkt, wird feststellen, dass wir auch ohne Vollverschleierung einen ziemlich verschleierten Umgang miteinander pflegen. Warum wir nun auf einmal alle unbedingt mit den bisher relativ unsichtbaren Burka-Trägerinnen Face-to-Face kommunizieren wollen, ist mir tatsächlich etwas rätselhaft. Fangen wir doch einfach schon einmal damit an: Gesichter zeigen und Gesichter wahrnehmen.

Gesellschaft der Abschottung

Wir sind mittlerweile eine Gesellschaft der Abschottung geworden und identifizieren uns aktuell eher dadurch, was wir nicht wollen: kein Europa, keine Globalisierung, keine Handelsabkommen, keine Herausforderungen, kein Risiko, keine Flüchtlinge, keine Fremden, keine Burka.

Aber was wir wollen ist dagegen nicht ganz so klar, im Großen und Ganzen gilt es wohl den Status Quo zu erhalten. Das mag bequem sein, und selbst wenn es überhaupt ginge, wäre dies auf Dauer sehr rückschrittlich, ungerecht und extrem langweilig.

Es soll ungefähr hundert bis zweihundert Burka-Trägerinnen in Deutschland geben. Ein Verbot wäre also eine Lösung für ein Problem, das hier kaum existiert, dafür aber hohe Symbolkraft ausstrahlt. Dass die Vollverschleierung ein Zeichen für die patriarchalen Strukturen ist, diese Frauen kaum eigene Rechte haben, weder arbeiten noch Autofahren dürfen, all das ist bittere Wahrheit. Durch ein Verbot wird sich daran weder hier noch in der arabischen Welt irgendetwas ändern.

Freiheit leben und pflegen, Vorbild sein für Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen und sich nicht vor jeden populistischen Karren spannen lassen, der gerade vorbeifährt – das wären gute Zeichen für eine lebendige und freie Gesellschaft.

Das Thema „Burka“ sollte aber erst einmal wieder in den Schrank.

 

Rule Britannia: Sklave der Demokratie?

24 Jun
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Quelle: The Economist

Am Tag nach dem Referendum der Briten zum Brexit gab es ein böses Erwachen – und zwar im wahrsten Wortsinn. Am Donnerstag Abend ging ich noch mit einem guten Gefühl schlafen – eine YouGov-Nachwahlbefragung sagte eine knappe Mehrheit für den EU-Verbleib hervor. 52 Prozent gegen und 48 Prozent für den Brexit. 

Nur sechs Stunden später hatte sich diese Prognose allerdings in ein genau umgedrehtes Wahlergebnis verwandelt, was der erste Blick auf das Smartphone zwar noch verschwommen, aber deutlich zeigte. Über Nacht ist Großbritannien aus der EU ausgetreten, demnach stimmten 51,9 Prozent für den Brexit und „nur“ 48,1 Prozent für den Verbleib in der EU.

Was war passiert?

Die Briten wollen die EU verlassen, sollen sie also gehen, so könnte ein kurzes Fazit aussehen, damit man mit der Abwicklung zügig beginnen kann. Allerdings: Nur die eine etwas gering größere Hälfte der Wähler will tatsächlich die Abspaltung, die etwas gering kleinere Hälfte der Wähler wäre lieber Teil der Europäischen Gemeinschaft geblieben. Und die Schotten (62 Prozent) und die Nordiren (55,8 Prozent) mehrheitlich noch viel lieberer.

Was war also tatsächlich passiert über Nacht? Die Demokratie in unserer Gesellschaft hat einen sehr faden Beigeschmack bekommen. Denn ist das wirklich Demokratie, wenn eine Mehrheit von nur einer Millionen Menschen über so gravierende Veränderungen für die Allgemeinheit bestimmt mit noch graviererenden Auswirkungen für die Zukunft des Einzelnen? Das gilt übrigens für den umgekehrten Fall genauso. In jedem Fall kann einem da Angst und Bange werden, auch für zukünftige Entscheidungen hier in unserem Land. 

46 Millionen Wahlberechtigte waren aufgerufen über Brexit or not abzustimmen. Bei einer Wahlbeteiligung von 72 Prozent haben 33 Millionen Briten dieses Wahlrecht wahrgenommen. Davon haben etwas mehr als 17 Millionen Wähler für den Brexit gestimmt und knapp 16 Millionen dagegen. Und unglaublichen 12.880.000 Briten war es egal, sie haben erst gar nicht gewählt. Das mag vielleicht demokratisch sein, aber ist das auch nur ansatzweise gerecht? Ein kleiner Teil bestimmt für alle, Alte verbauen die Zukunft der Jungen und Nichtwähler entscheiden für Wähler.

Direkte Demokratie ja – aber mit klarem Quorum

Meiner Meinung nach zeigt dieses Referendum zum Brexit eines deutlich: Eindeutige Quoren müssen her für Abstimmungen von solcher Tragweite – einfache Mehrheiten dürfen da einfach nicht ausreichen.

Denn ein Ergebnis, das aufgrund der Befragung der Bevölkerung eigentlich eine besonders hohe Legitimität haben sollte, verliert diese, wenn bei genauerer Betrachtung die Wünsche eines kleineren Teils der Bevölkerung so immense Auswirkungen auf alle hat. Gesellschaftliche Risse sind vorprogrammiert.

Vorstellbare Eckpunkte wären eine notwendige Zweidrittelmehrheit bei einer Wahlbeteiligung von 80 Prozent. Wird dies nicht erreicht, so ist das Referendum gescheitert.

Darüber sollten wir uns dringend Gedanken machen, bevor jetzt schon der ein oder andere Politiker seine Glückseligkeit in zukünftigen Referenden sieht und 51 Prozent der Deutschen beispielsweise dafür sorgen, dass wir in nationalstaatliche Kleingeistigkeit verfallen oder Ausländer, Andersgläubige und homosexuelle Menschen in diesem Land höchst demokratisch diskriminiert werden dürfen.

23 Millionen deutsche Wählerinnen und Wähler könnten über die europäische Zukunft von 64 Millionen deutschen Wahlberechtigten und 82 Millionen deutschen Menschen entscheiden. Das ist eher nicht die Stimme eines Volkes!

Rule Britania!
Britannia rule the waves.
Britains never, never, never shall be slaves?

Ohne Frauenquote in der Politik wird es keine Gleichberechtigung geben

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„Wann wird ein Text wie dieser, in dem es wieder einmal um die Problematik der Geschlechtergerechtigkeit gehen wird, endlich überholt und überflüssig sein?“ So beginnt die Soziologin Maria Funder ihren Text „Geschlecht und Wirtschaft: Wandel in Sicht?“, den ich kürzlich gelesen habe.

Und tatsächlich – es ist schon sehr erstaunlich, wie sehr entweder das Grundgesetz ignoriert oder als zementiert betrachtet wird, wenn es um das Thema Gleichstellung geht. Um die tatsächliche Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu verhindern, wird gerne mit dem Grundgesetz argumentiert, denn die Ehe für alle würde dem Schutz von Ehe und Familie, wie es im Grundgesetz verankert ist, entgegenstehen. Auf solche Gedankengänge muss man auch erst einmal kommen. Geht es aber dagegen um die Gleichstellung der Geschlechter in allen Lebensbereichen, dann wird das Grundgesetz seit Jahrzehnten gnadenlos ignoriert. Dort steht nämlich in Art.3, Abs.2 geschrieben:

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung  der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.  

Und bevor man überhaupt einen Blick in Gesellschaft und Wirtschaft wirft, reicht schon ein Blick auf das System Politik selbst, um zu erkennen, dass dieser Grundsatz nicht einmal dort umgesetzt wird. Der überwiegende Teil der Parteien pfeift auf feste Frauenquoten und paritätische Zusammensetzungen gewaltig, ignoriert also höchstselbst das sonst so gerne zitierte Grundgesetz, wenn es um die Verhinderung von ungeliebten Forderungen geht. Wen wundert es da noch, dass Geschlechtergerechtigkeit in Richtung Wirtschaft nur lapidar und dazu noch ziemlich flexi eingefordert wird.

Aber bleiben wir doch bei der Politik selbst. Erst als 1983 Die Grünen mit einer gerechten Frauenquote von 50 Prozent in den Bundestag einzogen, fühlten sich andere Parteien überhaupt erst ein ganz klein wenig bemüßigt über Gleichberechtigung in ihren eigenen Reihen nachzudenken. Vermutlich hatten sie etwas Angst, dass ihnen diese moderne Partei mit ihren T-Shirts, Turnschuhen und Frauenquote doch etwas gefährlich werden könnte. So ließ sich die SPD zu einer Quote von 33 Prozent (erst viel später dann immerhin 40 Prozent) hinreißen und die CDU legte ein unverbindliches Quorum von 33 Prozent fest. Die FDP hält eine Frauenquote erst gar nicht für nötig. Über die Umsetzung und den Willen zur Umsetzung braucht man wirklich nicht viel zu diskutieren, wir haben den politischen Betrieb ja gut vor Augen. Und Frauen in Führungspositionen in den Parteien sind allerdings noch deutlich unterpräsentierter, und zwar auf allen Ebenen. Da kann auch eine Frau als Bundeskanzlerin nicht darüber hinwegtäuschen.

Wer sich jetzt immer noch darüber wundert, dass in der Wirtschaft der Anteil von Frauen auf niedrigem Level verharrt und auch das gesellschaftliche Frauenbild sich nur schwer verändert, der werfe bitte die ersten High Heels. Aber bitte nur werfen, wer sich das auch wirklich leisten kann, denn der Gender Pay Gap, also der durchschnittliche Unterschied des Bruttostundenverdienstes von Frauen und Männern, taumelt in den letzten zehn Jahren konstant zwischen 22 und 23 Prozent. An dieser Stelle einfach noch einmal auf das Grundgesetz schauen und sich erneut über dessen Missachtung wundern, denn selbst bei gleicher Arbeit und gleicher Qualifikation liegt der prozentuale Unterschied noch bei 7 Prozent! Wie nennt man das noch gleich? Ach ja, Diskriminierung.

Stören tut das Ganze allerdings wenige, nur etwa ein Drittel der Männer sieht überhaupt noch Handlungsbedarf bei der Gleichberechtigung von Mann und Frau, die anderen halten die Gleichstellung schon für eine ziemlich abgeschlossene Kiste. Keine guten Voraussetzung also, dass sich hier Bahnbrechendes verändert. Und eines ist klar, solange sich innerhalb der Parteien keine paritätischen Aufteilungen durchsetzen, werden diese auch nicht in Wirtschaft und Gesellschaft stattfinden. Denn so wie Parteien als Gatekeeper eine größere Frauenrepräsentanz verhindern, so sind es in der Wirtschaft männlich geprägte Organisationskulturen und Netzwerke, die Frauen in Führungspositionen oder einflussreichen Jobs zu verhindern wissen. Und wo Frauen in Politik und Wirtschaft fehlen, da wird sich auch in der Gesellschaft kein wirklich gleichberechtigtes Frauenbild verankern.

Tatsächlich bin ich für gleichberechtigte Frauenquoten in allen Bereichen. Allerdings bin ich der Meinung, dass zunächst die Politik selbst Veränderungen anstreben sollte. Wie man es wirklich ernst meinen kann, zeigt beispielsweise ein Blick nach Frankreich. Dort wurde ein Paritätsgesetz erlassen, das eine Frauenquote zumindest bei den Kommunalwahlen festlegt. Demnach müssen die Parteien zu den Kommunalwahlen einen Frauenanteil von 50 Prozent auf den Wahllisten vorweisen, um zu den Wahlen überhaupt zugelassen zu werden, was dazu führte, dass sich die Frauenrepräsentanz in den französischen Kommunalparlamenten von 1995 zu 2008 nahezu verdoppelte. Dieser Prozess zeigt, dass nicht nur die festgelegten Quoten zur Steigerung der Frauenrepräsentanz geführt haben, sondern besonders auch die Sanktionen, die bei Nichteinhaltung eintreten. Denn den männlichen Politikern ist vermutlich nur deshalb daran gelegen, die Kandidatinnenquote auch einzuhalten, da die Partei ansonsten gar nicht erst zur Wahl zugelassen wird.

Es wäre also langsam an der Zeit, dass auch in der deutschen Politik innovative Maßnahmen zur Erhöhung des Frauenanteils getroffen werden, denn nur so können auch die Interessen von Frauen – gut der Hälfte der Bevölkerung – wirklich vertreten werden, und damit auch das Grundgesetz eingehalten werden.  

Ansonsten finde ich, sollten wir Frauen bei den nächsten Wahlen einfach mal unsere geballte Macht ausspielen und nach Kriterien der Gleichberechtigung wählen. Und zwar nicht, wie sie von den Parteien von anderen gefordert wird, sondern wie sie von den Parteien intern selbst umgesetzt wird. Ich könnte mir vorstellen, dass dann schnell Frauenbewegung in den Politikbetrieb kommt.

Gesellschaft im Wandel

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Ist die Subjektivierungsfigur des unternehmerischen Selbst ein Produkt der flüchtigen  Moderne? – ein Vergleich der zeitdiagnostischen Ansätze Zygmunt Baumans und Ulrich Bröcklings.

In unserer Gesellschaft haben sich in den letzten Jahren große Umbrüche vollzogen, mit spürbaren Auswirkungen auf sämtliche Lebensbereiche. Ob es sich um politische Veränderungen und Krisen, Folgen der Globalisierung oder umfängliche Prozesse in Bezug auf die Digitalisierung handelt, immer hat dies auch Einfluss auf das gesellschaftliche Zusammenleben, unsere Arbeitswelt, soziale Beziehungen und auf die einzelnen Individuen.

In unserer Gegenwartsgesellschaft herrscht immer mehr das Gefühl, dass sich so einiges verändert hat, und dass diese Veränderungen  nicht unbedingt positiv für den Einzelnen sind. Es entstehen Unsicherheit und auch Ängste, denn die Veränderungen erscheinen oftmals so diffus, dass man sie nur schwer greifen oder gar belegen kann.

Daher möchte ich mich in der vorliegenden Arbeit näher mit den Theorien der Gegenwartsgesellschaft von Zygmunt Bauman und Ulrich Bröckling beschäftigen. In Abgrenzung zur Moderne spricht Bauman von der heutigen „flüchtigen Moderne“ und Bröckling vom „unternehmerischen Selbst“ als Leitbild der Gegenwart.

Mein Interesse gilt diesen beiden Theorien, da sie sich mit aktuellen sozialen Phänomenen beschäftigen. Denn für das Individuum ist nicht mehr der eine Weg zur Erreichung eines bestimmten Ziels ersichtlich, die Verantwortung für Erfolg oder Misserfolg, für Gelingen oder Scheitern liegt bei dem Einzelnen selbst. Wie und warum ist es zu dieser Verlagerung gekommen und welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf die Individuen? Dies ist durch die verschiedenen Perspektiven der Theorien zu betrachten.

Die Arbeit beschäftigt sich aus diesem Grund mit folgender Fragestellung: „In welcher Weise lässt sich ein Zusammenhang feststellen, zwischen der Auflösung der festen Ordnung, wie sie Zygmunt Bauman in seiner Theorie der „flüchtigen Moderne“ beschreibt und  der Subjektivierungsfigur, wie sie Ulrich Bröckling mit dem „unternehmerischen Selbst“ darstellt?“

Ziel der Arbeit ist es, zunächst die Perspektiven der beiden Theorien einzeln zu beschreiben und sie im nächsten Schritt, mit Blick auf die Fragestellung, zu vergleichen und zu diskutieren. An dieser Stelle lässt sich vorwegnehmen, dass durch den Vergleich ersichtlich werden wird, dass wesentliche Merkmale der „flüchtigen Moderne“ die Eigenschaften des „unternehmerischen Selbst“ durchaus verstärken. Dieses allerdings als Produkt der „flüchtigen Moderne“ anzusehen, würde dem Aspekt des Regierens und Sich-selbst-Regierens zu wenig Bedeutung beimessen.

Zygmunt Bauman[1] setzt mit seiner Theorie der „flüchtigen Moderne“ bei der Auflösung der festen Ordnung an. Die Gegenwartsgesellschaft ist durch Deregulierung und löchrige Sicherheitsnetze gekennzeichnet, wo Menschen, die der Gesellschaft keinen Nutzen mehr bringen, wie beispielsweise Kranke und Arbeitslose, aus der gesellschaftlichen Ordnung herausfallen und soziale Beziehungen nur noch oberflächlichen Charakter haben. In einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ aus dem Jahre 2005 beschreibt Bauman unsere heutige Gesellschaft folgendermaßen:

„Wir leben heute in der flüchtigen oder flüssigen Moderne, wie ich sie nenne, in Konsumgesellschaften, in denen menschliche Beziehungen auf flüchtigen Genuss beschränkt sind. Menschen sind nur so lange wertvoll, wie sie Befriedigung verschaffen. (…) Die Überflüssigen fallen aus dem Klassensystem, aus jeder gesellschaftlichen Kommunikation heraus und finden nicht wieder hinein“ (Interview: Wenn Menschen zu Abfall werden 2005, S.2-3).

Der Einzelne wird immer mehr dem freien Markt ausgeliefert, der Staat zieht sich  als ordnende Instanz zurück und Organisationen sowie Institutionen verlieren an Bedeutung. Die Bewältigung von Ambivalenzen wird privatisiert und den Individuen überlassen, die gezwungen sind Entscheidungen zu treffen, obwohl Ihnen die Grundlage für ihre Entscheidungswahl fehlt (vgl. Bonacker 2014, S.174-175).

Ulrich Bröckling[2] spricht in Bezug auf das Leitbild des „unternehmerischen Selbst“ vom „Regime der Subjektivierung“. Der Einzelne ist angehalten, sich permanent weiterzuentwickeln und zu optimieren, um in der Gesellschaft bestehen zu können. Dies ist nötig, da soziale Sicherheitsnetze wegfallen, ein Ende des Optimums ist nicht in Sicht und auch nicht vorgesehen.

So beschreibt er beispielsweise:

 „dass die gegenwärtige Ökonomisierung des Sozialen den Einzelnen keine Wahl lässt, als fortwährend zu wählen, zwischen Alternativen freilich, die sie sich nicht ausgesucht haben: Sie sind dazu gezwungen, frei zu sein“ (Bröckling 2007, S. 12).

Bröckling erweitert im Anschluss an  Michel Foucault „den Begriff des Regierens über die Sphäre staatlicher Interventionen hinaus und bezieht ihn auch auf andere Formen planvollen Einwirkens auf menschliches Handeln“ (Bröckling 2007, S.9). 

[1] Zygmunt Bauman (geb.1925), der 1939 vor den Nazis in die Sowjetunion flüchtete, hatte als polnisch-britischer Soziologe von 1971-1990 den Lehrstuhl für Soziologie an der University of Leeds inne. Er wurde mit dem Amalfi-Preis und dem Theodor-W.-Adorno-Preis ausgezeichnet und erhielt 2014 den Preis für sein Lebenswerk von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.

[2] Ulrich Bröckling (geb.1959) ist als Professor für Kultursoziologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg tätig.

Wer sich für meine Analyse interessiert, der kann hier meine komplette Hausarbeit als PDF-Dokument kostenlos herunterladen:

Ist die Subjektivierungsfigur des unternehmerischen Selbst ein Produkt der flüchtigen Moderne? – ein Vergleich der zeitdiagnostischen Ansätze Zygmunt Baumans und Ulrich Bröcklings.

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