Die Burka muss in den Kleiderschrank…

22 Aug

zumindest wenn ihre Trägerinnen in Deutschland zukünftig öffentliche Einrichtungen wie Ämter und Gerichte besuchen wollen oder ein Fahrzeug im Straßenverkehr steuern möchten dürfen. Vergehen sollen künftig, wie es in der „Berliner Erklärung“ heißt, als Ordnungswidrigkeit geahndet werden. Ein generelles Burka-Verbot, das einige Innenminister der Union im Vorfeld forderten und wie es beispielsweise in Frankreich, im Tessin und in Belgien gilt, ist in dem Forderungskatalog für mehr „Innere Sicherheit“ und Integration“ dann doch nicht eingeflossen.

Auch wenn ich das Tragen einer Burka schrecklich finde und den dahinterstehenden Gedanken der Unterdrückung ziemlich verabscheue, halte ich ein generelles Verbot von Vollverschleierung nicht für richtig – in der jetzigen Situation sogar für ein sehr gefährliches Signal.

In einer freien und demokratischen Gesellschaft sollten wir solche Symbole, die für die Unterdrückung der Frauen stehen, natürlich wirklich nicht billigen. Andererseits hängt die Burka aber in der aktuellen Debatte eher als Symbol für islamistischen Terror, Fremdenhass und Ausgrenzung am Haken – was natürlich völliger Humbug ist. Aber ein Verbot zum jetzigen Zeitpunkt würde genau diesen Eindruck verfestigen und indirekt all denen in die Hände spielen, die sowieso gerade gerne alles Fremde in unserer Gesellschaft ausgrenzen möchten. Und das hat genauso viel oder wenig mit einer freien Gesellschaft zu tun wie das Tragen der Burka selbst.

Ängste schüren durch Symbolpolitik

Im kürzlich vereinbarten Integrationsgesetz wurden viele Integrationsmaßnahmen und Sanktionen unter der Maxime des „Förderns und Forderns“ verabschiedet, die das Zusammenleben von Deutschen und Ausländern in unserer Gesellschaft gewährleisten sollen.

Schon hier wurde viel mit Symbolpolitik gearbeitet, um den starken, sicheren und deutschen Staat zu demonstrieren. Auch in diesem Gesetz ist einiges kritikwürdig, aber auf diese Grundlage könnte man nun also erst einmal vertrauen und dafür sorgen, dass auf beiden Seiten alles getan wird, damit unsere Gesellschaft die Integrationsaufgaben bewältigt und am Ende vielleicht sogar davon profitiert.

Stattdessen möchte man aus politischem Kalkül heraus Ängste schüren und an eh schon schwachen Mitgliedern der Gesellschaft ein Exempel statuieren, um sich für die nächsten Wahlen in Position zu bringen. Dafür wird in Kauf genommen, dass die Frauen bei einem Verbot noch mehr Hass ausgesetzt sind – quasi legitimiert – wie Erfahrungsberichte aus Frankreich und Belgien zeigen. Wenn in Frankreich heute Frauen die Burka ablegen, dann nicht wegen des Gesetzes oder dem drohenden Bußgeld (das in Frankreich sogar mehrheitlich von einem reichen Geschäftsmann übernommen wird), sondern weil sie Angst vor den pöbelnden Mitmenschen haben. Ob dies so im Sinne des Erfinders einer offenen Gesellschaft ist, weiß ich jetzt auch nicht.

Wir pflegen generell einen recht verschleierten Umgang miteinander

Die Burka verhindere Integration und Kommunikation, so heißt es von den Verbotsbefürwortern. Das mag durchaus so sein. Unsere Gesellschaft selbst verhindert aber auch Integration und Kommunikation. Wir tun gerade so, als würden wir unsere Mitmenschen und Migranten an jeder Stelle mit unserer Offenheit überfallen, mit Ihnen an der Ampel Blickkontakt haben, beim Bäcker quatschen und am Fahrkartenautomaten unsere Hilfe anbieten. Und nur bei denen, die eine Burka tragen, können wir diese kommunikative Herzlichkeit nicht anbringen, weil wir ihre Gesichter nicht sehen.

Wenn meine Ü80-Eltern bei mir in Berlin zu Besuch sind, dann bin ich oft froh, wenn ich sie einigermaßen unbeschadet durch die Stadt bringe. Denn die Gefahr, dass sie in der Menge einfach umgerannt werden ist sehr groß, und dies obwohl man ihre älteren Gesichter durchaus sehen kann, in denen dann auch meist blanke Panik abzulesen ist – wenn sich jemand die Mühe machte, in ihre Gesichter zu schauen.

Ich denke, wer ehrlich darüber nachdenkt, wird feststellen, dass wir auch ohne Vollverschleierung einen ziemlich verschleierten Umgang miteinander pflegen. Warum wir nun auf einmal alle unbedingt mit den bisher relativ unsichtbaren Burka-Trägerinnen Face-to-Face kommunizieren wollen, ist mir tatsächlich etwas rätselhaft. Fangen wir doch einfach schon einmal damit an: Gesichter zeigen und Gesichter wahrnehmen.

Gesellschaft der Abschottung

Wir sind mittlerweile eine Gesellschaft der Abschottung geworden und identifizieren uns aktuell eher dadurch, was wir nicht wollen: kein Europa, keine Globalisierung, keine Handelsabkommen, keine Herausforderungen, kein Risiko, keine Flüchtlinge, keine Fremden, keine Burka.

Aber was wir wollen ist dagegen nicht ganz so klar, im Großen und Ganzen gilt es wohl den Status Quo zu erhalten. Das mag bequem sein, und selbst wenn es überhaupt ginge, wäre dies auf Dauer sehr rückschrittlich, ungerecht und extrem langweilig.

Es soll ungefähr hundert bis zweihundert Burka-Trägerinnen in Deutschland geben. Ein Verbot wäre also eine Lösung für ein Problem, das hier kaum existiert, dafür aber hohe Symbolkraft ausstrahlt. Dass die Vollverschleierung ein Zeichen für die patriarchalen Strukturen ist, diese Frauen kaum eigene Rechte haben, weder arbeiten noch Autofahren dürfen, all das ist bittere Wahrheit. Durch ein Verbot wird sich daran weder hier noch in der arabischen Welt irgendetwas ändern.

Freiheit leben und pflegen, Vorbild sein für Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen und sich nicht vor jeden populistischen Karren spannen lassen, der gerade vorbeifährt – das wären gute Zeichen für eine lebendige und freie Gesellschaft.

Das Thema „Burka“ sollte aber erst einmal wieder in den Schrank.

 

Rule Britannia: Sklave der Demokratie?

24 Jun
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Quelle: The Economist

Am Tag nach dem Referendum der Briten zum Brexit gab es ein böses Erwachen – und zwar im wahrsten Wortsinn. Am Donnerstag Abend ging ich noch mit einem guten Gefühl schlafen – eine YouGov-Nachwahlbefragung sagte eine knappe Mehrheit für den EU-Verbleib hervor. 52 Prozent gegen und 48 Prozent für den Brexit. 

Nur sechs Stunden später hatte sich diese Prognose allerdings in ein genau umgedrehtes Wahlergebnis verwandelt, was der erste Blick auf das Smartphone zwar noch verschwommen, aber deutlich zeigte. Über Nacht ist Großbritannien aus der EU ausgetreten, demnach stimmten 51,9 Prozent für den Brexit und „nur“ 48,1 Prozent für den Verbleib in der EU.

Was war passiert?

Die Briten wollen die EU verlassen, sollen sie also gehen, so könnte ein kurzes Fazit aussehen, damit man mit der Abwicklung zügig beginnen kann. Allerdings: Nur die eine etwas gering größere Hälfte der Wähler will tatsächlich die Abspaltung, die etwas gering kleinere Hälfte der Wähler wäre lieber Teil der Europäischen Gemeinschaft geblieben. Und die Schotten (62 Prozent) und die Nordiren (55,8 Prozent) mehrheitlich noch viel lieberer.

Was war also tatsächlich passiert über Nacht? Die Demokratie in unserer Gesellschaft hat einen sehr faden Beigeschmack bekommen. Denn ist das wirklich Demokratie, wenn eine Mehrheit von nur einer Millionen Menschen über so gravierende Veränderungen für die Allgemeinheit bestimmt mit noch graviererenden Auswirkungen für die Zukunft des Einzelnen? Das gilt übrigens für den umgekehrten Fall genauso. In jedem Fall kann einem da Angst und Bange werden, auch für zukünftige Entscheidungen hier in unserem Land. 

46 Millionen Wahlberechtigte waren aufgerufen über Brexit or not abzustimmen. Bei einer Wahlbeteiligung von 72 Prozent haben 33 Millionen Briten dieses Wahlrecht wahrgenommen. Davon haben etwas mehr als 17 Millionen Wähler für den Brexit gestimmt und knapp 16 Millionen dagegen. Und unglaublichen 12.880.000 Briten war es egal, sie haben erst gar nicht gewählt. Das mag vielleicht demokratisch sein, aber ist das auch nur ansatzweise gerecht? Ein kleiner Teil bestimmt für alle, Alte verbauen die Zukunft der Jungen und Nichtwähler entscheiden für Wähler.

Direkte Demokratie ja – aber mit klarem Quorum

Meiner Meinung nach zeigt dieses Referendum zum Brexit eines deutlich: Eindeutige Quoren müssen her für Abstimmungen von solcher Tragweite – einfache Mehrheiten dürfen da einfach nicht ausreichen.

Denn ein Ergebnis, das aufgrund der Befragung der Bevölkerung eigentlich eine besonders hohe Legitimität haben sollte, verliert diese, wenn bei genauerer Betrachtung die Wünsche eines kleineren Teils der Bevölkerung so immense Auswirkungen auf alle hat. Gesellschaftliche Risse sind vorprogrammiert.

Vorstellbare Eckpunkte wären eine notwendige Zweidrittelmehrheit bei einer Wahlbeteiligung von 80 Prozent. Wird dies nicht erreicht, so ist das Referendum gescheitert.

Darüber sollten wir uns dringend Gedanken machen, bevor jetzt schon der ein oder andere Politiker seine Glückseligkeit in zukünftigen Referenden sieht und 51 Prozent der Deutschen beispielsweise dafür sorgen, dass wir in nationalstaatliche Kleingeistigkeit verfallen oder Ausländer, Andersgläubige und homosexuelle Menschen in diesem Land höchst demokratisch diskriminiert werden dürfen.

23 Millionen deutsche Wählerinnen und Wähler könnten über die europäische Zukunft von 64 Millionen deutschen Wahlberechtigten und 82 Millionen deutschen Menschen entscheiden. Das ist eher nicht die Stimme eines Volkes!

Rule Britania!
Britannia rule the waves.
Britains never, never, never shall be slaves?

Ohne Frauenquote in der Politik wird es keine Gleichberechtigung geben

6 Jun cropped-fotolia_42570032_xs1

„Wann wird ein Text wie dieser, in dem es wieder einmal um die Problematik der Geschlechtergerechtigkeit gehen wird, endlich überholt und überflüssig sein?“ So beginnt die Soziologin Maria Funder ihren Text „Geschlecht und Wirtschaft: Wandel in Sicht?“, den ich kürzlich gelesen habe.

Und tatsächlich – es ist schon sehr erstaunlich, wie sehr entweder das Grundgesetz ignoriert oder als zementiert betrachtet wird, wenn es um das Thema Gleichstellung geht. Um die tatsächliche Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu verhindern, wird gerne mit dem Grundgesetz argumentiert, denn die Ehe für alle würde dem Schutz von Ehe und Familie, wie es im Grundgesetz verankert ist, entgegenstehen. Auf solche Gedankengänge muss man auch erst einmal kommen. Geht es aber dagegen um die Gleichstellung der Geschlechter in allen Lebensbereichen, dann wird das Grundgesetz seit Jahrzehnten gnadenlos ignoriert. Dort steht nämlich in Art.3, Abs.2 geschrieben:

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung  der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.  

Und bevor man überhaupt einen Blick in Gesellschaft und Wirtschaft wirft, reicht schon ein Blick auf das System Politik selbst, um zu erkennen, dass dieser Grundsatz nicht einmal dort umgesetzt wird. Der überwiegende Teil der Parteien pfeift auf feste Frauenquoten und paritätische Zusammensetzungen gewaltig, ignoriert also höchstselbst das sonst so gerne zitierte Grundgesetz, wenn es um die Verhinderung von ungeliebten Forderungen geht. Wen wundert es da noch, dass Geschlechtergerechtigkeit in Richtung Wirtschaft nur lapidar und dazu noch ziemlich flexi eingefordert wird.

Aber bleiben wir doch bei der Politik selbst. Erst als 1983 Die Grünen mit einer gerechten Frauenquote von 50 Prozent in den Bundestag einzogen, fühlten sich andere Parteien überhaupt erst ein ganz klein wenig bemüßigt über Gleichberechtigung in ihren eigenen Reihen nachzudenken. Vermutlich hatten sie etwas Angst, dass ihnen diese moderne Partei mit ihren T-Shirts, Turnschuhen und Frauenquote doch etwas gefährlich werden könnte. So ließ sich die SPD zu einer Quote von 33 Prozent (erst viel später dann immerhin 40 Prozent) hinreißen und die CDU legte ein unverbindliches Quorum von 33 Prozent fest. Die FDP hält eine Frauenquote erst gar nicht für nötig. Über die Umsetzung und den Willen zur Umsetzung braucht man wirklich nicht viel zu diskutieren, wir haben den politischen Betrieb ja gut vor Augen. Und Frauen in Führungspositionen in den Parteien sind allerdings noch deutlich unterpräsentierter, und zwar auf allen Ebenen. Da kann auch eine Frau als Bundeskanzlerin nicht darüber hinwegtäuschen.

Wer sich jetzt immer noch darüber wundert, dass in der Wirtschaft der Anteil von Frauen auf niedrigem Level verharrt und auch das gesellschaftliche Frauenbild sich nur schwer verändert, der werfe bitte die ersten High Heels. Aber bitte nur werfen, wer sich das auch wirklich leisten kann, denn der Gender Pay Gap, also der durchschnittliche Unterschied des Bruttostundenverdienstes von Frauen und Männern, taumelt in den letzten zehn Jahren konstant zwischen 22 und 23 Prozent. An dieser Stelle einfach noch einmal auf das Grundgesetz schauen und sich erneut über dessen Missachtung wundern, denn selbst bei gleicher Arbeit und gleicher Qualifikation liegt der prozentuale Unterschied noch bei 7 Prozent! Wie nennt man das noch gleich? Ach ja, Diskriminierung.

Stören tut das Ganze allerdings wenige, nur etwa ein Drittel der Männer sieht überhaupt noch Handlungsbedarf bei der Gleichberechtigung von Mann und Frau, die anderen halten die Gleichstellung schon für eine ziemlich abgeschlossene Kiste. Keine guten Voraussetzung also, dass sich hier Bahnbrechendes verändert. Und eines ist klar, solange sich innerhalb der Parteien keine paritätischen Aufteilungen durchsetzen, werden diese auch nicht in Wirtschaft und Gesellschaft stattfinden. Denn so wie Parteien als Gatekeeper eine größere Frauenrepräsentanz verhindern, so sind es in der Wirtschaft männlich geprägte Organisationskulturen und Netzwerke, die Frauen in Führungspositionen oder einflussreichen Jobs zu verhindern wissen. Und wo Frauen in Politik und Wirtschaft fehlen, da wird sich auch in der Gesellschaft kein wirklich gleichberechtigtes Frauenbild verankern.

Tatsächlich bin ich für gleichberechtigte Frauenquoten in allen Bereichen. Allerdings bin ich der Meinung, dass zunächst die Politik selbst Veränderungen anstreben sollte. Wie man es wirklich ernst meinen kann, zeigt beispielsweise ein Blick nach Frankreich. Dort wurde ein Paritätsgesetz erlassen, das eine Frauenquote zumindest bei den Kommunalwahlen festlegt. Demnach müssen die Parteien zu den Kommunalwahlen einen Frauenanteil von 50 Prozent auf den Wahllisten vorweisen, um zu den Wahlen überhaupt zugelassen zu werden, was dazu führte, dass sich die Frauenrepräsentanz in den französischen Kommunalparlamenten von 1995 zu 2008 nahezu verdoppelte. Dieser Prozess zeigt, dass nicht nur die festgelegten Quoten zur Steigerung der Frauenrepräsentanz geführt haben, sondern besonders auch die Sanktionen, die bei Nichteinhaltung eintreten. Denn den männlichen Politikern ist vermutlich nur deshalb daran gelegen, die Kandidatinnenquote auch einzuhalten, da die Partei ansonsten gar nicht erst zur Wahl zugelassen wird.

Es wäre also langsam an der Zeit, dass auch in der deutschen Politik innovative Maßnahmen zur Erhöhung des Frauenanteils getroffen werden, denn nur so können auch die Interessen von Frauen – gut der Hälfte der Bevölkerung – wirklich vertreten werden, und damit auch das Grundgesetz eingehalten werden.  

Ansonsten finde ich, sollten wir Frauen bei den nächsten Wahlen einfach mal unsere geballte Macht ausspielen und nach Kriterien der Gleichberechtigung wählen. Und zwar nicht, wie sie von den Parteien von anderen gefordert wird, sondern wie sie von den Parteien intern selbst umgesetzt wird. Ich könnte mir vorstellen, dass dann schnell Frauenbewegung in den Politikbetrieb kommt.

Gesellschaft im Wandel

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Ist die Subjektivierungsfigur des unternehmerischen Selbst ein Produkt der flüchtigen  Moderne? – ein Vergleich der zeitdiagnostischen Ansätze Zygmunt Baumans und Ulrich Bröcklings.

In unserer Gesellschaft haben sich in den letzten Jahren große Umbrüche vollzogen, mit spürbaren Auswirkungen auf sämtliche Lebensbereiche. Ob es sich um politische Veränderungen und Krisen, Folgen der Globalisierung oder umfängliche Prozesse in Bezug auf die Digitalisierung handelt, immer hat dies auch Einfluss auf das gesellschaftliche Zusammenleben, unsere Arbeitswelt, soziale Beziehungen und auf die einzelnen Individuen.

In unserer Gegenwartsgesellschaft herrscht immer mehr das Gefühl, dass sich so einiges verändert hat, und dass diese Veränderungen  nicht unbedingt positiv für den Einzelnen sind. Es entstehen Unsicherheit und auch Ängste, denn die Veränderungen erscheinen oftmals so diffus, dass man sie nur schwer greifen oder gar belegen kann.

Daher möchte ich mich in der vorliegenden Arbeit näher mit den Theorien der Gegenwartsgesellschaft von Zygmunt Bauman und Ulrich Bröckling beschäftigen. In Abgrenzung zur Moderne spricht Bauman von der heutigen „flüchtigen Moderne“ und Bröckling vom „unternehmerischen Selbst“ als Leitbild der Gegenwart.

Mein Interesse gilt diesen beiden Theorien, da sie sich mit aktuellen sozialen Phänomenen beschäftigen. Denn für das Individuum ist nicht mehr der eine Weg zur Erreichung eines bestimmten Ziels ersichtlich, die Verantwortung für Erfolg oder Misserfolg, für Gelingen oder Scheitern liegt bei dem Einzelnen selbst. Wie und warum ist es zu dieser Verlagerung gekommen und welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf die Individuen? Dies ist durch die verschiedenen Perspektiven der Theorien zu betrachten.

Die Arbeit beschäftigt sich aus diesem Grund mit folgender Fragestellung: „In welcher Weise lässt sich ein Zusammenhang feststellen, zwischen der Auflösung der festen Ordnung, wie sie Zygmunt Bauman in seiner Theorie der „flüchtigen Moderne“ beschreibt und  der Subjektivierungsfigur, wie sie Ulrich Bröckling mit dem „unternehmerischen Selbst“ darstellt?“

Ziel der Arbeit ist es, zunächst die Perspektiven der beiden Theorien einzeln zu beschreiben und sie im nächsten Schritt, mit Blick auf die Fragestellung, zu vergleichen und zu diskutieren. An dieser Stelle lässt sich vorwegnehmen, dass durch den Vergleich ersichtlich werden wird, dass wesentliche Merkmale der „flüchtigen Moderne“ die Eigenschaften des „unternehmerischen Selbst“ durchaus verstärken. Dieses allerdings als Produkt der „flüchtigen Moderne“ anzusehen, würde dem Aspekt des Regierens und Sich-selbst-Regierens zu wenig Bedeutung beimessen.

Zygmunt Bauman[1] setzt mit seiner Theorie der „flüchtigen Moderne“ bei der Auflösung der festen Ordnung an. Die Gegenwartsgesellschaft ist durch Deregulierung und löchrige Sicherheitsnetze gekennzeichnet, wo Menschen, die der Gesellschaft keinen Nutzen mehr bringen, wie beispielsweise Kranke und Arbeitslose, aus der gesellschaftlichen Ordnung herausfallen und soziale Beziehungen nur noch oberflächlichen Charakter haben. In einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ aus dem Jahre 2005 beschreibt Bauman unsere heutige Gesellschaft folgendermaßen:

„Wir leben heute in der flüchtigen oder flüssigen Moderne, wie ich sie nenne, in Konsumgesellschaften, in denen menschliche Beziehungen auf flüchtigen Genuss beschränkt sind. Menschen sind nur so lange wertvoll, wie sie Befriedigung verschaffen. (…) Die Überflüssigen fallen aus dem Klassensystem, aus jeder gesellschaftlichen Kommunikation heraus und finden nicht wieder hinein“ (Interview: Wenn Menschen zu Abfall werden 2005, S.2-3).

Der Einzelne wird immer mehr dem freien Markt ausgeliefert, der Staat zieht sich  als ordnende Instanz zurück und Organisationen sowie Institutionen verlieren an Bedeutung. Die Bewältigung von Ambivalenzen wird privatisiert und den Individuen überlassen, die gezwungen sind Entscheidungen zu treffen, obwohl Ihnen die Grundlage für ihre Entscheidungswahl fehlt (vgl. Bonacker 2014, S.174-175).

Ulrich Bröckling[2] spricht in Bezug auf das Leitbild des „unternehmerischen Selbst“ vom „Regime der Subjektivierung“. Der Einzelne ist angehalten, sich permanent weiterzuentwickeln und zu optimieren, um in der Gesellschaft bestehen zu können. Dies ist nötig, da soziale Sicherheitsnetze wegfallen, ein Ende des Optimums ist nicht in Sicht und auch nicht vorgesehen.

So beschreibt er beispielsweise:

 „dass die gegenwärtige Ökonomisierung des Sozialen den Einzelnen keine Wahl lässt, als fortwährend zu wählen, zwischen Alternativen freilich, die sie sich nicht ausgesucht haben: Sie sind dazu gezwungen, frei zu sein“ (Bröckling 2007, S. 12).

Bröckling erweitert im Anschluss an  Michel Foucault „den Begriff des Regierens über die Sphäre staatlicher Interventionen hinaus und bezieht ihn auch auf andere Formen planvollen Einwirkens auf menschliches Handeln“ (Bröckling 2007, S.9). 

[1] Zygmunt Bauman (geb.1925), der 1939 vor den Nazis in die Sowjetunion flüchtete, hatte als polnisch-britischer Soziologe von 1971-1990 den Lehrstuhl für Soziologie an der University of Leeds inne. Er wurde mit dem Amalfi-Preis und dem Theodor-W.-Adorno-Preis ausgezeichnet und erhielt 2014 den Preis für sein Lebenswerk von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.

[2] Ulrich Bröckling (geb.1959) ist als Professor für Kultursoziologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg tätig.

Wer sich für meine Analyse interessiert, der kann hier meine komplette Hausarbeit als PDF-Dokument kostenlos herunterladen:

Ist die Subjektivierungsfigur des unternehmerischen Selbst ein Produkt der flüchtigen Moderne? – ein Vergleich der zeitdiagnostischen Ansätze Zygmunt Baumans und Ulrich Bröcklings.

AfD schürt Hass – zur Belohnung gibt´s Millionen Kreuzchen

6 Mai

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Die Alternative für Deutschland (AfD), die sich auf dem Nährboden der Euro-Rettungspolitik gegründet hat, und mittlerweile zur Anti-Islam Partei mutiert ist, kann sich über mangelnden Zuspruch durch die WählerInnen nicht beklagen – obwohl sie sich ansonsten ja gerne beklagt, besonders über Phänomene, die von der Norm einer Gesellschaft der 60er Jahre abweichen.  

Die menschenverachtenden und auch mausgerutschten Aussagen der AfD-PolitikerInnen lassen sich, ohne besonders lange zu überlegen, als eindeutig rechtspopulistisch kategorisieren. Hinzu kommen Themen aus dem aktuellen  Leitantrag zum Grundsatzprogramm der Partei, die keinen Zweifel daran lassen, wie nationalistisch und rückwärtsdenkend sie sind. Ein paar Forderungen sind: Deutsche Leitkultur statt Multikulti, die deutsche Sprache als Zentrum unserer Identität, der Islam gehört nicht zu Deutschland, Moscheen verbieten, Vollverschleierung verbieten, Gender-Forschung abschaffen, Leistungsbereitschaft und Disziplin stärken, Geschlechterquoten abschaffen und verehelichte Vater-Mutter-Kind-Norm-Familien stärken.

Viel Zirkeltraining, wenig Spaß

Wer das liest, dem wird sofort schlecht, möchte man meinen. Das klingt nämlich alles nach reichlich Verboten, merkwürdiger Menschenfeindlichkeit, viel Zirkeltraining und sehr wenig Spaß. Aber das Gegenteil ist der Fall: mit jeder rassistischen, nationalistischen, verbotserklärenden und homophoben Äußerung erhält die AfD noch weitere Anhänger.

Laut der aktuellen Sonntagsfrage zur politischen Stimmung im Land von infratest dimap liegt die AfD bundesweit momentan bei 15 Prozent. Man lese sich obige Programmforderungen durch und lasse diesen Umfragewert einfach auf sich wirken. Das passt einfach nicht zusammen in einer modernen und aufgeschlossenen Gesellschaft. Unter den Teppich kehren lassen sich diese Zahlen allerdings nicht, es bleibt zu vermuten, dass sie sogar noch weiter steigen werden. Aber was bedeuten 15 Prozent? Bei ungefähr 64 Millionen Wahlberechtigten in Deutschland würden 15 Prozent bedeuten, dass gut 9 Millionen BürgerInnen AfD wählen würden. Geht man von einer Wahlbeteiligung von 73 Prozent (Bundestagswahl 2013) aus, dann wären es gut 7 Millionen AfD WählerInnen unter uns.

Es geht also nicht mehr um ein paar Hundert versprengte AfD-Partei-Nationalisten, die es zu beschimpfen gilt. Das Desaster ist weitaus größer. Ich glaube nicht daran, dass die Partei einen rechten Mob in bald zweistelliger Millionenhöhe in Deutschland aufgeweckt hat. Das spielt aber auf dem Wahlzettel keine Rolle, da ist es relativ egal, ob das Kreuz bei der AfD ein gedankliches Hakenkreuz ist oder nicht. Wenn die Partei in dieser prognostizierten Stärke gewählt wird, dann wird sie dies für sich zu nutzen wissen.

Warum sind die WählerInnen mit der aktuellen Politik und gesellschaftlichen Lage so unzufrieden?

In dieser Frage liegt die Wahrheit irgendwo begraben. Allerdings sehe ich bis jetzt niemanden, der gewillt ist einen Spaten in die Hand zu nehmen, um nach ihr zu graben. Lieber versucht man mit reichlich Beschimpfungen die Frage zu vernichten – das wird aber nicht gelingen.

Der Soziologe Zygmunt Bauman beispielsweise beschäftigt sich seit vielen Jahrzehnten mit den Ursachen von gesellschaftlichen Veränderungen.

Er setzt mit seiner Theorie der „Flüchtigen Moderne“ bei der Auflösung der festen Ordnung an. Dies führt zu Deregulierung, geringerer Sicherheit und Ängsten, aber auf der anderen Seite scheinbar auch zu mehr Freiheit und Individualität in einer kontingenten Welt der grenzenlosen Möglichkeiten, in der sich für das Individuum der soziale Bezugsrahmen immer mehr auflöst. Der Staat liefert den Einzelnen dem freien Markt aus, das staatliche Sicherheitssystem wird abgebaut und Flexibilität gefordert.

Freiheit ist also nicht mehr nur der große Spaß alles zu dürfen, sondern die große Angst alles zu verlieren.

Auswüchse, die jetzt gerade geschehen, hat er schon seit vielen Jahren beschrieben. Stand das Konzept einer „offenen Gesellschaft“ ursprünglich für die Selbstbestimmung einer freien Gesellschaft, so suggeriert es heute eher die Vorstellung einer schutzlosen Bevölkerung, die Mächten gegenübersteht, die sie weder kontrollieren noch verstehen kann, beschreibt Bauman schon in seinem Werk „Flüchtige Zeiten. Leben in der Ungewissheit“ von 2008.

Es wird nicht funktionieren, auf die AfD einzudreschen, um zu verhindern, dass sie gewählt wird. Die Politik muss endlich den Spaten in die Hand nehmen und anfangen zu graben, auch wenn sie sich dabei Schwielen holt. Viele Menschen in dieser Gesellschaft haben Sorgen um ihre Zukunft, egal wie gut situiert sie heute auch sein mögen. Denn mit einem Erfolg von heute kann man sich vielleicht schon Morgen nichts mehr kaufen. Und ein „ups, die Riester Rente ist doch doof“ lässt die Hoffnung auf ein gutes Leben und den Glauben in die Politik mit globalen Herausforderungen umzugehen, nicht gerade wachsen.

 

Böhmermann stellt die Vertrauensfrage

14 Apr

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Jan Böhmermann stellt Angela Merkel die Vertrauensfrage. Die Antwort allerdings lässt auf sich warten.

Als Jan Böhmermann am 31. März in seiner Sendung Neo Magazin Royale mit diesen Worten

„Extra 3 hat in dieser Woche fast den dritten Weltkrieg ausgelöst –

dafür erst mal einen großen Applaus! Ja! Mit ’ner Supernummer.“

eine Demonstration zum Thema Meinungsfreiheit einleitete, war noch nicht abzusehen, was er selbst damit auslösen würde.

Vielleicht mag man es mit der heterolytischen Spaltung vergleichen können, wie man sie aus der Chemie kennt. Bei einer heterolytischen Spaltung verbleiben die Bindungselektronen an einem Bindungspartner, es entstehen somit je ein Kation (positiv geladenes Ion) und ein Anion (ein negativ geladenes Ion). Dabei nimmt das elektronegativere Element die negative Ladung auf. (Quelle: Wikipedia)

Welcher Bindungspartner hier die volle negative Ladung aufgenommen hat, muss nicht weiter ausgeführt werden. Die Spaltung hat funktioniert, das Experiment ist gelungen.

Das Böhmermannsche Meinungsfreiheit-Experiment lässt sich auf der Homepage vom Deutschlandfunk im Kontext anschauen: Causa Böhmermann: Die Schmähkritik im Ganzen.

Wer dies nachliest, der kann sich alle anderen drölfzigtausend Artikel, Lieder und Meinungen dazu sparen. Also eigentlich auch diesen Text hier. Naja.

Ich hatte selbst besagte Neo-Magazin Folge nicht gesehen und als ich kurz darauf auf sämtlichen Social Media Kanälen einzelne Bröckchen des zusammengelöteten Ziegen-Gedichtes las, dachte ich schon „lieber intelligenter Herr Böhmermann, musste das jetzt sein?“ Nachdem ich es im Kontext gesehen hatte, war mir allerdings sofort klar, „Ja, das musste sein. Und zwar genau jetzt!“

Ausgangspunkt ist und bleibt die Reaktion der Türkei (Botschafter, Löschung und so) auf den Erdowie-Erdowo-Erdogan-Song von Extra 3. Bei einem vergleichsweise harmlosen Inhalt wollte Erdogan seine Macht beweisen und auf unsere hiesige Meinungsfreiheit Einfluss nehmen. „Aber nicht mit uns“ grölten Politik und Gesellschaft gleichermaßen auf allen Kanälen, leicht Nena-bedudelt. Doch es war ein schrillendes Alarmsignal.

Denn wie sieht es im „Ernstfall“ aus mit unserer Unabhängigkeit der Türkei gegenüber? Böhmermann hat es uns mit seinem exzellenten Handwerkzeug der Satire vor Augen geführt, und damit nicht nur die Politik entlarvt, sondern unsere Gesellschaft gleich mit.  

Zum einen stellt er damit Angela Merkel die Vertrauensfrage. Kann sie nach dem Flüchtlingspakt noch so objektiv und sachlich mit der Türkei umgehen, wie es richtig und wichtig wäre? Die Böhmermann Satire hat relativ schnell deutlich gemacht: sie kann es nicht.

Zu hoffen wäre allerdings, dass ihr Telefonat mit Erdogan, in dem sie vorschnell urteilt, das Gedicht  sei „bewusst  verletzend“ (und Erdogan zu Recht angepisst) beruht einfach auf schlechter Vorarbeit ihrer Mitarbeiter. Vermutlich hat man ihr, mit leiser Stimme und leicht gerötet, lediglich ein paar Stellen aus dem Gedicht vorgelesen, ohne ihr den Gesamtzusammenhang zu präsentieren. Dass es nun wiederum zwei Wochen dauert, um die Frage zu beantworten, ob man dem Strafersuch Ankaras stattgeben möchte, ist allerdings genauso fahrlässig. Denn durch ihr zunächst zu schnelles Empörungs-Eingeständnis und ihre jetzt hinausgezögerte Antwort hat Merkel ihren Handlungs- und Entscheidungsspielraum nahezu auf Null geschraubt.

All das, was in dieser unendlich anmutenden Zeit in die Welt geraten ist, lässt sich nun nicht mehr einfangen – egal wie ihre Entscheidung auch ausfällt. Böhmermann hat diesen Teil seiner wohlkalkulierten Demonstration gewonnen. Eine demokratische Regierung, die einen Deal mit einem Despoten eingeht, um sich lästige Probleme vom Hals zu schaffen, ist danach nicht mehr frei in ihren Handlungswahlen. Aus einem Pakt mit dem Teufel kommst du nicht heraus, ohne deine Ideale und Überzeugungen zu verkaufen.  

Aber auch uns als Zivilgesellschaft führt Böhmermann unsere mittlerweile liebgewonnene bequeme Haltung vor Augen. Was haben wir doch alle so lustig den Erdogan-Extra 3-Song beklatscht. Und ließen uns nicht einmal davon abschrecken, dass es ein Nena-Liedchen war.

„In Deutschland ist so was erlaubt, und ich finde es ganz toll, wie in dieser Woche die Zivilgesellschaft aufgestanden ist…“

freut sich Böhmermann satirisch. Weiß er doch genau, dass von uns niemand überhaupt aufstehen musste, um unsere hart erkämpfte Meinungsfreiheit per Tweet zu verteidigen. Das machen wir doch locker aus dem Bett. Noch vor dem ersten Kaffee, wenn es sein muss.  „Je suis Extra 3“ sprengt nicht mal das twittersche Zeichenlimit. Genial. Ein klares Statement, dass der Deal mit der Türkei und der Menschenhandel mit Flüchtlingen für uns gar nicht geht, würde das Zeichenlimit wohl sprengen. Da kann man nix machen.

Für dieses Genie-Stück, für das Jan Böhmermann mittlerweile leider unter Polizeischutz steht, muss man ihm tatsächlich sehr danken. Besser hätte sich die politisch-gesellschaftliche Komfortkammer kaum darstellen lassen.

Satire muss mindestens so weit gehen, wie sie benötigt, um sich von der Wirklichkeit überhaupt noch unterscheidbar zu machen. Es ist also gar keine Frage der Grenzen für Satire, die sich stellt. Es ist die Wirklichkeit, die der Satire die Begrenzung vorgibt. Das Satire-Stück sagt also einiges darüber aus, wie es um unsere Wirklichkeit beschaffen ist. Das sollte uns vielleicht mehr Sorgen bereiten, als der diplomatische Ziegensalat.

Wie die Geschichte ausgeht? Ich weiß es nicht. Das steht sicher in den übrigen drölfzigtausend Texten. Aber eines ist deutlich geworden, die Vertrauensfrage haben wir alle schon längst verloren. Jetzt geht es nur noch darum, eine Antwort abzuwarten. Und warten können wir.

 

Allein unter Menschen

5 Apr

„Noch nie zuvor habe ich Deutsche erlebt, die mich so laut angeschrien haben“ schreibt Tuvia Tenenbom in seiner Kolumne „Meine Deutschen brauchen die Flüchtlinge mehr als die Flüchtlinge sie“. Puh.

Vielleicht sollte Tenenbom mal darüber nachdenken, dass es vielleicht nicht nur am Flüchtlingsthema und nicht an den „Flüchtlingsliebenden“ Deutschen liegt, sondern an ihm selbst. Es gibt viele Möglichkeiten sich diesem Thema zu nähern und noch mehr Meinungen. Das finde ich auch nicht schlimm, sondern bereichernd. Wenn ich solche Texte lese, geht allerdings auch mir die Hutschnur hoch.  

Ich glaube, es ist momentan einfach für manche Menschen schwierig, sich in eine Denke oder Grundhaltung hineinzuversetzen, in der jeder Mensch ein Recht auf ein Leben in Frieden hat. Stattdessen diskreditiert man diejenigen schnell als Gutmenschen und Blödiane. Ist das denn tatsächlich so schwer nachvollziehbar, dass man anderen Menschen das gleiche Leben in Demokratie und Freiheit wünscht, das einem selbst durch glückliche Umstände zuteil wurde?

„Woher kommt die Zuneigung für Flüchtlinge?“

Ich möchte darauf antworten, die kommt nicht, sondern ist einfach da, wenn man generell ein Freund von Menschen ist.

Ist es so unglaubwürdig oder weltfremd, dass man sich eher vorstellen kann, mit ein paar Millionen Kriegsflüchtlingen zusammenzuleben, als mit anzusehen, wie sie in Lagern rund um Europa gefangen gehalten werden?  Oder unschuldige Kinder im Meer ertrinken?

Ist es so abwegig zu sagen, dass man in einer globalisierten Welt, wo alles mit allem zusammen hängt, nicht leben möchte, wenn andere Menschen dafür sterben müssen, nur damit wir wieder in Ruhe auf unserem Sofa sitzen können?   

Die Welt und die fürchterlichen Bilder lassen sich aber nicht ausschalten – damit werden wir leben müssen.

Unsere Verantwortung für die Welt in der wir leben endet nicht mal eben dort, wo die Türkei anfängt die Drecksarbeit für uns zu übernehmen. Sind wir so luxusverwöhnt und energielos, dass wir nicht einmal versuchen, Migration, Integration und Gesellschaft neu zu denken?

Und das ist das wirklich bittere an der ganzen Geschichte, zu erkennen, dass es am Ende des Tages nicht um Zusammenleben, sondern um Ausgrenzung geht. Und unser Leben ist erst dann besonders wertvoll, wenn andere sterben. Aber Hauptsache die Bilder verschwinden bald wieder aus unserem Blick.

Die FDP sollte jetzt ihre Chance nutzen

20 Feb

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Ein Wunder ist geschehen, die FDP dümpelt wieder bei 5 Prozent.

Die Freiheit des Einzelnen, Selbstbestimmung und Demokratie ist die Basis liberaler Politik.

Diese Grundsätze politischer Komposition würde ich sofort unterschreiben. Und dennoch habe ich noch nie in meinem Leben FDP gewählt. Warum eigentlich nicht?

Vielleicht gab es stets zu viele Zwischentöne, die diesen Dreiklang störten oder gar unglaubwürdig machten. Oder vielleicht hörte sich dieser Dreiklang zwar wunderschön an, übertönte aber, dass dieser nur für einen gewissen Teil der Menschen gelten sollte. Dies gipfelte dann irgendwann sogar in die „spätrömische Dekadenz“, manifestierte damit aber nur noch sprachlich, was sich hinter der musikalischen Variation schon längst verbarg: Freiheit und Selbstbestimmung gilt nur für die, die nicht am Existenzminimum nagen – ob aus eigenem Verschulden oder nicht. Egal.

Selbstbestimmung, Freiheit und Demokratie muss man sich leisten können. Das klingt gar nicht sehr harmonisch und hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Politik darf Verantwortung für Grundwerte, die an jedes Leben geknüpft sein sollten, nicht denen zuschieben, die diese aufgrund politisch geschaffener Strukturen gar nicht übernehmen können  oder gar keine Ressourcen und Gestaltungsspielräume haben.

Die meisten Menschen hier im Land arbeiten hart und viel, schaffen es aber kaum davon zu leben oder ein Vermögen anzusparen. Wieder andere verdienen zwar so gut, um sich ein sorgloses Leben zu gestalten, wissen aber, dass sich dies von jetzt auf gleich ändern kann. Und dann sind sie raus aus dem Spiel und schöne Musik hören sie dann eher nur noch aus der Ferne. Das ist ein Nährboden für Angst und Stillstand.

Da sich durch Digitalisierung und Globalisierung die Arbeit – besonders der Wert von Arbeit – extremst verändern wird, sind wohl langsam andere Lösungen zu suchen, als das Unternehmertum zu hofieren oder Hotelsteuern in die Welt zu pflanzen.

An den dicken Brettern bohren

Wirkliche Gestaltung und Visionen für eine sich wandelnde Gesellschaft sind gefragt. In einer Zeit, in der gerade alles zusammenzubrechen droht, sollte die FDP ihre Chance nutzen und an den wirklich dicken Brettern bohren. Angesichts der Flüchtlingskrise erwacht der braune Mob im Land, zündet Flüchtlingsheime an und offenbart Menschenverachtung in seiner schrecklichsten Art. „Besorgte Bürger“ laufen grölend durch deutsche Innenstädte und „besorgte Eier“ verpesten soziale Netzwerke mit ihrem geistigen Dünnschiss.

Politiker aus CSU und CDU verhindern strategische Debatten über Integration und Zukunftsplanung, indem sie aus machtpolitischem Interesse selbst unterirdische und rhetorisch fragwürdige Parolen propagieren. Und die SPD schafft es aufgrund ihrer Identitätsprobleme gerade noch irgendwie zu nicken, um dann aber gleich wieder zu behaupten, sie hätte gar nicht genickt. Langsam gönnt ihr selbst der letzte Fan ein längeres Nickerchen.

Will die FDP unter der Führung von Christian Lindner eine Partei bleiben, die an jedem Wahlabend bei 4,9 Prozent anfängt und bei 5,2 Prozent die Sektkorken knallen lässt? Eine Partei, die man nicht wegen ihres Programms wählt, sondern als Königsmacher für Koalitionen, wie es sich nun auch wieder in Baden-Württemberg abzeichnet? Bis der Wähler auch davon wieder genug hat, weil sie für irgendein Klientel Hotelgutscheine ordert, während die dicken Bretter darauf warten gebohrt und genagelt zu werden?

Das neue Farbgewand der Partei, das mich leider immer an die letzte Telefonrechnung oder das übelste Funkloch denken lässt, steht farbpsychologisch für Mitgefühl, Engagement, Ordnung und man höre und staune: Transformation. Dass unsere Gesellschaft große Veränderungsprozesse durchmacht (durchmachen muss), die bis jetzt wenig bis kaum gestaltet werden, steht außer Frage. Und dass dieses Vakuum zu einer Schwächung des Rechtsstaates und einer Ent-Demokratisierung führt, lässt sich in Teilen schon beobachten.

 FDP von A-Z    What?

Wenn ich das Parteiprogramm der FDP von A-Z lese, beziehungsweise bei ungefähr H einnicke (like SPD), glaube ich aktuell leider nicht daran, dass es hier Strategien gibt für eine Gestaltung der Zukunft. Hier werden Themen eher bürokratisch verwaltet, obwohl man selbst Bürokratieabbau fordert.

Eine FDP, die ich wählen möchte, würde in ihrem Programm sämtliche Strukturen auf den Kopf stellen. Sie würde das bedingungslose Grundeinkommen fordern, weil sie wüsste, dass dies nichts mit spätrömischer Dekadenz zu tun hat, sondern dazu beiträgt, Freiheit, Wirtschaft und Arbeit der Zukunft in einen Gleichklang zu bekommen.

„Mit Mini-Jobs, Zeitarbeit und Teilzeit sorgen wir für die nötige Flexibilität und schaffen einen Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt.“ stünde auf gar keinen Fall im Wahlprogramm. Sie würden eine Freiheit fordern für alle Menschen, die auf Verantwortung und Respekt basiert. Sie würde eine Wirtschaftspolitik betreiben, die langfristiges und gesundes Wachstum fördert, das aber letztlich dem Gesellschaftssytem zugute kommt und nicht  darauf ausgerichtet ist, die Wirtschaft als Selbstzweck zu etablieren.   

German FDP Mut“

Die FDP, die ich wählen würde, würde nicht wieder bei 5 Prozent rumdümpeln. Denn aufgrund ihres Gestaltungswillen hätten viel mehr Menschen den Wunsch, diese Partei zu wählen. Weil sie wüssten, dass die geforderte Freiheit nicht nur die Freiheit der anderen sein soll. Und bei Überschriften wie „Die FDP ist von den Toten auferstanden“ würde ich nicht gleich an „Untote“ denken, die nachts über Friedhöfe taumeln. Von mir aus – wenn es denn sein muss – an kravattenlose, dreitagebärtige Startuper, wenn sie denn Ideen hätten, die über hipp und cool hinausgehen. Der große Vorteil von Startups ist doch gerade, dass sie Phänomene und Problemstellungen revolutionär neu denken können. Sie wollen nicht einfach nur neue Dienste anbieten, sondern in diesem Bereich mit ihren Ideen alte Strukturen und Denkmuster aufbrechen und so zum Vorreiter für Neues werden. Ob das gelingt ist dann eine andere Frage.   

Es würde Mut erfordern von der FDP, aber es könnte sich lohnen. Und es würde zeigen, dass die FDP tatsächlich bereit ist Verantwortung für die Freiheit zu übernehmen – und nicht nur für ihre eigene. Ein Dreiklang aus Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie würde tatsächlich nach einer fairen und lohnenswerten Gesellschaft klingen.

In einer kontingenten Welt ist alles möglich. Sogar dass ich eines Tages Freie Demokraten wähle. Wenn die FDP ein echtes Zukunftsprogramm hätte, wäre es mir das sogar wert!

 

 

Bürokratie erklärt in nur einem Bild

16 Feb

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Ich schreibe gerade über Max Webers Bürokratiemodell mit Blick auf die theoretische Perspektive von Niklas Luhmann – besonderer Augenmerk gilt seinem geschlossenen System und der Umwelt/System Sichtweise. Das Zusammenspiel von formalen und informalen Strukturen in Organisationen fordert gerade meine größte Aufmerksamkeit.(Das ist auch der Grund, weshalb ich momentan nicht einmal Zeit finde für #25Minuten- Texte. Leider)   

Dieser Tweet heute hat mir allerdings ganz neue Motivation beschert und lachend geht ja bekanntlich gleich alles viel leichter von der Hand. Habe schon überlegt, ob ich sämtliche Recherche sofort beiseite lege, den Bücherstapel wegpacke, alle bereits geschriebenen Seiten ignoriere und einfach das Bild aus der rheinischen Kantine als Erklärung für sich sprechen lasse😉  

Wäre ein Versuch wert!

Übrigens hatte Max Weber ja eigentlich nur den Idealtypus von Bürokratie beschrieben. Wenn er wüsste…

 

Herr Stern, was können wir aus der Geschichte lernen?

3 Feb
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Fritz Stern im Interview

Stehen wir vor einem neuen Zeitalter der Angst?

Zu seinem 90. Geburtstag hat der Historiker Fritz Stern ein beeindruckendes Interview gegeben. Es ging um unsere Geschichte und um unsere Zukunft. Und ich bin der Meinung, auch wenn gerne argumentiert wird, dass es jetzt mal langsam gut ist mit dem Rückblick auf deutsche Gräueltaten, wird unsere Vergangenheit immer unser Handeln in der Zukunft bestimmen. Immer. Und das sollte es auch.   

Geht es nur mir so, dass ich Gespräche mit Menschen, die ein lebendiges Geschichtsbuch darstellen, besonders in der aktuellen flüchtigen Zeit als absolute Bereicherung ansehe? Vor ein paar Tagen sprach gerade die jüdische Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger im Deutschen Bundestag zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Ihre Rede über die deutschen Abgründe der Judenverfolgung, Konzentrationslager, Massenmorde und Vertreibung, ist Mahnmal und Ansporn zugleich. Mahnmal, dass Menschen zu solch unfassbaren Verbrechen an der Menschlichkeit fähig sind, und Ansporn, alles menschenmögliche zu tun, dass so etwas in der deutschen Geschichte nie wieder passieren kann. Und mehr noch, ein „Wir schaffen das“ in Bezug auf die Flüchtlingssituation aus dem Munde einer Frau zu hören, die das Konzentrationslager überlebt hat, sollte nicht nur Ansporn sein, sondern höchste Motivation für die Politik in Deutschland und in Europa, ihre Anstrengungen bis ins schier unermessliche zu erhöhen.

Und machen wir uns doch nichts vor. Alleine schon aus purem Egoismus. Oder wollen wir uns daran gewöhnen, dass täglich Menschen vor unserer europäischen Haustüre qualvoll ertrinken? „Heute Nacht sind leider wieder 9 Menschen im Meer ertrunken, darunter 4 Kinder. Und jetzt das Wetter.“

Hat sich schon einmal jemand darüber Gedanken gemacht, wie man auf Dauer mit solch einer Situation umgehen kann? Ich mir schon. Und die unerträglich zynische Antwort lautet, man wird sich wohl irgendwie daran gewöhnen und verdrängen.

Wenn nun Fritz Stern auf die Frage, was wir aus der Geschichte lernen können sagt „Dass man wissen sollte, dass die Freiheit ungeheuer verletzlich ist“ und dass genau diese Freiheit durch den aktuellen rechtsradikalen Populismus bedroht werde, der nämlich Freiheit jederzeit beschränken würde, dann rückt das unsere augenblickliche Wirklichkeit wieder ein Stück weit zurecht. Er sei aufgewachsen mit dem Sterben einer Demokratie und jetzt sieht er sie zumindest wieder in Gefahr. Und nicht durch Menschen, die auf der Flucht sind, sondern durch einen sich wieder ausbreitenden Rechtsextremismus. 

Mit Blick auf die USA sieht er in den Präsidentschaftskandidaten Ted Cruz und Donald Trump eine große Gefahr auf uns zukommen, denn sie seien mitnichten nur konservativ, sondern rechtsradikal, die die Welt jederzeit in ein Unglück stürzen würden. Generell sieht er in der Verdummung der Menschen, in Kombination mit Angst und Unsicherheit, eine Gefahr, die man nicht unterschätzen kann. Aus dieser Kombination entsteht der Schrei nach Autorität und Führung, die dann vom rechten Rand bedient wird.

Seinen Rat, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen und demokratische Errungenschaften nach 1945 nicht als einfach gegeben hinzunehmen, hat rein gar nichts mit Gestrigkeit oder ewiger Schuld zu tun, sondern ist meiner Meinung nach die einzige Möglichkeit, genug Ehrgeiz freizusetzen, um an allen Ecken dafür zu kämpfen. Und wenn auf diese Weise die Vergangenheit unser Handeln in Gegenwart und Zukunft beeinflusst, wäre das sicherlich kein Rückschritt. 

„Wir schaffen das“ ist vielleicht nicht einfach. Aber „wir schaffen das nicht“ kann doch nicht wirklich eine Option sein.

Und ich bin froh, dass Menschen wie Fritz Stern oder Ruth Klüger uns genau das noch eindrücklich vor Augen führen können.

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